Wer derzeit in asiatische Aktien investiert, erlebt ein vertrautes Szenario. Die jüngste Parallele bietet dabei das Jahr 2020. Seinerzeit schlug der Momentum-Index den Referenzindex um über 50 Prozent, während sich gewaltige Kapitalströme auf eine kleine Gruppe oftmals unrentabler Unternehmen konzentrierten.
Das heutige Umfeld ist jedoch komplexer. Zwar sind die Renditen wie schon 2020 stark konzentriert und von Momentum-Effekten im KI-Sektor getrieben, die Bewertungen unterscheiden sich jedoch grundlegend. Im Gegensatz zu damals sind die aktuellen Marktführer jedoch keineswegs durchweg teuer bewertet. Einige Hersteller von Halbleiterspeichern erzielen beispielsweise hohe Erträge und werden in einigen Fällen mit niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 6 bis 7 gehandelt.
Das Bewertungsparadoxon
Die derzeitige Konstellation führt zu einem bemerkenswerten Paradoxon. Auf den ersten Blick wirken diese Unternehmen günstig, doch bei genauerer Betrachtung basieren die niedrigen Bewertungen auf außergewöhnlich hohen Gewinnen, die ihren Höhepunkt bereits erreicht haben könnten. Maßgeblich ist daher nicht allein das Kurs-Gewinn-Verhältnis, sondern die Tragfähigkeit und Nachhaltigkeit der zugrundeliegenden Gewinnbasis. Aus unserer Sicht spiegeln die aktuellen Bewertungen in Teilen der KI-Wertschöpfungskette Erwartungen wider, die ebenso ambitioniert wie anfällig sind. Sollte sich die Nachfrage normalisieren, das Marktangebot steigen oder die Kapitalintensität zunehmen, besteht das Risiko deutlicher Korrekturen bei den Gewinnerwartungen. In einem solchen Szenario könnte sich das, was heute optisch günstig erscheint, rückblickend als spürbar teurer erweisen.
Wir bezeichnen Teile dieses Anlageuniversums daher als „zweideutig günstig“: attraktiv auf Basis kurzfristiger Kennzahlen, jedoch mit erheblichen Unsicherheiten behaftet, was die Nachhaltigkeit der aktuellen Profitabilität und die genaue Phase des Konjunkturzyklus betrifft, in der diese Gewinne anfallen.
Uneinheitliche Erwartungen
Diese zurückhaltende Einschätzung wird durch das übergeordnete Marktumfeld zusätzlich untermauert. Während zahlreiche globale Märkte wie die USA, Japan, Taiwan, Südkorea und Indien auf oder nahe ihren Allzeithochs notieren, verharren China, Hongkong und Teile Südostasiens weiterhin weit unter ihren historischen Höchstständen. Diese ausgeprägte Divergenz verdeutlicht eine starke Erwartungsstreuung am Markt. Das Kapital konzentriert sich gezielt auf die vermeintlichen Gewinner, während für andere Teilmärkte weiterhin ein deutlich pessimistischeres Szenario eingepreist bleibt.
Im Gegensatz zu diesen „zweideutig günstigen“ Bereichen bleiben andere Teile des Marktes, insbesondere China und ausgewählte Regionen Südostasiens, weiterhin das, was wir als „eindeutig günstig“ bezeichnen würden. Ihre Bewertungen spiegeln eine gesunde Skepsis des Marktes wider und bieten neben einem geringeren Risiko eine deutlichere Asymmetrie. Dies zeigt sich keineswegs nur auf Indexebene, sondern auch bei qualitativ hochwertigen Unternehmen. Ein großes chinesisches Technologieunternehmen beispielsweise liefert weiterhin eine solide operative Performance mit einem Gewinnwachstum im hohen zehnprozentigen Bereich, wird jedoch nur mit dem etwa 11-Fachen der erwarteten Gewinne gehandelt. Ein solches Bewertungsniveau lässt sich nur schwer mit einem vergleichbaren, in den USA notierten Unternehmen in Einklang bringen, bei dem analoge Vermögenswerte wahrscheinlich deutlich höhere Bewertungsmultiplikatoren erzielen würden.
Fundamentale Rahmenbedingungen
Aus fundamentaler Sicht wird dieses Potential durch das makroökonomische Umfeld zusätzlich gestützt. Die risikofreien Zinsen in China liegen auf einem außergewöhnlich niedrigen Niveau: Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen liegt bei rund 1,7 %, während die Einlagenzinsen unter 1 % verbleiben. Vor diesem Hintergrund bietet der Hang-Seng-Index eine Dividendenrendite von über 4 % und gehört damit weltweit zu den attraktivsten unter den großen Märkten. Diese Kombination aus niedrigen Kapitalkosten, günstigen Aktienbewertungen und hohen Ausschüttungsrenditen spricht eindeutig für ein Engagement in Aktien. Ähnliche Dynamiken zeigen sich in Teilen Südostasiens, allen voran im Bankensektor, wo die Profitabilität weiterhin hoch und die Bewertungen moderat sind.
Die Historie lehrt, dass Phasen extremer Konzentration nicht von ewiger Dauer sind. Wenn die Marktführung wieder auf eine breitere Basis gestellt wird und Fundamentaldaten zum maßgeblichen Preistreiber werden, eröffnet dieses Gleichgewicht aus Partizipation und Disziplin aus unserer Sicht die Chance auf bessere risikobereinigte Renditen.
Autor James Cook ist Investment Director Emerging Markets bei Federated Hermes.















