Die Kritik an Gold ist derzeit laut. Eine geopolitische Eskalation, nervöse Märkte – und ausgerechnet Gold fällt. Für viele Marktteilnehmer passt das nicht ins Bild eines klassischen sicheren Hafens.
Der Blick auf die jüngste Entwicklung verstärkt diesen Eindruck. Gold ist seit Anfang 2024 von rund 2.000 US-Dollar auf zwischenzeitlich über 5.400 US-Dollar je Unze gestiegen. Eine außergewöhnliche Bewegung. Seit dem Ausbruch der Spannungen im Nahen Osten korrigierte der Preis jedoch auf etwa 4.400 US-Dollar und bewegt sich seither vergleichsweise träge.
Die Schlussfolgerung liegt für viele auf der Hand. Gold funktioniert als Krisen-Asset nicht mehr. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch, dass genau diese Reaktion nichts Ungewöhnliches ist.
Wenn Liquidität wichtiger ist als Logik
Ein Blick zurück auf die Finanzkrise 2008 hilft bei der Einordnung. Zwischen März und Oktober 2008 fiel der Goldpreis von rund 1.000 US-Dollar auf etwa 700 US-Dollar – ein Rückgang von rund 30 Prozent. Ähnlich verlief es in der COVID-19-Pandemie. Im März 2020 sank Gold innerhalb von nur zwei Wochen um ca. 15% von etwa 1.700 auf rund 1.450 US-Dollar. In beiden Fällen war der Ablauf nahezu identisch. Gold fiel, bevor es anschließend deutlich stärker stieg.
Diese erste Phase einer Krise wird häufig missverstanden. In ihr dominiert nicht die fundamentale Bewertung, sondern die Liquidität. Wenn Märkte abrupt fallen, entsteht ein „Liquiditäts-Crunch“. Anleger müssen Positionen abbauen – nicht aus Überzeugung, sondern aus Zwang. Margin Calls erzwingen Verkäufe.
Verkauft wird nicht das Schwächste. Verkauft wird das Liquideste und das, was im Gewinn ist. Auch aktuell Gold erfüllt genau diese Kriterien und genau deshalb gerät es in dieser Phase unter Druck.
Das Zinsargument und sein blinder Fleck
Parallel dazu etabliert sich ein zweites Narrativ. Steigende geopolitische Spannungen treiben häufig die Inflationserwartungen durch Angebotsschocks. Die logische Schlussfolgerung vieler Marktteilnehmer lautet: Höhere Inflation führt zu höheren Zinsen und das belastet Gold, weil es keine laufenden Erträge bietet.
Der Gedanke ist nachvollziehbar, aber unvollständig. Denn entscheidend ist nicht der nominale Zins, sondern der Realzins – also der Zins nach Abzug der Inflation. Und genau hier wiederholt sich ein Muster, das in nahezu jeder Krise zu beobachten war.
Wenn die Realität einsetzt
In der Theorie müssten Notenbanken die Zinsen bei steigender Inflation deutlich erhöhen. In der Praxis geschieht dies jedoch nur begrenzt. Zum einen reagieren Notenbanken verzögert. Zum anderen sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen heute sehr angespannt.
Die globale Verschuldung ist hoch. Steigende Zinsen erhöhen die Finanzierungskosten der Staaten, belasten Haushalte und bremsen die Konjunktur. Sinkende Steuereinnahmen treffen auf steigende Zinsausgaben. Dies ist ein Spannungsfeld, das den Handlungsspielraum der Geldpolitik begrenzt.
Die Folge ist ein bekanntes Muster. Zinsen steigen vielleicht, aber weniger stark als die Inflation. Damit sinkt der Realzins. Und genau dieser Realzins ist einer der zentralen Treiber für Gold.
Was Krisen wirklich für Gold bedeuten
Sobald sich der unmittelbare Liquiditätsdruck legt, beginnt also die nächste Phase. In ihr rücken die fundamentalen Konsequenzen der Krise in den Vordergrund. Nach der Finanzkrise 2008 stieg Gold von rund 700 US-Dollar auf über 1.900 US-Dollar bis 2011. Nach dem Einbruch im März 2020 erreichte Gold wenige Monate später neue Höchststände in der Region 2.000 US-Dollar.
Diese Bewegungen waren keine Zufälle. Sie spiegelten eine strukturelle Veränderung wider: weiter und stärker steigende Staatsverschuldung, neue expansive Fiskal- und Geldpolitik, sinkende reale Kaufkraft von Währungen und negative oder fallende Realzinsen
Gold reagiert nicht auf die Krise selbst, sondern auf ihre monetären Folgen!
Ein Muster, das sich wiederholt
Die Abfolge ist bemerkenswert stabil. Zunächst dominiert Liquidität. Märkte fallen, Positionen werden reduziert, Gold gerät unter Druck. Anschließend verschieben sich die Erwartungen. Inflation wird sichtbar, Zinsschritte werden diskutiert.
Erst dann setzt die eigentliche Erkenntnis ein, dass die strukturellen Konsequenzen der Krise langfristig unterstützend für Gold wirken. Was kurzfristig wie eine Schwäche erscheint, ist häufig der Beginn einer fundamentalen Stärkung.
Der immer gleiche Denkfehler
Die Kritik an Gold ist daher weniger ein Hinweis auf eine strukturelle Veränderung als vielmehr Ausdruck eines bekannten Denkfehlers: der Erwartung, dass Märkte linear und intuitiv reagieren. Gold reagiert nicht auf Schlagzeilen, sondern auf deren monetäre Konsequenzen und diese zeigen sich erst mit zeitlicher Verzögerung.
Der gefährlichste Satz an den Kapitalmärkten ist und bleibt: „Diesmal ist alles anders.“
Gold hat über Jahrhunderte seine Rolle nicht dadurch bewiesen, dass es in jeder Marktphase steigt, sondern dadurch, dass es in entscheidenden Momenten die Kaufkraft erhält.
Und genau das wird auch diesmal nicht anders sein.
Tim Bröning ist Geschäftsführender Gesellschafter der Bröning Investment & Consulting GmbH www.broening-investment.de, und u.a. Beirat bei Fonds Finanz.














