Großbritannien steht vor dem nächsten Regierungswechsel. Fast genau zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum folgt Andy Burnham als neuer Premierminister auf Keir Starmer. Es ist bereits der siebte Regierungschef innerhalb von zehn Jahren – ein erneuter personeller Wechsel in einer politisch bewegten Dekade. Für Anleger stellt sich nun die Frage, ob mit Burnham ein wirtschaftspolitischer Kurswechsel bevorsteht oder ob das Vereinigte Königreich seinen bisherigen Weg fortsetzt.
Dass Starmers Amtszeit bereits nach rund zwei Jahren enden würde, hatte sich seit einiger Zeit abgezeichnet. Als Labour die Regierung übernahm, waren die Erwartungen hoch. Starmer versprach politische Stabilität und tiefgreifende Reformen, um die britische Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Viele Bürger hofften auf sinkende Lebenshaltungskosten, Fortschritte im Gesundheitswesen und neue Impulse für Unternehmen.
Zwar gelang es Starmer, nach Jahren politischer Turbulenzen wieder mehr Stabilität in die britische Politik zu bringen. Gleichzeitig stand seine Regierung jedoch vor erheblichen finanziellen Herausforderungen. Der angespannte Staatshaushalt ließ nur begrenzten Spielraum für größere Reformen. Viele angekündigte Maßnahmen wurden entweder gar nicht umgesetzt oder konnten bislang keine spürbaren wirtschaftlichen Effekte entfalten. Hinzu kamen unpopuläre Entscheidungen wie die Kürzung von Heizkostenzuschüssen für Rentner, die Starmers Beliebtheit zusätzlich belasteten.
„Mann des Volkes“ will übernehmen
Mit Andy Burnham übernimmt nun ein Politiker, der in der britischen Öffentlichkeit als deutlich nahbarer gilt. Er wird häufig als „Mann des Volkes“ beschrieben und genießt auch außerhalb der Politik Sympathien. Für die Finanzmärkte ist jedoch weniger sein persönlicher Stil entscheidend als seine Finanzpolitik.
Hier sendet Burnham beruhigende Signale. Er hat mehrfach betont, die geltenden Fiskalregeln einhalten und die Glaubwürdigkeit der britischen Staatsfinanzen nicht gefährden zu wollen. Damit grenzt er sich klar von Liz Truss ab, deren ungeplante Steuersenkungen ohne ausreichende Gegenfinanzierung im Jahr 2022 massive Turbulenzen an den Finanzmärkten auslösten. Damals geriet das Pfund Sterling stark unter Druck, während die Renditen britischer Staatsanleihen sprunghaft anstiegen. Ein vergleichbarer Vertrauensverlust erscheint unter Burnham derzeit wenig wahrscheinlich.

Dr. Stefan Kipar (Foto: Union Investment)
Politisch startet der designierte Premierminister zudem aus einer komfortablen Position. Labour verfügt weiterhin über eine solide Mehrheit im Unterhaus. Spekulationen über mögliche vorgezogene Neuwahlen dürften deshalb ins Leere laufen. Angesichts der derzeit schwachen Umfragewerte wäre ein solcher Schritt mit erheblichen Risiken verbunden. Wahrscheinlicher ist, dass Burnham seine Amtszeit nutzen wird, um seine Partei bis zur regulären Wahl im Jahr 2029 neu aufzustellen. Umfangreiche Reformen des Gesundheits-, Bildungs- oder Arbeitsmarktsystems sind deshalb eher nicht zu erwarten.
Auch beim Verhältnis zur Europäischen Union zeichnet sich eher Kontinuität als ein grundlegender Kurswechsel ab. Burnham gilt grundsätzlich als europafreundlich und hat in der Vergangenheit erklärt, einen Wiedereintritt Großbritanniens in die EU grundsätzlich zu begrüßen. Ein solcher Schritt steht jedoch nicht auf der politischen Agenda der aktuellen Legislaturperiode. Realistischer erscheint eine pragmatische Annäherung an die EU und eine konstruktivere Zusammenarbeit in Handels- und Wirtschaftsfragen. Für Unternehmen und Kapitalmärkte wäre dies ein positives Signal, auch wenn sich Burnhams Kurs hier nur wenig von dem seines Vorgängers unterscheiden dürfte.
Großbritanniens Wirtschaft durch Brexit geschwächt und nicht ausgelastet
Zehn Jahre nach dem Brexit fällt die wirtschaftliche Bilanz weiterhin ernüchternd aus. Das Referendum wurde damals vor allem aus politischen Gründen entschieden; insbesondere die Begrenzung der Zuwanderung spielte im Wahlkampf eine zentrale Rolle. Tatsächlich ist die Migration seitdem jedoch eher gestiegen als gesunken. Aus wirtschaftlicher Sicht kommen die meisten Studien inzwischen zu dem Ergebnis, dass der Brexit das langfristige Wachstumspotenzial Großbritanniens geschwächt hat. Gleichzeitig wurden auch unmittelbar als Folge des Brexit Investitionen in UK ausgebremst, was die wirtschaftliche Entwicklung zusätzlich belastete. Auch der britische Aktienmarkt entwickelte sich in den vergangenen zehn Jahren schwächer als viele internationale Vergleichsindizes.
Aktuell wächst die britische Wirtschaft zwar weiter, allerdings mit nur moderatem Tempo. Gleichzeitig bestehen Überkapazitäten, sodass die Produktionskapazitäten nicht vollständig ausgelastet sind. Die Inflation liegt weiterhin oberhalb des Zielwerts der Bank of England, zuletzt vor allem infolge gestiegener Energiepreise im Zuge des Konflikts zwischen Israel und Iran. Da sich der Arbeitsmarkt inzwischen deutlich abschwächt, sind kräftige Lohnsteigerungen und damit eine sich selbst verstärkende Inflationsdynamik derzeit eher unwahrscheinlich. Mit nachlassenden Energiepreisen dürfte sich die Inflation deshalb schrittweise wieder in Richtung des Zwei-Prozent-Ziels bewegen.
Für die Bank of England ergibt sich daraus ein vergleichsweise großer Handlungsspielraum. Trotz der aktuell noch erhöhten Inflationsrate besteht kaum Anlass, die Geldpolitik weiter zu verschärfen. Vielmehr spricht die schwächere Konjunktur dafür, dass die Notenbank vorübergehend höhere Inflationsraten tolerieren könnte. Weitere Zinserhöhungen erscheinen daher wenig wahrscheinlich, sofern sich die Energiepreise nicht nochmals deutlich und dauerhaft erhöhen. Sollte die Wirtschaft im kommenden Jahr zusätzlich an Dynamik verlieren, wären sogar erste Zinssenkungen denkbar.
Kontinuität statt Wendepunkt
Für Anleger spricht damit vieles für Kontinuität statt für einen grundlegenden Wendepunkt. Burnham dürfte für politische Stabilität stehen und an einer soliden Haushaltspolitik festhalten. Das senkt das Risiko neuer Vertrauenskrisen am Markt für britische Staatsanleihen. Gleichzeitig sind größere Strukturreformen und damit deutliche Verbesserungen des langfristigen Wachstumspotenzials nicht zu erwarten. Auch von der Geldpolitik dürften kurzfristig kaum Impulse für steigende Renditen britischer Staatsanleihen ausgehen. Dem globalen Trend dauerhaft höherer Zinsen und steilerer Zinskurven wird sich allerdings auch Großbritannien kaum vollständig entziehen können.
Insgesamt spricht vieles für einen geordneten politischen Übergang und mehrere Jahre relativer Stabilität bis zur nächsten regulären Parlamentswahl im Jahr 2029. In Verbindung mit einer moderat EU-freundlichen Handelspolitik und einem insgesamt soliden globalen Konjunkturumfeld könnte dies auch das Pfund Sterling in den kommenden Monaten stützen. Für Investoren wäre das weniger eine Geschichte des großen Aufbruchs als vielmehr eine Rückkehr zu mehr Berechenbarkeit.
Autor Dr. Stefan Kipar ist Senior Economist bei Union Investment.













