Der derzeit bedeutendste industrielle Wettstreit der Welt wird um einen Siliziumstreifen ausgetragen, der weniger als einen Millimeter hoch ist.
Er spielt sich in zwei südkoreanischen Städten ab, die eine Stunde voneinander entfernt liegen: Icheon, dem Sitz von SK Hynix, und Pyeongtaek, wo Samsung Electronics viele seiner fortschrittlichsten Chips herstellt. Es geht nicht nur um die Führungsposition bei Speicherhalbleitern, sondern auch um den Einfluss auf einem der am schnellsten wachsenden Märkte der Weltwirtschaft: künstliche Intelligenz.
Im Mittelpunkt des Wettstreits steht High-Bandwidth Memory (HBM): Stapel von Speicherchips, die neben KI-Prozessoren platziert werden und diese schnell genug mit Daten versorgen, damit Rechenleistung im Wert von Milliarden Dollar nicht ungenutzt bleibt. Jede Generation der KI-Chips von Nvidia erfordert immer ausgefeiltere HBM. In der Praxis entscheidet Nvidias Qualifizierungsprozess darüber, wer gewinnt. Ein Zulieferer ist nicht erfolgreich, weil er den besten Speicher verkauft; er verkauft Speicher, weil Nvidia ihn als den besten bewertet.
Auf den ersten Blick scheint dies eine Geschichte über fortschrittliche Fertigung zu sein. Tatsächlich ist es vor allem eine Geschichte über Kultur.

Mike Gallagher (Foto: FSSA Investment Managers)
Vor fünfzehn Jahren hätte wohl kaum jemand SK Hynix als künftigen Technologieführer gesehen. Von Schulden und jahrelangen Verlusten belastet, wurde das Unternehmen 2012 von der SK Group gerettet, nachdem viele Konkurrenten bereits vom Markt verschwunden waren. Das deutsche Unternehmen Qimonda war zusammengebrochen. Japans Elpida folgte bald darauf. Die Speicherindustrie konsolidierte sich auf nur noch drei ernstzunehmende Hersteller. Selbst nach seiner Rettung blieb Hynix fest im Schatten von Samsung.
HBM hat alles verändert
Im Gegensatz zu herkömmlichen Speichern müssen bei HBM die Speicherchips auf einen Bruchteil der Breite eines menschlichen Haares abgeschliffen werden, bevor sie in einem kaum kreditkartendicken Gehäuse zu einem Dutzend oder mehr Schichten gestapelt werden. Die Fertigungstoleranzen werden in Mikrometer (Micron bzw. Mikron) gemessen. Hitze, Belastung und winzige Unvollkommenheiten werden zu existenziellen Problemen.
Hynix widmete sich schon früh der Lösung dieser Probleme. Das Unternehmen verfeinerte eine firmeneigene Packaging-Technik, bekannt als „Mass Reflow Moulded Underfill“, die es ermöglichte, immer höhere Speicherstapel zuverlässig herzustellen und zugleich die Wärmeableitung zu verbessern. Als generative KI aufkam, benötigte Nvidia genau diese Fähigkeit im industriellen Maßstab. Eine Zeit lang war Hynix praktisch der einzige Anbieter, der dies liefern konnte.
Der Markt belohnte diese Entscheidung eindrucksvoll. Anfang dieses Sommers überholte Hynix kurzzeitig Samsung als wertvollstes börsennotiertes Unternehmen Südkoreas und beendete damit, wenn auch nur für einen Tag, Samsungs ununterbrochene Dominanz, die bis ins Jahr 2000 zurückreichte.
Warum hat das kleinere Unternehmen gewonnen?
Ein Teil der Antwort liegt bei Samsung selbst. Das Unternehmen verlagerte um das Jahr 2019 herum den Fokus von HBM auf andere Prioritäten im Halbleiterbereich. Ingenieure, die weiterhin davon überzeugt waren, dass gestapelte Speicher die Zukunft darstellen, wechselten zunehmend zu Hynix. Später kamen erfahrene Ingenieure hinzu, die Intel verließen.
Überzeugung, so zeigt sich, ist übertragbar.
Die tiefgreifendere Erklärung ist jedoch organisatorischer Natur.
Berichte aus dem Inneren beider Unternehmen beschreiben Samsung als stark hierarchisch geprägt, mit intensivem internem Wettbewerb zwischen den Geschäftsbereichen. Hynix erscheint dagegen deutlich kooperativer: Informationen fließen durch regelmäßige technische Diskussionen, Ingenieure werden zum Experimentieren ermutigt, und erfolglose Projekte werden dokumentiert, anstatt stillschweigend in Vergessenheit zu geraten.
Das ist von Bedeutung, weil die Halbleiterfertigung im Kern ein Lernprozess ist. Wettbewerbsvorteile entstehen nicht durch einen einzigen Durchbruch, sondern durch Millionen schrittweiser Verbesserungen, die sich über Jahre hinweg ansammeln. Unternehmen, die Wissen effektiver teilen, können diese Verbesserungen schneller vorantreiben.
Mit anderen Worten: Kultur lässt sich in Mikrometern messen.
Nichts davon schmälert die Rolle von Strategie oder Glück. Hynix profitierte zudem davon, sich den exklusiven Zugang zu speziellen japanischen Materialien gesichert zu haben, die für seinen Fertigungsprozess unerlässlich waren, und versperrte Wettbewerbern damit einen naheliegenden Weg zur Nachahmung. Nachhaltige Wettbewerbsvorteile sind in der Regel eine Kombination aus Urteilsvermögen, Umsetzung und Glück. Die besten Unternehmen zeichnen sich oft nicht dadurch aus, dass sie Glück schaffen, sondern dass sie es frühzeitig erkennen und dauerhaft sichern.
Der nächste Kampf der Branche beginnt bereits
Die kommende HBM4-Generation erfordert noch höhere Speicherstapel und führt fortschrittliche Logikchips an der Basis jedes Stapels ein. Der Erfolg hängt zunehmend nicht nur von den Speicherherstellern ab, sondern auch von der Taiwan Semiconductor Manufacturing Company, deren fortschrittliche Fertigungsprozesse mittlerweile einen Großteil des Branchenfortschritts tragen. Hynix und TSMC bezeichnen sich nicht als direkte Konkurrenten, sondern als „One Team“ – ein Eingeständnis, dass die Führungsrolle in der modernen Halbleiterindustrie zunehmend Ökosystemen und nicht mehr einzelnen Unternehmen gehört.
Samsungs Reaktion war charakteristischerweise ehrgeizig. Nachdem das Unternehmen bei früheren Generationen mit Qualifizierungsproblemen zu kämpfen hatte, setzt es nun auf Hybrid-Bonding, einen fortschrittlicheren Fertigungsansatz, der erhebliche langfristige Vorteile verspricht, sich aber in der Massenproduktion noch bewähren muss. Im Erfolgsfall könnte Samsung verlorenen Boden rasch zurückgewinnen. Andernfalls könnte sich der Vorsprung von Hynix weiter vergrößern.
Die vielleicht nachhaltigste Lehre stammt von Morris Chang, dem Gründer von TSMC. Laut einer aktuellen Darstellung der Geschichte von Hynix riet Chang dem SK-Chairman Chey Tae-won, Halbleiterunternehmen sollten in Abschwungphasen möglichst nah am Kunden bleiben und in Boomphasen niemals arrogant werden.
Dieser Ratschlag erscheint heute besonders relevant.
KI hat in Teilen der Halbleiterindustrie zu außergewöhnlicher Rentabilität geführt. Die Geschichte lehrt uns, dass solche Bedingungen selten auf Dauer Bestand haben. Unternehmen, die zyklischen Erfolg mit dauerhafter Überlegenheit verwechseln, müssen oft feststellen, dass Kunden ein langes Gedächtnis haben.
Die Schwierigkeiten von Samsung im HBM-Bereich waren nicht technischer Natur, sondern gingen auf eine falsche Fokussierung zurück, genau in dem Moment, als ein technologischer Wandel erforderlich wurde. Der Aufstieg von Hynix spiegelt die gegenteiligen Eigenschaften wider: Geduld, organisationales Lernen und eine ungewöhnliche Bereitschaft, Ingenieure statt die Hierarchie darüber entscheiden zu lassen, wo das Unternehmen in seine Zukunft investiert.
In der Halbleiterbranche wird der Wettbewerbsvorteil oft in Nanometern oder Mikrometern beschrieben.
Gemessen wird er jedoch immer mehr an der Unternehmenskultur.
Autor Mike Gallagher ist Investmentspezialist bei FSSA Investment Managers, die zu First Sentier Group gehören.














