Die Lage in dieser letzten Juliwoche 2026 liest sich wie ein Wettlauf gegen die Flammen. Bis zum 27. Juli verbrannten in Frankreich rund 116.000 Hektar Fläche – weit mehr als im bisherigen Rekordjahr 2022, als während des ganzen Jahres 66.337 Hektar verbrannten. Der französische Innenminister Laurent Nuñez bezeichnete dies als historischen Rekord. Im Département Gironde allein sind rund 42.000 Hektar verbrannt – das entspricht einer Fläche von viermal Paris.
In Spanien sieht es kaum besser aus: Die drei Großbrände bei Madrid und Ávila haben sich zu einem gigantischen Feuer vereinigt, über 150.000 Menschen sind durch Evakuierungen oder Ausgangssperren unmittelbar betroffen. Es ist das erste Mal in Spanien, dass wegen Waldbränden ein Notstand von nationaler Tragweite ausgerufen wurde. Gleichzeitig kämpft Italien seit Jahresbeginn gegen Brände auf Sardinien, in Piemont und auf Sizilien, wo nach Auswertungen des European Forest Fire Information System bereits über 11.500 Hektar verbrannt sind. Portugal hatte Anfang Juli ebenfalls Tausende Hektar verloren und den EU-Katastrophenschutzmechanismus aktiviert.
Das Ausmaß ist kein Zufall. Seit 2022 ist die Zahl der Waldbrände in der WHO-Region Europa laut WHO um 57 Prozent gestiegen. Und auch Deutschland ist längst kein unbeteiligter Zuschauer: Im vergangenen Jahr 2025 vernichteten hierzulande laut BMEL-Statistik 1.175 Brände rund 2.626 Hektar Waldfläche, eine Fläche so groß wie die Insel Norderney. Die Schäden gingen damit weit über das langjährige Mittel von 844 Hektar hinaus.
Kein exotisches Szenario mehr
Was lange wie ein Problem warmer Länder wirkte, ist in der Mitte Europas angekommen. „Viele Unternehmen unterschätzen noch immer, wie stark sich das Waldbrandrisiko in Europa verändert hat“, sagt Sebastian Kempka, Senior Consultant Technical Risk bei der KA Köln.Assekuranz Agentur GmbH, einer hundertprozentigen Ergo-Tochter. „Waldbrände sind kein Risiko, das nur Kalifornien oder Südeuropa betrifft. Sie können heute auch Industrie- und Logistikstandorte in Deutschland direkt oder indirekt beeinträchtigen.“
Als mahnendes Beispiel verweist Kempka auf einen Vorfall Anfang Juli 2026 in Thessaloniki: Nach Angaben der Köln.Assekuranz griff dort ein Vegetationsbrand am nordwestlichen Stadtrand auf ein Industriegebiet über – eine Recyclinganlage und ein Textilbetrieb gerieten in Brand. Für Deutschland kommt ein spezifisches Problem hinzu: Zahlreiche Waldgebiete sind mit Kampfmittelresten belastet. Beim jüngsten Waldbrand nahe Bad Kreuznach musste nach Unternehmensangaben stellenweise ein Löschroboter eingesetzt werden, um Einsatzkräfte nicht zu gefährden.
Funkenflug als heimliche Hauptgefahr
Für Industriestandorte liegt die eigentliche Gefahr oft nicht in der Flammenfront. „Glutpartikel können vom Wind über große Entfernungen transportiert werden und weit vor der eigentlichen Brandfront neue Zündquellen setzen“, erklärt Kempka. Dachflächen, Lagerbestände, offene Anlagenteile können brennen, lange bevor das Feuer sichtbar ist. Besonders anfällig sind etwa Schwimmdächer auf Lagertanks in der Petrochemie: Bei einer Dachfläche von 2.000 Quadratmetern können nach einer australischen Berechnungsmethode – so die Köln.Assekuranz – rund 10.000 Glutpartikel gleichzeitig auftreffen. Hinzu kommt, dass auch Rauchexponierung bei vielen Gütern erhebliche Schäden verursacht – eine Gefahr, die angesichts der derzeit über weite Teile Südwesteuropas ziehenden Rauchwolken hochaktuell ist.
Risikobewertung: Potenzial, Vegetation, Vulnerabilität
Sarah Reuter, Teamleiterin des KA Risk Lab, erläutert, wie sich die Gefährdung eines Standorts systematisch einschätzen lässt. Zunächst werden klimatische Einzelparameter – Blitzdichte, Dürre, relative Luftfeuchtigkeit, Oberflächenwinde – zu einem Waldbrandpotenzial zusammengefasst. Dann wird die Vegetation am Standort bewertet. Erst die Kombination ergibt ein vollständiges Bild. Entscheidend ist schließlich die Vulnerabilität der Werte: „Ein brennbares Lagergut im Freien ist deutlich stärker gefährdet als dasselbe Lagergut in einem feuerbeständigen Brandschutzlager“, so Reuter. „Ein Standort mitten im Wald muss nicht zwangsläufig ein hohes Risiko bedeuten – wenn die Schutzmaßnahmen stimmen.“
Wer vorsorgen will, sollte auf vier strukturelle Maßnahmen setzen: Wundstreifen ohne Vegetation bremsen Bodenfeuer, Schutzstreifen und Laubholzriegel quer zur Windrichtung dämpfen Brandintensität und Funkenflug, gut ausgebaute Waldwege sichern den Feuerwehrzugang. Kempka betont dabei, dass die wirtschaftlichen Folgen eines Waldbrands regelmäßig unterschätzt werden: „In vielen Fällen übersteigen Betriebsunterbrechungsschäden den eigentlichen Sachschaden deutlich. Ein Werk muss dafür nicht einmal direkt betroffen sein – bereits gesperrte Verkehrswege oder Ausfälle bei Zulieferern können Produktion und Logistik erheblich beeinträchtigen.“
Was Privatpersonen absichern sollten
Aber auch für Privatpersonen ist das Thema relevant, zumal sie nicht immer nur potenzielle Opfer sind, sondern auch als mögliche Verursacher. Laut Schutzgemeinschaft Deutscher Wald wird nahezu ein Drittel der Waldbrände durch fahrlässiges menschliches Verhalten ausgelöst. „Eine achtlos weggeworfene Zigarettenkippe oder ein Funke vom Grill können schwerwiegende Folgen haben“, sagt Bianca Boss, Vorständin des Bund der Versicherten (BdV). Auch heiß gelaufene Katalysatoren gelten als häufig unterschätzte Brandursache.
Wer fahrlässig einen Brand verursacht, haftet für die entstandenen Schäden. In solchen Fällen greift die Privathaftpflichtversicherung. Sie übernimmt Folgekosten von Personen-, Sach- und Vermögensschäden und wehrt ungerechtfertigte Forderungen notfalls gerichtlich ab. Der BdV empfiehlt eine Deckungssumme von mindestens 15 Millionen Euro pauschal. Ist ein Auto die Brandursache, leistet in der Regel die Kfz-Haftpflichtversicherung. Auch hier empfiehlt der BdV eine pauschale Deckungssumme von 100 Millionen Euro.
Wer selbst zum Betroffenen wird, ist über andere Verträge abgesichert: So werden Gebäudeschäden durch die Wohngebäudeversicherung abgedeckt, Schäden an Mobiliar und Hausrat übernimmt hingegen die Hausratversicherung. Wird das eigene Auto durch ein Feuer beschädigt, greift die Teil- oder Vollkaskoversicherung.
Waldbrände – ein Managementthema
Waldbrandrisiken sind kein Umwelt- oder Forstthema mehr. Angesichts der aktuellen Lage in Frankreich, Spanien, Italien und Portugal ist das keine Zukunftsprognose, sondern Gegenwart. „Wer seine Exposition kennt und rechtzeitig vorsorgt, verschafft sich einen echten Resilienzvorteil“, bringt es Sebastian Kempka auf den Punkt. Für Unternehmen wie für Privatpersonen gilt: Die richtige Absicherung setzt voraus, das eigene Risiko realistisch einzuschätzen – bevor der nächste Brand kommt.
















