Viele Anleger blicken auf das vierte Quartal wie ein Autofahrer, der im Rückspiegel das Blaulicht sieht. Ist die Jahresendrallye wegen großer Zinserhöhungsangst abgesagt? Doch sollten auch die möglichen Entspannungssignale beachtet werden. Und die Megathemen sind alles, aber nicht ausgestorben.
Höhere Zinsen wirken auf Verschuldung und Aktien wie Schwerkraft auf den Skispringer
Wird aus der bisherigen Aktien-Happy Hour „TINA“ (There Is No Alternative) jetzt “TIGA“ (There Is Good Alternative)? Denn warum vermeintlich hoch bewertete und volatile High-Tech-Aktien riskieren, wenn man bei 10-jährigen US-Staatspapieren risikolos über fünf Prozent erhält? Da müssen Aktien schon überzeugende Gründe liefern, um gehalten oder gekauft zu werden.
Tatsächlich erweist sich die zinstreibende US-Teuerung als so klebrig wie Kaugummi unter der Schuhsohle. Auch die US-Wirtschaft entwickelt sich robust. Muss die Fed also versuchen, die Suppe abzukühlen, während der Herd auf voller Stufe läuft?
Die Fed muss einen gefährlichen Balanceakt vollziehen, zumal der US-Arbeitsmarkt seine besten Zeiten hinter sich hat. Die Kunst von Kevin Warsh und seinen Mitstreitern besteht darin, die Zinsbremse gerade so sanft zu treten, dass das Wirtschafts-Auto kontrolliert in der Spur bleibt, ohne dass die überverschuldeten und aktienverliebten Passagiere durch die Windschutzscheibe fliegen. An fataler Schuldenkrise kann sie ohnehin kein Interesse haben.
Die Zwischenwahlen als Ventilöffner für den unter Hochdruck stehenden Zins-Kessel
Auch geopolitisch könnte sich das Zins-Handicap im Schlussquartal entspannen.
Noch hält der Iran-Krieg die Energiemärkte, Inflation und Zinsmärkte als Geiseln. Vor dem Urnengang der US-Zwischenwahlen am 3. November will sich weder Amerika noch der Iran Blöße geben bzw. verlangen beide von der jeweils anderen Seite maximale Zugeständnisse, die unmöglich sind.
Hinter den Kulissen flüstern die Strategen hüben wie drüben jedoch, dass sich das Fenster für ein diplomatisches Comeback und eine realpolitische Einigung nach den Zwischenwahlen öffnen könnte. Ein dann mögliches Absacken des Ölpreises drückte den globalen Inflationsdruck und gäbe der Fed die Möglichkeit, die Zinsdaumenschrauben wieder zu lockern. Und auch die Anleiherenditen könnten den Rückzug antreten.
Sollte sich der Rauch nach dem 3. November tatsächlich legen, wäre das der deutliche Gamechanger für die Börsen. Die aktuelle Energiekrise wäre kein Dauerzustand, sondern ein geopolitisches Pokerspiel mit eingebautem Verfalldatum nach dem US-Wahltag.
High-Tech als Wachstumsbeschleuniger
Nebenbei, schaut man sich das Wirtschaftswachstum und die aktuellen Anleiherenditen nominal an, steht es 6,5 zu 5,3. Der Hase ist zwar deutlich vorgelaufen, doch hat der Igel die Nase vorn. Es gibt schlimmere Fundamentalszenarien für Wirtschaft und Aktien.
Das beweisen in besonderer Weise die High-Techs. Zunächst, wenn nicht jetzt, wann dann sollen steigende Zinsen und Anleiherenditen dieser Wachstumsbranche zusetzen, die nahe am Allzeithoch ist? Die Bären warnen zwar unerbittlich vor einer Blase, doch die Unternehmensdaten liefern ein anderes Bild. Die Auftragsbücher sind auf Jahre prall gefüllt. Und das beeindruckende Gewinnwachstum für den S&P 500 in diesem Jahr von weit über 30 Prozent geht vor allem auf die Tech-Elite zurück. Schwergewichte wie Nvidia sind in der Lage, astronomische Milliarden-Aktienrückkäufe aufzulegen. Als Sahnehäubchen obendrauf kann man sie auch nicht mehr als überbewertet bezeichnen.
Die augenblicklichen Kreditverteuerungen schmerzen sie zwar auch, doch besteht ja berechtigte Hoffnung auf Milderung. Ohnehin kommt vielen Tech-Werten ihre enorme Liquidität zugute.
Vor allem besteht KI die Reifeprüfung. Künstliche Intelligenz ist im Herbst 2026 kein substanzloser Hype mehr. Studien zeigen, dass mittlerweile fast 50 Prozent aller US-Unternehmen messbare finanzielle Effizienzgewinne aus der Nutzung von KI ziehen. Das wird auch weltweit immer mehr der Fall sein. High-Tech ist der größte Wachstumsmotor der Welt. Nicht zuletzt, wenn aktuell Zinsen die Kosten nach oben treiben, ist deflationäres High-Tech ein gefragtes Gut.
Vor dieser fundamentalen Bella Figura muss auch die Logik der Bären einknicken.
Warum auch das hässliche Value-Entlein das Zeug zu einem schönen Schwan hat
Wer in den letzten Jahren auf brave Substanzaktien setzte, wurde auf „Techno-Partys“ oft bemitleidet. Doch bieten auch Europa und Asien hervorragende Chancen im KI-Sektor. Während die USA vor allem die Software-Modelle entwickeln, sind sie die bedeutenden „AI Enabler“. Sie liefern die physische Basis, den Value als Halbleiterausrüster, als Elektrifizierer und als Kühlungsspezialisten.
Und nicht zu vergessen die Metallrohstoffe. Künstliche Intelligenz ist keine schwerelose Wolke. Sie steht mit beiden Beinen fest auf der Erde in Form von gigantischen Betonhallen voller Server, die ohne Tonnen von Seltenen Erden, Industrie- und Edelmetallen nur nutzloser Schrott wären. Kupfer ist ihr roter Energy-Drink und nicht korrodierendes Gold und Silber werden dringend für Platinen gebraucht, die perfekt leiten müssen. An dieser Stelle kommen u.a. Rohstoffwerte aus Brasilien ins Spiel.
Ganz allgemein ist die Weltwirtschaft ein Value-Treiber. Und sie kommt ohne europäische und deutsche Industrie- und Zulieferwerte, auch aus der zweiten Reihe nicht aus. Übrigens sind sie nicht überteuert. Sie haben Nachholpotenzial.
Insgesamt ist die Pralinenschachtel nicht nur mit Growth-Aktien aus der Tech-Branche gefüllt, sondern auch mit Value-Werten aus der Industrie- und Rohstoffwelt. Genüsse sind reichlich vorhanden.
Das große Tauziehen: Zinsseitige Schwerkraft gegen fundamentalstarke Saisonalität
Sicher gibt es Risiken, insbesondere auf der Zinsseite mit geopolitischer Würze. Doch darf man die „Geschmacklosigkeit“ der Realpolitik auch von verfeindeten Ländern nicht unterschätzen.
Hinzu kommt die Fundamentalqualität auf der Aktienseite mit vielen attraktiven Megathemen. Die beginnende Berichtssaison für das dritte Quartal 2026 wird hierbei zum entscheidenden Zünglein an der Waage werden, wenn die Tech-Giganten in den USA und die Value-Perlen in Europa sowie in den Schwellenländern solide Zahlen abliefern.
Natürlich ist nichts in Stein gemeißelt und die Zukunft ungewiss. Daher ist eine gesunde Cash-Reserve strategische Munition, wenn der Markt z.B. vor den Zwischenwahlen noch einmal in heftige Volatilität oder gar Panik verfällt. Doch dann schlägt die Stunde für den antizyklischen Kauf.
In dubio pro reo, im Zweifel für die Jahresendrallye. Liebe Anlegerinnen, liebe Anleger, behalten Sie bitte die Nerven.
Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator. Er ist aus Funk und Fernsehen bekannt und schreibt regelmäßig für Cash.
Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/Newsletter-Disclaimer-725















