Kaufkraft unter Druck: Wann bricht der wichtigste Motor der US-Wirtschaft ein?

US-Konjunktur
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Steigende Energiepreise belasten US-Haushalte, Reallöhne stagnieren. Was das für Wachstum und Fed-Politik bedeutet.

Der Krieg im Iran treibt die Energiepreise – und damit die Inflation in den USA. Weil die Reallöhne seit einem Jahr stagnieren, gerät der Konsum unter Druck. Was das für Wachstum und Geldpolitik bedeutet, analysiert AllianceBernstein-Ökonom Eric Winograd.

Mehrere Monate nach Beginn der Feindseligkeiten im Iran, macht sich die teurere Energie in den US-Inflationsdaten bemerkbar. Das Preisniveau wird sich voraussichtlich weiter erhöhen, was die Haushaltsbudgets zusätzlich belastet und die geldpolitischen Optionen der Federal Reserve (Fed) erschweren dürfte. Die jüngsten Daten aus den USA zeigen sowohl bei der Gesamt- als auch der Kerninflation (Abbildung 1) eine deutliche Steigerung. Die Veränderungsrate beim Gesamt-Verbraucherpreisindex (CPI) im Jahresvergleich ist von 2,4 Prozent im Februar auf 3,8 Prozent im April gestiegen und hat sich somit um fast 1,5 Prozentpunkte beschleunigt. Sofern die Ölpreise nicht bald stark sinken, ist mit einem weiteren Anstieg der Gesamtinflation zu rechnen. Der Kern-CPI, der die volatilen Preise für Lebensmittel und Energie ausschließt, hat sich um rund 0,3 Prozentpunkte beschleunigt. Er bewegt sich tendenziell langsamer als die Gesamtinflation, ist aber hartnäckiger; auch hier ist mit einem weiteren Anstieg zu rechnen.


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Die Folgeeffekte höherer Energiepreise für Verbraucher


Die US-Haushalte beginnen, den Druck durch höhere Preisniveaus zu spüren, und die Risiken eines langsameren Wirtschaftswachstums nehmen zu. Jeder Dollar, den eine Familie für Benzin ausgibt, steht nicht mehr für andere Ausgaben zur Verfügung, die einen größeren Multiplikatoreffekt auf die übrige US-Wirtschaft hätten – sei es ein Restaurantbesuch oder ein Heimwerkerprojekt. Da die Inflation die Kaufkraft schmälert, werden Haushalte in den kommenden Monaten zunehmend ihre Ausgaben zurückzufahren. Bisher wird zwar kein starker Rückgang erwartet, der eine Rezession auslösen würde. Dennoch ist der Inlandskonsum nach wie vor der mit Abstand größte Motor der US-Wirtschaft. Er macht etwa 70 Prozent der Gesamtaktivität aus. Wenn der Verbraucher schwächelt, wird auch die Gesamtwirtschaft schwächeln.

Die Hauptursache für die höhere Inflation sind die Kraftstoffpreise, doch steigende Energiepreise haben noch weitreichendere Auswirkungen. Die Benzinpreise sind in diesem Jahr bisher um etwa 50 Prozent gestiegen und nähern sich einem Niveau, das zuletzt beim Inflationsschub nach der Pandemie erreicht wurde. „Zweitrundeneffekte” machen jedoch auch Flugtickets teurer und erhöhen die Frachtkosten. Diese Kosten beunruhigen die politischen Entscheidungsträger, da sie tendenziell hartnäckig sind. Gebühren wie „Treibstoffzuschläge” bei Flugpreisen oder Warenlieferungen bleiben auch nach dem Abklingen anfänglicher Energieschocks bestehen und halten die Kerninflation höher.

US-Haushalte treten bei den Gehältern auf der Stelle


Derzeit konzentriert sich die Sorge jedoch darauf, welche Auswirkungen die Energiepreise auf die Gesamtwirtschaft haben. Auch hier gibt es genügend Anlass zur Sorge. Ein wichtiger Indikator für die finanzielle Gesundheit der Verbraucher ist das Haushaltseinkommen. Im vergangenen Jahr ist diese Zahl um 3,8 Prozent gestiegen – genau so stark wie die Inflation. Mit anderen Worten: Inflationsbereinigt ist das Einkommen der US-Haushalte seit zwölf Monaten nicht gestiegen (Abbildung 2). Die Haushalte treten im Großen und Ganzen auf der Stelle.

Wenn die Inflation nun weiter ansteigt – was wahrscheinlich ist –, müssen die Haushalte auf ihre Ersparnisse zurückgreifen, Geld aufnehmen oder finanzielle Vermögenswerte verkaufen, um ihren Konsum auf dem gleichen Niveau zu halten. Selbst wenn es ihnen gelingt, den Konsum stabil zu halten, wird dies wahrscheinlich nicht ausreichen, um das Bruttoinlandsprodukt zu steigern. Somit wäre die Wirtschaft für ihr Wachstum vollständig auf andere Sektoren angewiesen. Zwar ist zu erwarten, dass die Investitionen von Unternehmen in Künstliche Intelligenz anhalten, doch das dürfte die schwindende Konsumkraft nur teilweise ausgleichen.

Wie widerstandsfähig ist die K-förmige Wirtschaft?


Die Lohneinkommensprognosen unterschätzen die Inflationsherausforderung für viele Haushalte. Menschen mit geringem Einkommen geben einen höheren Anteil ihres Einkommens für Grundbedürfnisse wie Lebensmittel, Energie und Miete aus. Seit vielen Jahren steigen die Kosten für diese Grundbedürfnisse schneller als die allgemeine Inflation (Abbildung 3). Verbraucher mit geringem Einkommen verfügen nicht mehr über die Ersparnisse, die sie noch während des Inflationsanstiegs nach der Pandemie hatten, um die Belastung abzufedern. Daher ist zu erwarten, dass sie ihre Ausgaben einschränken werden.

Damit bleiben zwei große Fragen für die US-Wirtschaft: 

1. Können Verbraucher mit höherem Einkommen die Lücke weiterhin füllen, während Verbraucher mit niedrigerem Einkommen – also der untere Ast der K-förmigen US-Wirtschaft – beginnen, sich einzuschränken?

2. Falls Besserverdiener tatsächlich verstärkt den Konsum kompensieren: Wie lange können sie diese Unterstützung aufrechterhalten – insbesondere, wenn die Finanzmärkte ihre starke Performance der letzten Quartale nicht fortsetzen? 

Die Antworten auf diese Fragen werden den Wachstumskurs der US-Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte maßgeblich bestimmen.

Ein Dilemma für das duale Mandat der Fed


Aus geldpolitischer Sicht sind Angebotsschocks, wie sie durch einen steigenden Ölpreis verursacht werden, schwierig zu kompensieren. Die Fed kann durch Zinsänderungen eben keine realen Ölvorräte freisetzen. Steigende Energiekosten entfernen die Wirtschaft vom Doppelmandat der Notenbank für Vollbeschäftigung und Preisstabilität. Sie wirken in beide Richtungen: Ein langsameres Wachstum birgt das Risiko, den Arbeitsmarkt zu schwächen, während steigende Ölpreise die Inflation anheizen. Wenn die Fed auf die eine Bedrohung aggressiv reagiert, riskiert sie, die andere Seite zu verschlimmern. Angesichts dieses Dilemmas ist zu erwarten, dass die Fed zunächst beobachtet und abwartet. In den kommenden Monaten werden mehr Daten zur Verfügung stehen, wie sich der Ölschock auf die Wirtschaft auswirkt und ob der größere Druck auf das Wachstum oder die Inflation besteht. Bis dahin ist nicht davon auszugehen, dass der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh auf Zinsschritte drängt. Der nächste Schritt wird weiterhin eine Senkung sein, wenngleich der Krieg dies verzögert hat.

Autor Eric Winograd ist Director Developed Market Economic Research and Chief US Economist bei Alliance Bernstein.


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