Die Politik hat entschieden: Die Rente mit 63 wird abgeschafft, die Lebensarbeitszeit soll steigen. Was in Berlin als demografische Notwendigkeit gilt, trifft in den Betrieben auf eine ernüchternde Gegenwirklichkeit. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten ab 50 denkt über einen vorzeitigen Ausstieg nach – und wer seine Gesundheit schlecht bewertet, will das sogar zu 60 Prozent. Das zeigt der DAK-Gesundheitsreport 2026, für den das IGES Institut rund 7.000 Beschäftigte befragt und die Krankschreibungsdaten von 2,4 Millionen erwerbstätigen Versicherten ausgewertet hat.
Der Wunsch, früher aufzuhören, ist dabei kein Randphänomen. Über alle Altersgruppen hinweg denken 44 Prozent der Befragten über einen vorzeitigen Renteneintritt nach. 35 Prozent planen, bis zum regulären Rentenalter zu arbeiten, neun Prozent wollen auch darüber hinaus berufstätig bleiben. Doch je älter und je kränker, desto stärker der Drang zum Ausstieg: Unter den ab 50-Jährigen mit guter Gesundheit wollen 49 Prozent früher aufhören – bei schlechter Selbsteinschätzung sind es 60 Prozent.
DAK-Vorstandschef Andreas Storm bringt das Dilemma auf den Punkt: „Der Schlüssel für ein längeres Erwerbsleben sind ein nachhaltiges betriebliches Gesundheitsmanagement und eine Unternehmenskultur, die die Erfahrung älterer Beschäftigter wertschätzt. Wenn jeder zweite Beschäftigte ab 50 Jahren heute über einen vorzeitigen Renteneintritt nachdenkt, verdeutlicht dies den großen Handlungsdruck. Darüber hinaus liegt der Krankenstand mit 66 Jahren im Durchschnitt doppelt so hoch wie mit 50.“
Wertschätzung entscheidet – nicht nur Gesundheit
Wer länger arbeiten soll, muss auch wollen. Und daran hapert es offenbar gewaltig. 40 Prozent der Befragten ab 50 nennen „mehr Wertschätzung für meine Arbeitsleistung“ als wichtigste Voraussetzung, um möglichst lange motiviert im Job zu bleiben. Für 36 Prozent wäre entscheidend, dass ihr Erfahrungswissen stärker anerkannt und genutzt wird. Die Folgen mangelnder Anerkennung sind messbar: Beschäftigte ab 50, die wenig Wertschätzung für ihr Erfahrungswissen erfahren, planen deutlich häufiger einen früheren Ausstieg als jene, die viel Anerkennung erhalten – 55 gegenüber 49 Prozent.
Das verbreitete Klischee vom leistungsschwachen Älteren? Die Daten widerlegen es. Die selbst berichtete Leistungsfähigkeit älterer Beschäftigter unterscheidet sich im Durchschnitt kaum von der jüngerer Kolleginnen und Kollegen. Auch beim Krankenstand zeigt sich ein differenzierteres Bild als erwartet: Beschäftigte ab 50 werden seltener krankgeschrieben als unter 50-Jährige – im Jahr 2025 kamen auf 100 ältere Beschäftigte 165 Krankschreibungen, bei den Jüngeren waren es 213 Fälle.
Der Haken: Wenn Ältere krank werden, trifft es härter. Die Erkrankungen sind gravierender, die Ausfallzeiten entsprechend länger – ein Krankheitsfall dauert im Schnitt doppelt so lang. Unter dem Strich stehen für Beschäftigte ab 50 im Jahr 2025 durchschnittlich 26,9 Fehltage pro Kopf, gegenüber 17,4 Tagen bei den unter 50-Jährigen.
Krankenstand mit 66 Jahren: elf von 100 fehlen täglich
Mit zunehmendem Alter steigt der Krankenstand unaufhaltsam. Bei 50-Jährigen liegt er bei 5,8 Prozent, mit 60 Jahren bei 7,7 Prozent – und dann zieht er nochmals deutlich an. Mit 66 Jahren erreicht er elf Prozent. Konkret bedeutet das: An jedem Arbeitstag fehlen durchschnittlich elf von 100 Beschäftigten. Storm macht deshalb klar, was er von Arbeitgebern erwartet: „Unternehmen müssen Gesundheitsangebote verstärken, denn sie können es sich vor dem Hintergrund des demografischen Wandels nicht mehr leisten, ältere Beschäftigte und deren Kompetenzen zu verlieren.“
Ob die neue Aktivrente – das Modell, das Arbeiten über das Rentenalter hinaus steuerlich attraktiver machen soll – daran etwas ändert, bleibt offen. Grundsätzlich offen für das Modell zeigen sich 65 Prozent der Befragten, eine klare Nutzungsabsicht haben aber die wenigsten: Nur 24 Prozent können sich die Aktivrente gut vorstellen, 41 Prozent schließen sie nicht aus – und 35 Prozent lehnen sie klar ab.
Besonders reserviert sind Frauen: Sie nennen häufiger gesundheitliche Einschränkungen als Hinderungsgrund und bezweifeln stärker als Männer, überhaupt ein passendes Angebot zu finden – 32 Prozent der Frauen gegenüber 27 Prozent der Männer gehen davon aus, dass ältere Beschäftigte auf dem Arbeitsmarkt weniger gefragt sind. Die Politik mag die Weichen für längeres Arbeiten stellen – die Bereitschaft dazu muss in den Betrieben erst noch wachsen.
















