Beim EZB-Zinsentscheid vom 29. Oktober 2026 blieben die Leitzinsen unverändert: Die Europäische Zentralbank beließ den Einlagesatz bei 2,50 Prozent. Nur wenige Tage später widersprach EZB-Ratsmitglied Peter Kažimír öffentlich der Einschätzung, der Zinserhöhungszyklus sei damit bereits beendet. Das berichtete die Nachrichtenagentur Reuters am Montag, den 2. November 2026.
Kažimír, Gouverneur der slowakischen Notenbank und Mitglied des 27-köpfigen EZB-Rats, wählte deutliche Worte: „Last week’s pause was not a finish line“, sagte er laut Reuters. Im Gremium gilt er als Vertreter des restriktiven Lagers, das eine straffere Linie befürwortet als der Mehrheitskurs der Notenbank.
Der EZB-Zinsentscheid war für Kažimír keine Ziellinie
Mit seiner Wortwahl wandte sich Kažimír gegen den Eindruck, die EZB habe mit der Zinspause bereits das Ende der Straffung eingeläutet. Stattdessen brachte er weitere Erhöhungen ins Spiel: „For me, the question is increasingly not whether further action will be needed but how much more will be required“, erklärte er laut Reuters. Entscheidend sei demnach nicht mehr, ob der Rat erneut an der Zinsschraube drehe, sondern in welchem Ausmaß.
Steigende Inflation in der Eurozone nährt die Sorge
Kažimírs Warnung trifft auf eine Teuerung, die zuletzt wieder anzog. Die Jahresinflation in der Eurozone erreichte im September 2026 einen Wert von 3,8 Prozent - im August hatte sie laut Eurostat noch 3,2 Prozent betragen - und damit fast doppelt so viel wie das Inflationsziel der EZB von zwei Prozent. Den stärksten Einfluss übte der Energiesektor aus, dessen Jahresrate von 14,3 Prozent im Vormonat auf 18,9 Prozent anstieg.
Laut der slowakischen Nachrichtenagentur TASR wies Kažimír zudem darauf hin, dass die Energiepreise mittlerweile etwa ein Fünftel höher liegen als vor einem Jahr. Seine Begründung: Ein erhöhter Kostendruck zeige sich häufig verzögert in den Statistiken, während sich Inflationserwartungen schon früher anpassen könnten. Deshalb dürfe der Rat nicht abwarten, bis hohe Inflation als normal gelte.
Die Entwicklung der Teuerung im Euroraum im Überblick:
| Indikator | August 2026 | September 2026 |
|---|---|---|
| Jahresinflation Eurozone gesamt | 3,2 Prozent | 3,8 Prozent |
| davon Energie | 14,3 Prozent | 18,9 Prozent |
| davon Dienstleistungen | - | 3,2 Prozent |
So begründet die EZB ihre Zinspause
Deutlich vorsichtiger formuliert dagegen die Notenbank selbst ihre offizielle Begründung. Gemäß der Pressemitteilung vom 29. Oktober 2026 führte der EZB-Rat eine bislang weitgehend stabile Kernteuerung an, eine bisher ausbleibende Lohnreaktion sowie dämpfende Effekte bereits gestiegener Finanzierungskosten aus früheren Zinsschritten. Zugleich hebt die Notenbank hervor, ihre Entscheidungen jeweils einzeln und abhängig von den vorliegenden Daten zu treffen - einen vorab festgelegten Zinspfad lehnt sie offiziell ab.
Wie hoch die Leitzinsen nach dem jüngsten EZB-Zinsentscheid aktuell stehen, zeigt die folgende Übersicht:
| Leitzins | Satz |
|---|---|
| Einlagefazilität | 2,50 Prozent |
| Hauptrefinanzierungssatz | 2,65 Prozent |
| Spitzenrefinanzierungssatz | 2,90 Prozent |
Schnabel sah bereits im Sommer weiteren Handlungsbedarf
Kažimírs Position ist im EZB-Rat kein Einzelfall. Bereits im August 2026 äußerte sich Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel in einem Bloomberg-Interview ähnlich und erklärte, bei den damaligen Zinsen sei eine Rückkehr der Inflation zum Zielwert mittelfristig unwahrscheinlich, weshalb eine weitere Straffung nötig werde. Zu jenem Zeitpunkt bewegte sich die Teuerungsrate noch auf einem Niveau von 2,9 Prozent und damit spürbar unter dem Wert vom September.
Zur Einordnung: Sowohl Kažimír als auch Schnabel geben damit ihre persönliche Sicht als einzelne Mitglieder des Rats wieder - ein offizieller EZB-Beschluss ist das nicht. Der Rat selbst bleibt vorerst bei seinem Kurs, situativ und abhängig von den jeweiligen Daten zu entscheiden, ohne sich auf einen festen Pfad festzulegen.
Steigen die Leitzinsen nach dem EZB-Zinsentscheid wieder?
Laut Reuters rechnen die Finanzmärkte bereits mit zwei bis drei weiteren EZB-Zinserhöhungen innerhalb eines Jahres, auf die anschließend eine schrittweise Lockerung der straffen Geldpolitik folgen soll. Aus Kažimírs Sicht könnte selbst das noch zu wenig sein: Entscheidend sei nicht ein einzelner Zinsschritt, sondern der gesamte Pfad, der nötig sei, um die Inflation dauerhaft zum Zielwert zurückzuführen.
Was der EZB-Kurs für Berater und Anleger bedeutet
Für Finanzberater, Vermögensverwalter und institutionelle Anleger liefert Kažimírs Aussage vor allem ein Gegengewicht zu vorschnellem Optimismus. Wer nach dem jüngsten EZB-Zinsentscheid bereits mit fallenden Zinsen oder einem nahen Ende der Straffung kalkuliert, sollte diese Stimmen einpreisen: Ein Teil des Rats hält weitere Schritte für wahrscheinlich.
Konkret betrifft das zinssensitive Produkte - von Anleihen über Kreditprodukte bis zur Refinanzierung von Versicherern und Vermittlern. Bleiben die Leitzinsen der EZB über einen längeren Zeitraum straffer, als die Märkte derzeit annehmen, drückt dies auf die Bewertungen und treibt gleichzeitig die Kosten der Refinanzierung in die Höhe. Entsprechend geringer fällt die Planungssicherheit aus.












