Isabel Schnabels EZB-Bilanz: Vier Lehren für die Geldpolitik

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Ein Schiffskompass liegt auf Redemanuskripten in einer Umzugskiste vor dem Eurotower der EZB.
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Ihre Abschiedsrede trug den Titel 'Navigating stormy waters' - ein Rückblick auf stürmische Jahre der Geldpolitik.

Vor ihrem Wechsel zum IWF zieht Isabel Schnabel Bilanz ihrer EZB-Amtszeit: Das Direktoriumsmitglied nennt vier Lehren für die Geldpolitik und warnt vor steigenden Staatsschulden und wachsenden Schattenbanken. Welche Konsequenzen sie fordert.

Isabel Schnabels EZB-Amtszeit neigt sich dem Ende zu - und das Mitglied des EZB-Direktoriums zieht Bilanz. Bei der Konferenz „ECB Conference on Money Markets 2026“ in Frankfurt hielt Schnabel die Rede „Navigating stormy waters: reflections on monetary policy“. Darin blickt sie auf rund sieben Jahre Geldpolitik zurück. Zugleich formuliert sie vier Lektionen, die ihrer Meinung nach die geldpolitische Ausrichtung der nächsten Jahre bestimmen sollten.

Vier Lehren aus Isabel Schnabels EZB-Amtszeit

Erstens solle die Notenbank auf Instrumente setzen, die ihr größtmöglichen Spielraum lassen und kaum rückgängig zu machende Festlegungen vermeiden. Zweitens müsse sie Schocks danach beurteilen, wie sie sich auf die projizierte Inflation auswirken - egal, ob sie angebots- oder nachfragebedingt sind. Drittens gelte es, die geldpolitische Dominanz gegenüber fiskalischer und finanzieller Dominanz zu verteidigen. Viertens sollten Bilanzsumme und Liquiditätssteuerung effizient und mit möglichst wenigen Nebenwirkungen ausgestaltet werden.

Im EZB-Rat gilt Schnabel als Wortführerin des Falken-Lagers. Ein Kommentar des Handelsblatts vom 25. September 2026 ordnete sie bereits vor der aktuellen Rede so ein: als Direktoriumsmitglied, das sich für zügige Zinserhöhungen einsetzte. Der Text erschien unmittelbar nach dem Bekanntwerden ihres Wechsels zum Internationalen Währungsfonds (IWF).

Selbstkritik an der Forward Guidance

Kritisch fällt Isabel Schnabels EZB-Bilanz bei der Forward Guidance während der Pandemie aus. Diese sei zu bindend gewesen, sagt Schnabel. Sie habe die Notenbank zu eng an die Annahme dauerhaft niedriger Inflation gefesselt. Dazu zitiert sie Charles Goodhart: „The world changes, and if the world changes you need sufficient flexibility to change the way that you operate within that.“

Hochverschuldete Staaten im Visier

Bei der fiskalischen Dominanz verweist Schnabel auf strukturelle Verschiebungen im Euroraum: Die Staatsverschuldung im Euroraum kletterte gemessen am Bruttoinlandsprodukt seit Anfang der 2000er-Jahre um fast 20 Prozentpunkte nach oben, bei großen Unterschieden zwischen den Mitgliedsländern. Zugleich ist die Differenz zwischen Zins und Wachstum, kurz r-g, in vielen Ländern wieder positiv und dürfte laut Schnabel weiter steigen, weil Staaten auslaufende Schulden zu den heute höheren Zinsen refinanzieren.

Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters warnte Schnabel zudem, dass höhere Schuldendienstkosten manche Staatshaushalte nicht mehr tragfähig machen könnten; Reuters nennt Frankreich als Beispiel für ein anfälliges Land. Sieht sich die Notenbank gezwungen, Märkte zu stabilisieren, um aus einer Liquiditäts- keine Kreditkrise werden zu lassen, drohen aus ihrer Sicht Folgen für das eigene Mandat: „Such interventions can interfere with the central bank’s mandate and threaten monetary dominance“, sagt sie.


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Schattenbanken als wachsendes Risiko

Als zweite Gefahrenquelle führt Schnabel die finanzielle Dominanz durch Nicht-Bank-Finanzintermediäre (NBFI) an. Dazu gehören Hedgefonds und Investmentfonds; Nicht-Banken halten inzwischen insgesamt Finanzaktiva auf dem Niveau der Banken. Hinzu kommt, dass hebelfinanzierte Hedgefonds einen wachsenden Anteil an Staatsanleihen halten. Als abschreckende Beispiele führt Schnabel den „Dash for Cash“ aus dem Jahr 2020 sowie die britische LDI-Krise aus 2022 an.

Daraus zieht sie den Schluss, nicht die Banken weiter zu deregulieren, sondern die Nicht-Banken schärfer zu beaufsichtigen. Darüber hinaus argumentiert sie, eine strengere Regulierung der Nicht-Banken würde dafür sprechen, deren Zugang zu Zentralbankfazilitäten zu prüfen. Außerdem verweist Schnabel darauf, dass sich Zinsänderungen der EZB inzwischen schneller übertragen und steigende Volatilität hebelfinanzierte Investoren zum Abbau ihrer Positionen zwingen kann.

Keine neuen Signale zum Zinspfad der EZB

Isabel Schnabels EZB-Bilanz enthält keine expliziten Aussagen zum künftigen Zinspfad. Schnabel geht vor allem auf strukturelle Faktoren wie die r-g-Dynamik, die Finanzierung von Staatsschulden und die künftige Bilanz- und Liquiditätssteuerung ein. Konkrete Zinsprognosen nennt sie nicht.

Die Leitzinsen standen zum Zeitpunkt der Rede ohnehin bereits fest. Am 29. Oktober 2026 hielt der EZB-Rat alle drei Zinssätze konstant und verwies auf die weiter gestiegenen Energiepreise, die Aufwärtsrisiken für die Inflation und Abwärtsrisiken für das Wachstum mit sich bringen. Die zugrunde liegende Inflation blieb dabei weitgehend stabil, und die Löhne zeigten keine wesentliche Reaktion. Die Leitzinsen und die vorläufigen Eurostat-Zahlen vom 4. November 2026, veröffentlicht einen Tag vor Schnabels Rede, zeigen folgendes Bild:

KennzahlWertStand
Einlagefazilität2,50 Prozentseit 16. September 2026
Hauptrefinanzierungssatz2,65 Prozentseit 16. September 2026
Spitzenrefinanzierungssatz2,90 Prozentseit 16. September 2026
Inflation Euroraum (Jahresrate)4,0 ProzentOktober 2026 (Vorabschätzung)
Kerninflation (ohne Energie, unverarbeitete Lebensmittel)2,2 ProzentOktober 2026 (Vorabschätzung)
Energiepreise (Jahresrate)20,8 ProzentOktober 2026 (Vorabschätzung)
Quelle: EZB, Eurostat

Das Thema Inflation beschäftigte Schnabel bereits zuvor. Am 30. September 2026 sagte sie beim 8. Capital Markets Seminar in Luxemburg: „Inflation is back and weighing once again on people’s everyday lives.“ Diese Aussage stammt aus einer eigenständigen Rede und nicht aus Isabel Schnabels EZB-Bilanz vom 5. November.

Wechsel in die Führungsebene des IWF

Am 24. September 2026 gab die EZB bekannt, dass Isabel Schnabel ihr Direktoriumsamt zum 3. Januar 2027 abgibt. Bereits am Folgetag beginnt sie ihre neue Aufgabe beim Internationalen Währungsfonds. IWF-Chefin Kristalina Georgieva kündigte an, sie zum 4. Januar 2027 als Financial Counsellor und Direktorin der Abteilung für Geld- und Kapitalmärkte zu ernennen. Nach einer Stellungnahme des Ethikausschusses beschloss der EZB-Rat, dass keine Karenzzeit erforderlich ist; an IWF-bezogenen Angelegenheiten wird Schnabel bis zum Ende ihrer Amtszeit nicht beteiligt sein. Bis dahin nimmt sie ihre Aufgaben im Direktorium und im EZB-Rat weiter wahr.

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