Vorsorge in Deutschland: Bewusstsein vorhanden, Umsetzung mangelhaft

Dr. Frank Wild, Leiter des Wissenschaftlichen Instituts des PKV Verbands
Foto: PKV Verband
Dr. Frank Wild ist Leiter des WIP

Eine neue Studie von WIP und Versicherungskammer zeigt: Die Deutschen wissen um die Bedeutung der Altersvorsorge, handeln aber zu selten danach. Finanzielle Engpässe, Zeitmangel und ein komplexes Angebot bremsen die Umsetzung. Was das für eine Gesellschaft bedeutet, in der ein Leben bis 100 keine Seltenheit mehr ist.

Deutschland altert und ist darauf nicht ausreichend vorbereitet. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP) und der Versicherungskammer, für die 3.000 Personen im Alter von 16 bis 79 Jahren repräsentativ befragt wurden. Im Mittelpunkt standen Fragen rund um Einstellungen zum Älterwerden, zur subjektiven Lebenserwartung sowie zur tatsächlichen Umsetzung von Vorsorgemaßnahmen in den Bereichen Gesundheit, Finanzen und rechtlich-organisatorische Absicherung.


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Das Ergebnis klingt auf den ersten Blick ermutigend: Im Schnitt investieren die Befragten wöchentlich rund 2,5 Stunden in ihre Gesundheit und monatlich etwa 200 Euro in finanzielle Vorsorge. Doch hinter diesen Zahlen verbergen sich erhebliche Lücken. So gaben 47 Prozent an, dass fehlendes Geld zusätzliche finanzielle Vorsorge verhindert. 32 Prozent nannten finanzielle Möglichkeiten auch beim Thema Gesundheit als zentralen Engpass. Daneben bremsen Zeitmangel, Unsicherheit bei der Auswahl passender Angebote und organisatorische Schwierigkeiten die Umsetzung.

„Viele wissen um die Bedeutung von Vorsorge, aber es scheitert oft an inneren und äußeren Barrieren – vor allem finanzielle Unsicherheit, Zeitmangel und die Komplexität der Angebote bremsen“, sagt Dr. Frank Wild, Leiter des WIP. „Wir sehen: Neben individuellen Anreizen braucht es verlässliche Rahmenbedingungen und leicht zugängliche Informationen, um Vorsorge wirklich zu fördern.“

Umsetzungslücke bei finanzieller und rechtlicher Vorsorge

Vorsorge wird von den Befragten breit verstanden – nicht nur als Gesundheitsvorsorge, sondern auch als finanzielle und rechtlich-organisatorische Absicherung. Darunter fallen Vollmachten, Patientenverfügungen und die Planung altersgerechten Wohnens. Klassische Maßnahmen wie Bewegung, gesunde Ernährung und Vorsorgeuntersuchungen werden als besonders sinnvoll bewertet und auch vergleichsweise häufig umgesetzt.

Deutlich seltener hingegen greifen die Befragten zu finanziellen und rechtlich-organisatorischen Maßnahmen. Bei Vorsorgevollmachten, Nachlassregelungen und der Wohnplanung für das Alter klafft eine besonders große Lücke zwischen dem, was als wichtig erachtet wird, und dem, was tatsächlich umgesetzt wird.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Vorsorge in Deutschland grundsätzlich auf hohe Zustimmung stößt. Wir sehen kein Bewusstseinsproblem, sondern ein Umsetzungsproblem“, erklärt Wild. „Gerade vor dem Hintergrund steigender Lebenserwartungen wird das zunehmend zu einer gesellschaftlichen Herausforderung. Entscheidend sind positive Zukunftsperspektiven, finanzielle Handlungsspielräume und verlässliche Rahmenbedingungen, einschließlich klarer politischer Signale zur Rolle der individuellen Eigenvorsorge.“

Wer das Alter positiv sieht, plant aktiver

Ein zentraler Befund der Studie betrifft die Rolle der persönlichen Einstellung. Wer das Älterwerden vor allem mit Verlusten, Abhängigkeit und finanziellen Sorgen verbindet, empfindet Vorsorge häufig als Belastung und schiebt Entscheidungen hinaus. Wer hingegen Chancen, Selbstbestimmung und Lebensqualität damit verknüpft, agiert deutlich aktiver und umfassender.

Dieser Befund hat praktische Konsequenzen für die Beratung: Das Mindset der Kunden beeinflusst maßgeblich, ob und wie sie Vorsorgeentscheidungen treffen. Martin Fleischer, Vorstandsmitglied Personenversicherung im Konzern Versicherungskammer, betont den ganzheitlichen Charakter moderner Vorsorge: „Ein langes Leben ist eine große Chance, bedeutet aber auch neue Herausforderungen. Unsere Studie zeigt: Vorsorge umfasst heute weit mehr als nur Gesundheitsfragen. Sie muss ganzheitlich gedacht werden als Zusammenspiel von Eigenverantwortung, gesundheitsfördernden Strukturen, staatlicher Unterstützung sowie gezielter und individueller Beratung.“

Gesundheit und finanzielle Absicherung seien dabei untrennbar miteinander verbunden, so Fleischer: „Ohne das eine bleibt das andere unvollständig. Vorsorge ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe: Staat, Gesundheitssystem und wir als Versicherer tragen Verantwortung – aber auch jeder Einzelne. Es ist nie zu spät, sich mit der eigenen Vorsorge zu beschäftigen.“

Studiendesign: Repräsentative Befragung mit 3.000 Teilnehmern

Die Studie „Langlebigkeit und Vorsorge – Ergebnisse einer Bevölkerungsbefragung in Deutschland“ basiert auf einer standardisierten Online-Befragung von 3.000 Personen im Alter von 16 bis 79 Jahren. Die Stichprobe wurde online-repräsentativ nach Alter, Geschlecht, Region und Siedlungsstruktur aufgebaut. Erhoben wurden neben Einstellungen zum Altwerden und zur subjektiven Lebenserwartung auch die Nutzung digitaler Gesundheitsangebote sowie das Verständnis und die Umsetzung von Vorsorgemaßnahmen in allen drei genannten Bereichen.


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