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Die Bröning-Kolumne: An der Börse zählt der Wert, nicht der Preis

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Tim Bröning
Foto: Fonds Finanz
Tim Bröning

Billig ist nicht automatisch günstig, teuer nicht zwangsläufig überbewertet. Wer den Wert seiner Investments einschätzen kann, findet auch in turbulenten Märkten einen Maßstab für Kauf- und Verkaufsentscheidungen. Ein Beispiel mit zwei Vasen zeigt, worauf es ankommt.

An den Kapitalmärkten geht es derzeit ausgesprochen turbulent zu. Geopolitische Krisen, steigende Zinsen, Inflationssorgen und die Diskussion um die Bewertungen großer KI-Unternehmen sorgen für heftige Kursbewegungen. Was gestern noch als hervorragende Investition galt, wird heute plötzlich verkauft. Anleger verfolgen Nachrichten und Kurse und fragen sich, ob sie kaufen, verkaufen oder besser abwarten sollten. Dabei gerät eine viel wichtigere Frage leicht in Vergessenheit. Was sind die eigenen Investments eigentlich wert?

Wer langfristig erfolgreich investieren möchte, sollte nicht nur wissen, welche Unternehmen er besitzt, sondern auch eine Vorstellung von deren wirtschaftlichem Wert haben. Erst dann lässt sich beurteilen, ob steigende oder fallende Kurse tatsächlich Handlungsbedarf auslösen. Wer dagegen ausschließlich auf Preise schaut, läuft Gefahr, das hektische Auf und Ab der Börsen in sein eigenes Handeln zu übernehmen.

Eine Vase für zwanzig Euro

Stellen wir uns vor, auf einem Flohmarkt wird eine Vase für zwanzig Euro angeboten. Ist das teuer oder günstig? Die Antwort lautet zunächst einmal, dass wir es nicht wissen. Handelt es sich um eine gewöhnliche Vase, die bei IKEA für fünf Euro erhältlich ist, wären zwanzig Euro ausgesprochen teuer. Ist es dagegen eine echte Vase aus der Ming-Dynastie mit einem Marktwert von einer Million Euro, wäre derselbe Preis ein sensationelles Schnäppchen. Der Preis ist identisch. Der Wert könnte unterschiedlicher kaum sein.

Nun steigt der Preis der Vase von zwanzig auf vierzig Euro. Viele Anleger würden sich über die Verdopplung freuen und möglicherweise einen Verkauf erwägen. Schließlich hat man seinen Einsatz verdoppelt. Doch warum eigentlich? Die Ming-Vase wäre selbst nach der Preisverdopplung noch immer grotesk unterbewertet. Vielmehr müsste man versuchen, weitere Exemplare zu erwerben. Die IKEA-Vase dagegen wäre bereits bei zwanzig Euro überteuert gewesen und bei vierzig Euro erst recht.

Noch interessanter wird es, wenn der Preis von zwanzig auf zehn Euro fällt. Viele Anleger würden nun von einem herben Verlust sprechen und vielleicht sogar nachkaufen. Schließlich sei die Vase jetzt um 50 Prozent günstiger. Bei der IKEA-Vase wäre das allerdings ein Fehler. Sie kostet noch immer das Doppelte ihres tatsächlichen Wertes. Bei der Ming-Vase wäre derselbe Preisrückgang dagegen eine außergewöhnliche Kaufgelegenheit.

Die Erkenntnis ist verblüffend einfach. Weder die Verdopplung noch die Halbierung eines Preises sagt etwas darüber aus, ob ein Gegenstand günstig oder teuer ist. Entscheidend ist sein tatsächlicher Wert.

Wer den Wert nicht kennt, klammert sich an den Preis

Das Problem beginnt dort, wo wir keine Ahnung von Vasen haben. Wer eine Ming-Vase nicht von einem Massenprodukt unterscheiden kann, besitzt keinen vernünftigen Bewertungsmaßstab. Also orientiert er sich an dem, was er kennt. Dem ursprünglichen Kaufpreis, dem aktuellen Angebot und der bisherigen Preisentwicklung.

An der Börse funktioniert dieser Mechanismus ähnlich. Viele Anleger kennen den Kurs ihrer Aktien auf die zweite Nachkommastelle, können aber kaum erklären, welchen wirtschaftlichen Wert die Unternehmen besitzen. Der persönliche Einstandspreis wird zum wichtigsten Orientierungspunkt, obwohl er für die zukünftige Rendite wirtschaftlich nahezu bedeutungslos ist.

Die Verhaltensökonomie bezeichnet das als Ankereffekt. Besonders problematisch wird es, wenn Anleger Verlustpositionen jahrelang halten, um sich das Eingeständnis einer Fehlentscheidung zu ersparen, während sie Gewinner frühzeitig verkaufen, um Gewinne zu sichern. Menschlich verständlich. Eine überzeugende Anlagestrategie ist es allerdings nicht.

Gute Unternehmen sind nicht automatisch gute Aktien

Natürlich ist die Bewertung eines Unternehmens schwieriger als die unserer beiden Vasen. Sein wirtschaftlicher Wert ergibt sich insbesondere aus den zukünftig erwarteten Zahlungsströmen, der Wettbewerbsposition, der Bilanzqualität und den Risiken des Geschäftsmodells. Hinzu kommt, dass sich dieser Wert verändern kann, wenn beispielsweise Wachstumsaussichten oder Finanzierungskosten steigen oder fallen.

Hier beginnt die eigentliche Arbeit des Investierens. Geschäftsberichte lesen, Bilanzen verstehen, Wettbewerbsvorteile beurteilen und realistische Annahmen über die zukünftige Entwicklung treffen. Das kostet Zeit, erfordert Fachwissen und bleibt dennoch mit Unsicherheiten behaftet. Seriöse Investoren arbeiten deshalb nicht mit vermeintlich exakten Unternehmenswerten, sondern mit plausiblen Bewertungsspannen und ausreichenden Sicherheitsmargen.

Für Privatanleger ist dieser Aufwand häufig kaum zu leisten. Vielen fehlt die Zeit, anderen das notwendige Fachwissen und manchen schlicht beides. Das ist allerdings kein Grund, auf fundamentale Anlageentscheidungen zu verzichten. Schließlich muss man nicht jede Analyse selbst durchführen. Professionelle Fondsmanager verfügen häufig über spezialisierte Analystenteams, die Unternehmen systematisch untersuchen, bewerten und auf dieser Grundlage Investmententscheidungen treffen. Über sorgfältig ausgewählte, aktiv gemanagte Fonds können Anleger diese anspruchsvolle Arbeit an Spezialisten delegieren. Die Auswahl geeigneter Fondsmanager bleibt dabei allerdings eine wichtige Aufgabe.

Eine weitere Erkenntnis sollte nicht untergehen. Eine hervorragende Firma kann eine miserable Investition sein, wenn der Kaufpreis zu hoch ist. Umgekehrt kann ein mittelmäßiges Unternehmen eine attraktive Rendite ermöglichen, wenn es deutlich unter seinem wirtschaftlichen Wert erworben wird. Qualität und Bewertung gehören zusammen. Das eine ersetzt nicht das andere.

Geduld ist eine Tugend. Starrsinn nicht.

Langfristig erfolgreiche Investoren zeichnen sich häufig durch Geduld aus. Doch Geduld setzt voraus, dass die ursprüngliche Investmentthese weiterhin trägt. Wer eine unterbewertete Aktie besitzt, deren wirtschaftlicher Wert langfristig wächst, hat gute Gründe, auch erhebliche Kursschwankungen auszuhalten. Wer dagegen nur deshalb an einer Position festhält, weil er seinen Einstandskurs wiedersehen möchte, verwechselt Geduld mit Hoffnung.

Ebenso wenig sollte man eine erfolgreiche Investition allein deshalb verkaufen, weil sie bereits kräftig gestiegen ist. Der beliebte Satz, man sei schließlich noch nie daran arm geworden, Gewinne mitzunehmen, klingt zwar beruhigend. Er übersieht allerdings, dass man durch den vorschnellen Verkauf hervorragender Unternehmen auf erhebliche Vermögenszuwächse verzichten kann.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viel wir mit einer Aktie bereits verdient oder verloren haben, sondern ob wir das Unternehmen zu seinem heutigen Preis und angesichts seiner zukünftigen Perspektiven noch immer besitzen möchten. Würden wir die Aktie heute erneut kaufen, wenn sie nicht bereits in unserem Depot läge?

Mit ruhiger Hand durch unruhige Märkte

Genau darin liegt einer der größten Vorteile fundamentaler Kapitalanlage. Wer den wirtschaftlichen Wert seiner Investments einschätzen kann, besitzt einen Maßstab, an dem sich Marktpreise messen lassen. Fallen Kurse deutlich unter den geschätzten Wert, können sich Kaufgelegenheiten ergeben. Steigen sie weit darüber hinaus, kann ein Verkauf sinnvoll werden. Und solange sich weder Bewertung noch fundamentale Perspektiven wesentlich verändern, besteht häufig überhaupt kein Handlungsbedarf. Natürlich spielen auch Risiken und die Zusammensetzung des Gesamtportfolios eine Rolle.

Die Börse wird auch zukünftig hektisch bleiben. Sie wird übertreiben, untertreiben und gelegentlich Dinge tun, die selbst erfahrene Anleger nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen können. Was wir allerdings beeinflussen können, ist unser eigener Umgang damit. Wer seine Investments versteht, ihre Bewertungen regelmäßig überprüft und bereit ist, seine Einschätzungen bei veränderten Fakten anzupassen, kann auch in unruhigen Zeiten mit ruhiger Hand investieren.

Vielleicht sollten wir uns deshalb gelegentlich an unsere beiden Vasen erinnern. Eine Ming-Vase kann auch nach einer Preisverdopplung noch immer ein sensationelles Schnäppchen sein, während eine IKEA-Vase selbst nach einem Preisrückgang von 50 Prozent viel zu teuer bleibt.

An der Börse ist billig eben nicht immer günstig und teuer nicht zwangsläufig überbewertet. Entscheidend ist nicht, wie viel wir bezahlen, sondern welchen Wert wir dafür bekommen. Denn während uns die Börse jeden Tag einen neuen Preis nennt, müssen wir den tatsächlichen Wert schon selbst herausfinden. Oder jemanden damit beauftragen, der sein Handwerk versteht.

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