Der Ölmarkt hat den Krieg im Nahen Osten bislang vergleichsweise gut verkraftet. Brent kostete am 31. Juli rund 90 Dollar je Barrel und lag damit deutlich unter dem Krisenhoch von mehr als 140 Dollar Anfang April.
Die Ruhe kann jedoch täuschen. Zeitlich begrenzte Stützen verlieren an Wirkung, während Nachfrage, Raffinerieausfälle und unsichere Transportwege den Markt belasten. Der Preisschock könnte daher zuerst bei Benzin, Diesel und Kerosin sichtbar werden.
Eine zentrale Rolle spielen die Notreserven. Die Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur beschlossen im März die Freigabe von 400 Millionen Barrel. Bis zum 21. Juli waren davon 290 Millionen Barrel eingesetzt. Reserven kaufen Zeit, schaffen aber keine neue Förderung.
Warum der Preissprung bislang ausblieb
Robin Mills, Chef des Beratungsunternehmens Qamar Energy, führt die scheinbare Entspannung auch auf rund 100 Millionen Barrel zurück, die nach der kurzen Öffnung der Meerenge aus schwimmenden Lagern abflossen. Das zeitgleiche Eintreffen vieler Tanker in Asien habe wie ein Überangebot gewirkt, obwohl die laufenden Ausfuhren niedrig geblieben seien. Von einer echten Ölschwemme könne daher keine Rede sein.
Nick Wayth, Vorstandschef des Energy Institute, sieht einen weiteren Puffer in der Förderung auf dem amerikanischen Kontinent. Amerika produziere inzwischen rund 20 Prozent mehr Öl als der Nahe Osten. Neben den Vereinigten Staaten hätten Brasilien und Guyana dazu beigetragen, die Folgen der Hormus-Sperrung abzufedern.
Doch die Vorräte sinken. Laut IEA nahmen die OECD-Bestände im Juni um 62 Millionen Barrel ab, davon entfielen 44 Millionen auf staatliche Reserven. In China gingen die Rohölvorräte um 41 Millionen Barrel zurück. Zugleich soll die globale Nachfrage von Mai bis Oktober um mehr als acht Millionen Barrel täglich steigen.
Tabelle 1: Warum der Ölpreisschock bislang ausgeblieben ist
| Entlastungsfaktor | Wirkung auf den Ölmarkt | Warum die Wirkung nachlässt |
|---|---|---|
| Freigabe staatlicher Notreserven | Zusätzliche Ölmengen verhindern kurzfristige Engpässe | Die Reserven sind begrenzt und müssen später wieder aufgefüllt werden |
| Freisetzung wartender Tanker | Rund 100 Millionen Barrel gelangten zusätzlich auf den Markt | Es handelte sich um einen einmaligen Nachholeffekt |
| Schwächere Nachfrage aus China | Geringere Importe entlasteten den Weltmarkt | Chinas Nachfrage zeigt erste Erholungstendenzen |
| Höhere Förderung in Amerika | USA, Brasilien und Guyana gleichen einen Teil der Ausfälle aus | Die zusätzlichen Mengen reichen bei einer erneuten Eskalation nicht aus |
| Gedämpfte Konjunktur | Niedrigerer Verbrauch begrenzt den Preisanstieg | Bis Oktober erwartet die IEA einen kräftigen Nachfrageanstieg |
| Politische Entspannungssignale | Hoffnung auf eine Öffnung der Straße von Hormus senkt die Risikoprämie | Ohne belastbares Abkommen kann die Stimmung schnell kippen |
Preisschock könnte bei Kraftstoffen beginnen
Die IEA verweist auf die wachsende Lücke zwischen Rohöl und verarbeiteten Produkten: Im Juni erreichten die Rohölexporte aus dem Golf fast drei Viertel ihres Vorkrisenniveaus, die Ausfuhren von Kraftstoffen und Flüssiggas aber weniger als die Hälfte. Zusammen mit Ausfällen russischer Raffinerien trieb dies die internationalen Raffineriemargen Anfang Juli auf ein Vierjahreshoch.
Mills erwartet bei fortdauernden Angriffen auf Schiffe eine schleichende Krise zwischen September und dem Jahresende. Daan Struyven, Leiter der Ölforschung bei Goldman Sachs, hält die Preisrisiken ebenfalls für nach oben verzerrt. Öffnet die Straße von Hormus nicht vollständig und erholen sich die Golfexporte nur langsam, könnte Brent laut seinem Risikoszenario bis zum Jahresende 130 Dollar überschreiten.
Die für September geplante OPEC+-Erhöhung um 188.000 Barrel täglich und alternative Pipelines reichen nicht aus, wenn sichere Transportwege fehlen. Nötig ist ein belastbares Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und Iran mit Waffenruhe, Sicherheitsgarantien und einer dauerhaften Öffnung der Straße von Hormus. Kurzfristig können weitere Reservenfreigaben, ein geringerer Verbrauch und zusätzliche Kraftstoffexporte die Versorgung stützen.
Tabelle 2: Wann die Schonfrist enden könnte
| Zeitraum | Erwartete Entwicklung | Preisrisiko |
|---|---|---|
| August 2026 | Notreserven und vorhandene Tankerladungen stabilisieren den Markt noch | Erhöht, aber begrenzt |
| Ab September 2026 | Sommerpuffer schwinden, Nachfrage und Kraftstoffbedarf bleiben hoch | Deutlich steigend |
| Herbst 2026 | Niedrige Lagerbestände treffen auf knappe Raffineriekapazitäten | Hohe Gefahr eines Preisschocks |
| Viertes Quartal 2026 | Bei anhaltenden Transportstörungen hält Goldman Sachs Brent-Preise von mehr als 120 US-Dollar für möglich | Sehr hoch |
| Nach einer dauerhaften Einigung | Tankerverkehr, Förderung und Raffinerien können schrittweise normalisiert werden | Deutlich sinkend |
| Ohne politische Lösung | Schleichende Versorgungskrise zwischen September und Jahresende | Anhaltend sehr hoch |
Politische Einigung wird zum Schlüsselfaktor
Alternative Pipelines bieten nur begrenzte Entlastung. Saudi-Arabien kann Öl nach Yanbu am Roten Meer leiten, die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen über eine Verbindung nach Fujairah. Vollständig ersetzen können diese Routen die Straße von Hormus nicht.
Kurzfristig könnten weitere Reservenfreigaben, ein geringerer Verbrauch und zusätzliche Kraftstoffexporte aus China den Markt stabilisieren. Dauerhaft erforderlich ist jedoch ein politisches Abkommen zwischen den USA und Iran, das eine Waffenruhe, Sicherheitsgarantien und die verlässliche Öffnung der Straße von Hormus umfasst.
Kommt bis Ende August keine belastbare Einigung zustande, dürfte die kritischste Phase zwischen September und dem Jahresende beginnen. Dann treffen steigende Nachfrage und sinkende Vorräte auf knappe Raffineriekapazitäten und weiterhin unsichere Transportwege.













