Ölpreis bei 120 US-Dollar: Warum die Weltwirtschaft dann unter Druck gerät

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Ölpreis bei 120 US-Dollar
Bild: KI-generiert mit ChatGPT / DALL·E
Ab 120 Dollar könnte Öl zum Konjunkturrisiko werden: Raffinerieengpässe, Inflation und steigende Zinsen verschärfen die Lage.

Gestörte Transportwege, sinkende Lagerbestände und knappe Raffineriekapazitäten setzen den Ölmarkt unter Druck. Ein Brent-Preis von dauerhaft mehr als 120 Dollar könnte Inflation und Zinsen weiter antreiben – und damit die Weltkonjunktur belasten.

Die Passage durch die Straße von Hormus bleibt weiterhin gestört, zusätzliche Transportwege rund um das Rote Meer sind gefährdet und die saudische East-West-Pipeline als wichtige Umgehungsmöglichkeit ist beeinträchtigt. Mehr als 10 Mio. Barrel täglicher Fördermenge am Persischen Golf fallen derzeit weg. Die global beobachteten Ölbestände sind seit Februar um 507 Mio. Barrel beziehungsweise durchschnittlich 2,8 Mio. Barrel pro Tag gefallen. Allein im August nahm der Bestand um 95 Mio. Barrel ab. 
  
Noch kritischer ist jedoch die Lage bei den Raffinerien und Ölprodukten. Die globale Raffinerieverarbeitung lag im August mit 81,4 Mio. Barrel pro Tag um 4,2 Mio. Barrel unter dem Vorjahresniveau. Die Exporte raffinierter Produkte und von Flüssiggas aus den Golfstaaten liegen fast 60 Prozent beziehungsweise 3,7 Mio. Barrel pro Tag unter dem Niveau vor dem Iran-Krieg. Besonders knapp ist Dieselkraftstoff. Die kombinierten Diesel- und Gasoil-Exporte aus dem Persischen Golf und Russland lagen im August 1,6 Mio. Barrel pro Tag unter dem Februarniveau. Vor dem Krieg entfielen auf diese Regionen fast 45 Prozent des weltweiten seeseitigen Dieselhandels.  


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Der eigentliche Knackpunkt ist nicht nur die geringe Rohölförderung, das Problem liegt zunehmend in den Verarbeitungsstufen danach. Der gesamte Ölmarkt steht unter ungewöhnlich hohem Stress – Förderung, Transport, Raffinerien und Lagerbestände. Selbst wenn zusätzliches Rohöl verfügbar wäre, ließe sich kurzfristig nicht beliebig mehr Diesel, Benzin oder Flugtreibstoff produzieren. Die IEA spricht inzwischen ausdrücklich von einem globalen Raffineriesystem, das „stretched to the limit“ ist. 
  
Auch die strategischen Reserven könnten mittlerweile einen weiteren Schock weniger gut abfedern als noch zu Beginn der Krise. In den USA wurden die Reserven erheblich reduziert und die technisch kurzfristig mobilisierbare Menge wird durch niedrige Füllstände und infrastrukturelle Restriktionen begrenzt. Der Ölmarkt verliert damit nach und nach seine Stoßdämpfer: freie Fördermengen, sichere Transportwege, Raffineriereserven und Lagerbestände. Ein Risikoszenario mit Ölpreis 200 USD pro Barrel ist wieder denkbar geworden. 

Warum 120 Dollar kritisch werden könnten 

Die Marke von 120 US-Dollar bei Brent ist nach meiner Schätzung die Schwelle in den kritischen Bereich. Sollte der Ölpreis länger über diesem Niveau handeln, drohen erheblich negative Auswirkungen auf die Weltkonjunktur. 

Inflation: Der Zeitpunkt könnte kaum ungünstiger sein
Die Kerninflation hält sich in vielen Volkswirtschaften bereits hartnäckig über dem Inflationsziel der Zentralbanken. Steigende Ölpreise erhöhen zunächst Benzin- und Dieselpreise und damit Transport- und Produktionskosten. Bleiben sie länger hoch, wirken sie zunehmend auf das allgemeine Preisniveau. 
 
Damit droht aus einem Energiepreisschock eine zweite Inflationswelle zu werden. Für Europa ist der Effekt besonders problematisch: Als großer Nettoenergieimporteur verliert der Euroraum gleichzeitig Kaufkraft und Wachstum – gerade in dem Moment, in dem sich die Konjunktur erstmals spürbar erholt. 
  
Zentralbanken: Das klassische Stagflationsdilemma
Höhere Leitzinsen produzieren kein zusätzliches Öl und schaffen keine Raffineriekapazitäten. Normalerweise sollten Zentralbanken deshalb einen temporären Ölpreisschock weitgehendignorieren. Die Weltwirtschaft wächst derzeit dank eines globalen Investitionsbooms dynamisch, sodass die höheren Energiepreise stärkere inflationäre Effekte haben dürften. Wir erwarten noch mindestens zwei Leitzinserhöhungen der EZB auf 3,0 Prozent und mindestens zwei Schritte der US-Notenbank auf 4,1 Prozent. Die Risiken für mehr Zinsschritte sind jedoch hoch. 

Quellen: IEA Oil Market Report vom 11. September 2026 und U.S. Energy Information Administration (EIA) 

Autor Edgar Walk ist Chefvolkswirt bei Metzler Asset Management.

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