Die Zinserhöhung ist an den Finanzmärkten so gut wie vollständig eingepreist. Die größere Unsicherheit liegt im weiteren Zinskurs. Die EZB legt sich bewusst nicht auf einen festen Pfad fest, sondern entscheidet von Sitzung zu Sitzung. Umso stärker dürfte der Fokus darauf liegen, welche Signale Lagarde für die Zeit nach September sendet und ob die EZB weitere Zinserhöhungen offenhält oder zunächst eine Pause in Aussicht stellt.
Die Inflation bleibt das zentrale Problem. Mit 3,3 Prozent liegt sie deutlich über dem 2-Prozent-Ziel der EZB. Ein wesentlicher Teil des jüngsten Anstiegs geht allerdings auf höhere Energiepreise zurück – einen externen Preisschock, den die Notenbank mit höheren Zinsen kaum direkt beeinflussen kann.
Die Gefahr liegt vor allem in möglichen Zweitrundeneffekten. Solange höhere Energiepreise nicht stärker auf Löhne, Dienstleistungen und andere Preise übergreifen, bleibt der zugrunde liegende Inflationsdruck begrenzt. Verfestigt sich der Preisdruck dagegen über diese Bereiche, könnte die EZB zu weiteren Zinserhöhungen gezwungen sein.
Öl macht die Rechnung komplizierter
Öl bleibt der große externe Unsicherheitsfaktor. Der Preis liegt wieder bei über 90 US-Dollar, nachdem er im März zeitweise 120 US-Dollar erreicht hatte und im Juli auf etwa 70 US-Dollar gefallen war. Diese Schwankungen erschweren die Einschätzung, wie dauerhaft der aktuelle Energiepreisdruck auf die Inflation wirkt. Die Märkte scheinen sich zwar zunehmend an den ungelösten Konflikt gewöhnt zu haben, das Risiko erneuter Preisschocks bleibt jedoch bestehen.
Die Wirtschaft zeigt sich bislang relativ robust. Damit dürfte es der EZB leichter fallen, bei anhaltendem Inflationsdruck weitere Zinserhöhungen in Betracht zu ziehen.
Hohe Anleiherenditen verschärfen die Finanzierungsbedingungen zusätzlich – teilweise unabhängig von weiteren EZB-Schritten. Für Anleger zählt daher weniger die weitgehend eingepreiste Zinserhöhung als der weitere Zinskurs und die Frage, wie lange die Renditen auf erhöhtem Niveau bleiben.
Lagarde wird zum Taktgeber
Signalisiert Lagarde eine mögliche Pause nach September, könnten die Erwartungen an weitere Zinserhöhungen sinken und die Bund-Renditen nachgeben. Das könnte Aktien entlasten. Hält die EZB dagegen weitere Zinsschritte offen, könnten Zinserwartungen, Renditen und damit die Finanzierungskosten länger erhöht bleiben.
Doppelte Kostenbelastung
Für den DAX ist das besonders relevant, da viele Industrie-, Chemie-, Auto- und Transportunternehmen vergleichsweise energie- und rohstoffintensiv sind. Anleger dürften deshalb darauf achten, inwieweit die Unternehmen höhere Kosten an ihre Kunden weitergeben können. Gelingt das nur teilweise, geraten die Margen unter Druck.
Gleichzeitig verteuern hohe Anleiherenditen die Finanzierung für Unternehmen. Dadurch steigen die Finanzierungskosten für neue Investitionen und Projekte, wodurch diese weniger rentabel werden und verschoben oder gestrichen werden könnten. Besonders betroffen sind kapitalintensive und hoch verschuldete Unternehmen.
Problematisch ist vor allem die Kombination beider Faktoren. Höhere Energiepreise belasten die operativen Kosten, während hohe Renditen gleichzeitig die Finanzierung verteuern. Können Unternehmen diese Mehrkosten nicht durch höhere Verkaufspreise oder Produktivitätssteigerungen auffangen, geraten Margen und Gewinne unter Druck.
Starke Margen werden zum Schutzschild
Damit gewinnt die Qualität der Unternehmensbilanzen an Bedeutung. Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht, stabilen Margen, starken Cashflows und geringer Verschuldung können höhere Kosten und Zinsen besser abfedern.
Autor Maximilian Wienke ist Marktanalyst bei eToro.












