Die Inflation im Euroraum ist im September überraschend kräftig gestiegen - und das bringt die Bauzinsen aktuell wieder unter Druck. Nach einer ersten Schätzung des Statistikamts Eurostat zogen die Verbraucherpreise um 3,8 Prozent zum Vorjahr an. Einen derart deutlichen Zuwachs gab es zuletzt im September 2023. Noch vor dem anstehenden Treffen der Europäischen Zentralbank (EZB) Ende Oktober nimmt deshalb die Erwartung zu, dass im Dezember eine dritte Zinserhöhung folgt. Das berichtet der Baufinanzierungsvermittler Qualitypool in seiner aktuellen Zinseinschätzung „Zinszoom“.
Nach 3,2 Prozent im August fiel der Anstieg stärker aus als von Ökonomen erwartet. Haupttreiber bleiben weiterhin die Energiepreise. Der Konflikt um den Iran und neue Sorgen um die Schifffahrt durch die Meerenge Bab al-Mandab trieben den Preis für Brent-Öl zeitweise auf über 100 US-Dollar je Barrel.
Auch in Deutschland ziehen die Verbraucherpreise kräftig an. Nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts stieg die Inflationsrate im September auf 3,3 Prozent. Damit überschreitet sie die Drei-Prozent-Schwelle zum ersten Mal seit Ende 2023 wieder. Immerhin könnte der seit 1. Oktober geltende Tankrabatt die Teuerung bis zum Jahresende leicht abschwächen; für Oktober gehen Ökonomen von einem Effekt in Höhe von etwa 0,3 Prozentpunkten aus.
EZB-Zinsentscheid rückt näher
„Die September-Zahlen haben die Hoffnung auf eine längere Zinspause der EZB deutlich gedämpft“, so die Einschätzung von Marco Schöfl, Director Sales der Qualitypool GmbH. „Wichtiger als die Gesamtrate ist, was darunter passiert: Dienstleistungen verteuern sich schneller, die Kernrate der Verbraucherpreise zieht leicht an, und die Unternehmen reichen ihre Energiekosten zunehmend weiter.“
Genau diese Verfestigung wolle die Notenbank verhindern, erklärt Schöfl weiter. Am Markt gehe man derzeit davon aus, dass die EZB im Oktober zunächst abwarte und im Dezember nachlege.
Fed uneins über weiteren Kurs
Auch jenseits des Atlantiks bewegt sich die Geldpolitik. Im September erhöhte die US-Notenbank Fed erstmals seit drei Jahren wieder ihren Leitzins und hob ihn auf einen Korridor von 3,75 bis 4,00 Prozent an. Die Entscheidung fiel einstimmig. Das veröffentlichte Sitzungsprotokoll zeigt allerdings unterschiedliche Lesarten: Einige Notenbanker werten den Schritt vor allem als Vorsichtsmaßnahme, andere betrachten dies als Beginn einer merklich restriktiveren Geldpolitik. Die Mehrheit hält eine weitere Anhebung bis zum Jahresende für angemessen. Der Markt preist einen Zinsschritt im Dezember derzeit mit einer Wahrscheinlichkeit von 86 Prozent ein.
Im September sei offen gewesen, ob die Fed überhaupt handle, so Schöfl. Inzwischen gehe es um die Frage, wie weit die Notenbank noch gehen könnte. Die einstimmige Entscheidung bei gleichzeitig weit auseinanderliegenden Begründungen zeige, dass die Fed keinen festen Fahrplan verfolge, sondern von Sitzung zu Sitzung entscheide. Diesen Kurs habe Fed-Mitglied Kevin Warsh beim Notenbankertreffen in Jackson Hole bereits angekündigt. Für die Anleihemärkte bedeute das laut Schöfl, dass sich mit jeder neu veröffentlichten Inflations- und Arbeitsmarktzahl Bewegung bei den Renditen einstellen könne. Das wirke sich mittelbar auch auf die Bauzinsen in Deutschland aus.
Wo stehen die Bauzinsen aktuell?
Wie sich die Zinserwartungen auf die Baufinanzierung auswirken, zeigt der Blick auf die Bestzinsen. Nach dem EZB-Entscheid im September zogen sie bereits an. Damit liegen die Bauzinsen aktuell über dem Niveau vor der Sitzung.
| Zinsbindung | Bestzins vor dem EZB-Entscheid | Bestzins aktuell |
|---|---|---|
| Zehn Jahre | rund 3,5 Prozent | rund 3,8 Prozent |
| 15 Jahre | rund 4,1 Prozent | rund 4,2 Prozent |
Bei der kürzeren Zinsbindung fiel der Anstieg damit deutlicher aus als bei der langfristigen Variante.
„Wer in den kommenden Monaten finanzieren möchte oder eine Anschlussfinanzierung benötigt, sollte eher nicht abwarten, sondern verschiedene Szenarien durchrechnen und sich gute Konditionen frühzeitig sichern, etwa über ein Forward-Darlehen“, rät Schöfl. „Längere Zinsbindungen bleiben in diesem Umfeld der einfachste Weg zu Planungssicherheit.“
So haben sich die Zinsen und Inflation zuletzt entwickelt
Die Bauzinsen weisen schon seit zwei Jahren - mit Unterbrechungen - eine überwiegend leicht steigende Tendenz auf, die sich seit Frühjahr 2026 spürbar verstärkt hat. Sie orientieren sich indes nicht direkt an den EZB-Leitzinsen, sondern an den Erwartungen sowie der Rendite von Bundesanleihen. Der Kurvenverlauf ab Oktober 2024 unterscheidet sich signifikant (wobei zu beachten ist, dass die Leitzins-Grafik bereits im Oktober 2021 startet; Darstellung auf Basis von Grafiken der Qualitypool GmbH mit den jeweiligen Quellenangaben):
Bestzins 10-jähriger und 15-jähriger Hypothekendarlehen
in Prozent
- 10-jähriges Hypothekendarlehen
- 15-jähriges Hypothekendarlehen
Quellen: Dr. Klein Privatkunden AG, Europace AG
EZB- und Fed-Leitzins
in Prozent
- Leitzins EZB
- Leitzins Fed
Quellen: Bundesbank, Federal Reserve System
Verbraucherpreise Deutschland und Eurozone
in Prozent, im Vergleich zum Vorjahresmonat
- Verbraucherpreise Deutschland
- Verbraucherpreise Eurozone
Quellen: Destatis, Eurostat * Vorläufiger Wert
Quelle: Qualitypool GmbH
Wie geht es mit den Bauzinsen weiter?
Für die Bauzinsen aktuell gibt Qualitypool eine vorsichtige Einschätzung ab. Zwei große Notenbanken, die über weitere Zinserhöhungen nachdenken, und eine Inflation, die sich vorerst verfestigt, sprechen nicht für sinkende Baufinanzierungszinsen. An zwei Stellen könnte sich eine Entlastung ergeben: Zum einen dürfte der Tankrabatt dazu beitragen, die Inflationsrate in Deutschland im vierten Quartal zu senken. Zudem würde eine Entspannung in den Golfkonflikten den Energiepreisen und damit auch den Zinserwartungen den Druck nehmen. Solange sich beides nicht in den Daten zeigt, bleibt das Aufwärtsrisiko bei den Bauzinsen nach Einschätzung des Vermittlers größer als die Chance auf einen Rückgang.
Kurzfristig rechnet Qualitypool deshalb mit einer Seitwärts- bis Aufwärtsbewegung bei weiterhin erhöhter Schwankungsbreite. Langfristig gehen die Experten von etwas höheren Bauzinsen aus - vorausgesetzt, die Energiepreise bleiben hoch und die Inflation verfestigt sich über sogenannte Zweitrundeneffekte weiter.















