Der EZB-Rat tagt am kommenden Mittwoch und Donnerstag zu seiner geldpolitischen Sitzung. Der Zinsentscheid fällt dabei in einen Zielkonflikt: Die Inflation im Euroraum liegt mit 3,8 Prozent deutlich über dem Ziel von zwei Prozent. Zugleich überschattet die Schuldenkrise in Frankreich die Sitzung.
Der Rat hatte die drei Leitzinsen zuletzt am 10. September 2026 um 0,25 Prozentpunkte angehoben. Seit dem 16. September liegt der Einlagensatz bei 2,50 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,65 Prozent und die Spitzenrefinanzierungsfazilität bei 2,90 Prozent. Den nächsten Zinsschritt erwarten die meisten Ökonomen allerdings erst im Dezember.
Inflation im Euroraum auf dem höchsten Stand seit 2023
Dabei spräche die Teuerung eigentlich für einen strafferen Kurs. Nach einer Flash-Schätzung von Eurostat stieg die Teuerungsrate im Euroraum im September 2026 auf 3,8 Prozent, verglichen mit 3,2 Prozent im Vormonat August. Das ist der höchste Stand seit September 2023. Haupttreiber war ein Anstieg der Energiepreise um 18,8 Prozent. Zwischen den Mitgliedsländern schwankt die Teuerung jedoch deutlich, wie die folgende Übersicht zeigt.
| Land/Region | Inflation September 2026 |
|---|---|
| Euroraum gesamt | 3,8 Prozent |
| Deutschland | 3,3 Prozent |
| Frankreich | 3,4 Prozent |
| Italien | 4,1 Prozent |
| Spanien | 5,0 Prozent |
Frankreichs Anleiherenditen überschatten den EZB-Zinsentscheid
Im Mittelpunkt der Sitzung dürfte dennoch nicht die Inflation stehen, sondern die Schuldenkrise in Frankreich. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen überschritt am 21. und 22. Oktober erstmals seit 2002 die Marke von fünf Prozent. Zeitweise erreichte sie 5,14 Prozent. Der Risikoaufschlag gegenüber zehnjährigen Bundesanleihen weitete sich zudem auf rund 170 bis 178 Basispunkte aus - ein Niveau, das zuletzt im November 2011 erreicht wurde.
Am Abend des 23. Oktober bekräftigte die Ratingagentur Moody’s dennoch Frankreichs Bonitätsnote Aa3. Auf eine Herabstufung auf A1 verzichtete sie entgegen den Erwartungen vieler Analysten, der Ausblick bleibt allerdings negativ. Grund ist die Haushaltslage: Ende des zweiten Quartals 2026 lag die Schuldenquote bei rund 119,1 Prozent der Wirtschaftsleistung, das entspricht etwa 3,595 Billionen Euro. Für das laufende Jahr rechnet man mit einem Defizit von 5,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, für 2027 mit etwa 5,0 Prozent. Deshalb läuft gegen Frankreich ein EU-Defizitverfahren. Die Bank ING bezeichnet die Entwicklung als „Zugunglück in Zeitlupe“.
Lagarde verweist auf Paris - der Druck auf die EZB wächst
Bislang schiebt EZB-Präsidentin Lagarde die Verantwortung klar nach Paris. „The primary and first solution lies at home in France. And it has to do with fiscal policies“, sagt sie laut einem Bericht von Euronews. Mit dem jüngsten Renditesprung nimmt jedoch der Druck zu, dass sich die Notenbank wenigstens verbal äußert. Dazu sagt ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski: „The bond market has taken over the ECB’s job.“ Damit rückt neben der Inflationsdynamik der Umgang mit der Schuldenkrise in den Fokus des EZB-Zinsentscheids.
Welche Werkzeuge hat die EZB im Ernstfall?
Sollte sich die Lage weiter zuspitzen, steht der Notenbank grundsätzlich ein Instrument zur Verfügung: das 2022 eingeführte Transmission Protection Instrument, kurz TPI. Damit ist es der EZB möglich, gezielt Staatsanleihen einzelner Länder auf dem Sekundärmarkt zu erwerben, um „ungerechtfertigte, ungeordnete Marktdynamiken“ bei den Renditen zu bekämpfen. Voraussetzung ist unter anderem, dass das betroffene Land den EU-Fiskalrahmen einhält. Weil Frankreich im EU-Defizitverfahren steckt und der Anstieg der Risikoprämie überwiegend als fiskalisch und politisch begründet gilt, erscheint diese Voraussetzung nach Einschätzung von Fachanalysen derzeit kaum erfüllt.
EZB-Zinsentscheid im Dezember: Ökonomen rechnen mit weiterem Schritt
Beim nächsten EZB-Zinsentscheid im Dezember 2026 erwarten die meisten Ökonomen eine weitere Anhebung. Laut einer Reuters-Umfrage unter 73 Volkswirten rechnen rund 90 Prozent der Befragten mit einem Schritt um 0,25 Prozentpunkte auf 2,75 Prozent. 58 Prozent halten diesen Wert bereits für den Zinsgipfel, mehr als ein Drittel rechnet mit bis zu 3,00 Prozent.
Personalwechsel an der EZB-Spitze rücken näher
Parallel zur Zinsdebatte zeichnet sich an der EZB-Spitze ein Umbruch ab. Isabel Schnabel scheidet als Direktoriumsmitglied zum 3. Januar 2027 aus der Notenbank aus und übernimmt anschließend beim Internationalen Währungsfonds die Funktion als Finanzberaterin und Direktorin für Geld- und Kapitalmärkte. Die Eurogruppe forderte die 21 Euro-Staaten auf, bis zum 28. Oktober 2026 Nachfolgekandidaten zu benennen. Zudem verlässt Chefvolkswirt Philip Lane die Behörde Ende Mai 2027, während Lagardes reguläre Amtszeit als Präsidentin im Oktober 2027 ausläuft.
Im Oktober 2026 kam Bundeskanzler Friedrich Merz mit mehreren Kandidaten zusammen, die als mögliche Nachfolger Lagardes gehandelt werden, darunter BIZ-Generaldirektor Pablo Hernández de Cos und der frühere niederländische Notenbankchef Klaas Knot. Da Frankreich den Präsidentenposten bereits zweimal gestellt habe, laufe es nach Einschätzung von Brzeski auf ein Rennen zwischen Spanien und Deutschland hinaus.













