Wenn Friedrich Merz im Oktober zum Investorengipfel lädt, dürften neue Investitionszusagen im Mittelpunkt stehen. Für Anleger ist allerdings weniger die Höhe politischer Ankündigungen entscheidend als deren Umsetzung: Wo kommen die Milliarden bereits in Fabriken und Auftragsbüchern an, und welche industriellen Engpässe eröffnen Unternehmen zusätzliche Geschäftschancen?
René Petersen, Lead Portfolio Manager der Empower-Europe-Strategie bei Nordea Asset Management, sieht darin die entscheidende Investmentfrage. „Für Anleger zählt vor allem, ob politischer Anspruch in einen nachhaltigen Zyklus aus Investitionen, Innovation und Produktivität mündet.“
Europa will seine Abhängigkeit von anderen Wirtschaftsräumen reduzieren und zugleich Verteidigung, Energieversorgung, Digitalisierung und industrielle Infrastruktur stärken. Daraus entsteht nach Petersens Einschätzung konkrete Nachfrage: „Strategische Autonomie wird zu einer Quelle realer wirtschaftlicher Nachfrage.“
Halbleiter und Stromnetze treiben Europas Investitionen
Ein Beispiel liefert Infineon. Der Halbleiterkonzern hat im Juli in Dresden eine neue Smart Power Fab eröffnet. Mit einem Volumen von fünf Milliarden Euro handelt es sich um die größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte. Die dort gefertigten Leistungshalbleiter werden unter anderem für Stromnetze, erneuerbare Energien und die Stromversorgung von KI-Rechenzentren benötigt.
Auch bei der Netzinfrastruktur zeigt sich der Investitionsbedarf bereits in den Auftragsbüchern. Siemens Energy meldete im zweiten Geschäftsquartal einen Rekordauftragsbestand von 154 Milliarden Euro. Die Sparte Grid Technologies gehörte zu den wesentlichen Treibern des Auftragseingangs.
Beim Kabelhersteller Prysmian belief sich der Auftragsbestand im Transmission-Geschäft zuletzt auf rund 17 Milliarden Euro. Hinzu kamen Projekte im Volumen von rund zwei Milliarden Euro, die bereits vergeben, aber noch nicht im Auftragsbestand enthalten waren.
Chancen abseits der größten Indexwerte
Petersen erwartet deshalb, dass die zweite Phase des sogenannten „Europe Trade“ weniger von den bereits bekannten politischen Gewinnern geprägt sein könnte. In den Vordergrund dürften vielmehr Unternehmen rücken, die Engpässe bei Elektrifizierung, Stromnetzen, Halbleitern und spezialisierter Industrieausrüstung beheben können.
„Der gemeinsame Nenner ist anhaltende Nachfrage nach Technologien und Infrastruktur, die Europa widerstandsfähiger machen, und Chancen für Unternehmen, die sie bereitstellen können“, sagt Petersen.
Für die Titelauswahl bedeutet das, nicht allein auf die europäischen Schwergewichte zu schauen. „Gerade außerhalb der größten Indexwerte können sich attraktive Zugänge zu strukturellem Wachstum eröffnen.“















