Trotz des deutlichen Kursverfalls im Jahr 2026 hält Morningstar Manager Research europäische Rüstungsaktien weiterhin für unterbewertet. Das zeigt der im Oktober 2026 veröffentlichte Report „Opportunities in Defense“ der Analysten Michael Field und Kenneth Lamont. Wer jetzt Rüstungsaktien kaufen will, trifft demnach auf einen Sektor, der trotz der Korrektur strukturell wächst. Treiber ist der Ausbau der NATO-Verteidigungsausgaben bis 2035.
Konkret beziffern die Analysten die Kurs/Fair-Value-Relation des Morningstar Developed Markets Europe Aerospace & Defense Index auf 0,85. Der globale Vergleichsindex kommt auf 0,90, der US-Index auf 0,93. Im Durchschnitt notieren europäische Rüstungstitel damit rund 15 Prozent unter ihrem von Morningstar geschätzten fairen Wert. Dabei handelt es sich allerdings um eine Einschätzung auf Basis eigener Analystenmodelle, nicht um eine objektive Kennzahl.
Rüstungsaktien im Sinkflug: Das Börsenjahr 2026
Der Einschätzung geht ein deutlicher Kursverfall voraus. Am 3. Oktober 2025 erreichte die Rheinmetall-Aktie mit 2.008 Euro ihr bisheriges Allzeithoch. Ende Oktober 2026 lag der Kurs laut den historischen Daten von boerse.de nur noch bei 1.032,60 Euro - ein Rückgang von rund 42 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert.
Auch der breitere Markt korrigierte deutlich. Der MSCI Europe Aerospace & Defence Index verlor im März 2026 innerhalb eines Monats 9,2 Prozent, den stärksten Monatsverlust seit fünf Jahren. Zuvor hatte der Index nahe dem 29-Fachen der Gewinne notiert, wie eine Analyse von Reuters zeigt. Für zusätzliche Nervosität sorgte ein geopolitisches Ereignis: Bei einem gemeinsamen US-israelischen Militärschlag wurde Irans Oberster Führer Ali Khamenei am 28. Februar 2026 getötet. Der Angriff gilt als einer der Auslöser der erhöhten Schwankungsbreite im weiteren Jahresverlauf.
Der F126-Stopp: Lehrstück für Anleger
Wie schnell einzelne Entscheidungen den Kurs einer Rüstungsaktie treffen können, zeigte sich am 24. Juni 2026 am Beispiel Rheinmetall. Das Bundesverteidigungsministerium beendete an diesem Tag offiziell das Fregattenprojekt F126 für sechs Schiffe. Grund war, dass sich die Gesamtkosten im Zuge eines geprüften Wechsels des Generalunternehmers von Damen zu Rheinmetall auf über 18 Milliarden Euro erhöht hätten. Stattdessen will man acht Fregatten vom Typ MEKO 200 beim Kieler Werft-Unternehmen TKMS bestellen, wie das Ministerium mitteilte.
Die Rheinmetall-Aktie verlor daraufhin im Tagesverlauf rund 15 bis 19 Prozent. Der Börsenwert schmolz laut Marktberichten um über 10 Milliarden Euro. Morningstar wertet diesen Vorfall als Beispiel dafür, dass einzelne vertragliche oder politische Entscheidungen die Ertragsperspektiven eines Unternehmens kurzfristig beeinflussen können - selbst wenn die Verteidigungsausgaben insgesamt weiter steigen.
NATO-Verteidigungsausgaben als struktureller Treiber
Als strukturelle Grundlage der Morningstar-These dient der NATO-Gipfel, der am 24. und 25. Juni 2025 in Den Haag stattfand. Dort einigten sich die Mitgliedstaaten darauf, ab 2035 jedes Jahr 5 Prozent der Wirtschaftsleistung für Verteidigung und Resilienz aufzuwenden. Davon entfallen 3,5 Prozent auf die Kernverteidigung, bis zu 1,5 Prozent auf breitere Sicherheitsinvestitionen wie Infrastruktur und Cyberresilienz. Zuvor hatte seit 2014 ein Richtwert von 2 Prozent gegolten.
Bereits die Zahlen für 2025 belegen diese Entwicklung deutlich: Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI wuchsen Europas Militärausgaben 2025 um 14 Prozent auf 864 Milliarden US-Dollar. Das ist der höchste von SIPRI je erfasste Wert für den Kontinent. Die 29 europäischen NATO-Mitglieder kamen zusammen auf 559 Milliarden US-Dollar, wobei 22 Staaten die Marke von mindestens 2,0 Prozent des BIP bereits überschritten. An der Spitze lag Polen mit 4,48 Prozent, gefolgt von Lettland mit 3,6 Prozent - beide Staaten lagen damit bereits 2025 über dem für 2035 anvisierten 3,5-Prozent-Ziel.
Deutschlands Weg zum NATO-Ziel
Auch Deutschland hat fiskalisch vorgesorgt. Bundestag und Bundesrat beschlossen im März 2025 eine Grundgesetzänderung, wonach Verteidigungsausgaben oberhalb von 1 Prozent des BIP nicht mehr unter die Schuldenbremse fallen. In ihrer Projektion unterstellt Morningstar zudem, dass Deutschland die 3,5-Prozent-Marke im Jahr 2029 erreichen wird. Rheinmetall könnte dabei mehr als die Hälfte des deutschen Ausrüstungsbudgets erhalten - eine Annahme der Analysten, kein belegter Wert.
Morningstar erwartet für die nächsten Jahre, dass sich der Budgetschwerpunkt zunehmend in Richtung Beschaffung verlagert. Nach Einschätzung der Analysten könnte dies bis 2030 zusätzliche Rüstungsausgaben von kumuliert 1,7 Billionen US-Dollar und bis 2035 von bis zu 3 Billionen US-Dollar nach sich ziehen, wovon vor allem die europäische Rüstungsindustrie profitieren dürfte. Auch dabei handelt es sich um eine Prognose, nicht um einen gesicherten Wert.
Bewertungen im Überblick: Die Morningstar-Coverage
Sämtlichen 16 von den Analysten abgedeckten Rüstungsunternehmen weisen sie ein sogenanntes Economic-Moat-Rating zu, eine Einschätzung des Wettbewerbsvorteils. Davon erhalten 88 Prozent, also 14 Unternehmen, die höchste Stufe „wide moat“. Dieser Wert liegt spürbar über dem branchenweiten Durchschnitt von 19 Prozent innerhalb der gesamten Morningstar-Coverage. Die Analysten begründen dies mit hohen Wechselkosten für staatliche Auftraggeber, langen Vertragslaufzeiten sowie hohen regulatorischen Hürden beim Markteintritt.
| Unternehmen | Marktkapitalisierung | Moat-Rating | Kurs/Fair-Value | Sterne-Rating | 1-Jahres-Rendite |
|---|---|---|---|---|---|
| Rheinmetall | 45 Milliarden Euro | Wide | 0,39 | 5 | -49,5 Prozent |
| Leonardo | 27 Milliarden Euro | Narrow | 0,69 | 4 | -10,3 Prozent |
| Thales | 46 Milliarden Euro | Wide | 0,71 | 4 | -13,7 Prozent |
| BAE Systems | 55 Milliarden Pfund | Wide | 0,72 | 4 | -4,4 Prozent |
| Hensoldt | 9 Milliarden Euro | Wide | 0,76 | 4 | -27,0 Prozent |
| Dassault Aviation | 22 Milliarden Euro | Wide | 0,76 | 4 | +2,7 Prozent |
| Saab | 328 Milliarden Schwedische Kronen | Wide | 0,98 | 3 | +14,3 Prozent |
| Airbus | 149 Milliarden Euro | Wide | 1,03 | 3 | -5,5 Prozent |
Die Übersicht zeigt die Spannweite innerhalb des Sektors. Am günstigsten bewertet ist nach dem Kursrutsch die Rheinmetall-Aktie mit einem Kurs/Fair-Value von 0,39. Morningstar vergibt ihr zugleich das höchste Sterne-Rating von fünf. Die Hensoldt-Aktie notiert mit 0,76 moderater. Airbus hingegen notiert mit 1,03 schon etwas oberhalb des von den Analysten veranschlagten fairen Werts.
Rüstungsaktien kaufen: Fonds und ETFs als Alternative
Wer Rüstungsaktien kaufen will, ohne das Konzentrationsrisiko einzelner Titel zu tragen, kann beispielsweise über thematische Fonds in den Sektor investieren. Morningstar beschreibt sie in seinem Report. Der am 11. März 2025 aufgelegte WisdomTree Europe Defence UCITS ETF knackte bereits nach drei Monaten die Marke von 3 Milliarden US-Dollar verwaltetem Vermögen. Am 27. Oktober 2026 belief es sich nach Angaben des Anbieters auf etwa 4,95 Milliarden US-Dollar.
Nach Morningstar-Zahlen summierte sich das weltweit in Verteidigungsfonds investierte Kapital zum 30. September 2026 auf rund 71 Milliarden US-Dollar - nach einem Rekordstand von 81,3 Milliarden US-Dollar im ersten Quartal 2026. Fonds mit Europafokus verzeichneten dabei mit 9,6 Milliarden US-Dollar ein neues Höchstvolumen. Nach einem Rekordzufluss von 14,9 Milliarden US-Dollar im ersten Quartal 2026, auch bedingt durch den Iran-Konflikt, registrierte die Fondskategorie im zweiten und dritten Quartal 2026 jedoch leichte Mittelabflüsse.
Bei der Fondsauswahl ist zu beachten: Der von Morningstar herangezogene Referenzindex für die europäische Rüstungsbranche weist eine hohe Konzentration auf. Allein die fünf Schwergewichte Rolls-Royce, Safran, Airbus, BAE Systems und Rheinmetall vereinen laut Morningstar über 80 Prozent des Indexgewichts, wobei Rolls-Royce mit rund 23 Prozent den größten Anteil stellt. In den meisten aktiv gemanagten Fonds werden diese Titel aus regulatorischen Gründen sowie durch gezielte Portfoliosteuerung geringer gewichtet als im Index.
Chancen und Risiken für Berater und Anleger
Für Berater und Vermögensverwalter resultiert daraus ein ambivalentes Gesamtbild. Einerseits steht dem Sektor laut Morningstar eine strukturelle, mehrjährige Nachfrageentwicklung bevor: steigende NATO-Verteidigungsausgaben, hohe Auftragsbestände bei den großen Rüstungskonzernen und überdurchschnittlich viele Unternehmen mit starken Wettbewerbsvorteilen.
Andererseits handelt es sich bei der NATO-Vorgabe von 5 Prozent des BIP nicht um eine verbindliche Verpflichtung, weshalb die Umsetzung von Land zu Land variieren dürfte. Hoch verschuldete Staaten könnten laut Morningstar Mühe haben, ihre Zusagen ohne zusätzliche fiskalische Unterstützung zu erfüllen. Der Fall Rheinmetall und F126 zeigt zudem, dass einzelne Beschaffungsentscheidungen kurzfristig erhebliche Kursausschläge auslösen können. Zusätzlich verstärken geopolitische Ereignisse - etwa die Tötung Khameneis im Februar 2026 - die Volatilität.












