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Signal Iduna CEO Torsten Uhlig: „Wir dürfen den Menschen nicht aus dem Blick verlieren“

Google Cash. bei Google als bevorzugte Quelle markieren

Zur Altersvorsorgereform: Das Altersvorsorgereformgesetz, kurz AVRG, ist seit Ende Mai in Kraft. Der Kostendeckel liegt bei einem Prozent Effektivkosten. Sie hatten den vorgesehenen Beratungsverzicht kritisch gesehen. Bleibt es dabei?

Uhlig: Ich bin weiter der festen Überzeugung, dass es ein Fehler ist, den Beratungsverzicht produktbezogen festzulegen. Wir haben hier eine Bedarfssituation zur Altersvorsorge. Das Standardprodukt liefert gegebenenfalls einen Baustein - aber wie viel bleibt im Alter an Rentenlücke? Der gesamte Altersvorsorgekomplex muss beraten werden, zumal wir in Deutschland ein weit unterdurchschnittliches Finanzwissen in der Bevölkerung haben. Ich kann nicht für ein Produkt einen Beratungsverzicht institutionalisieren, während der Gesamtkomplex sehr individuelle Beratung braucht: Was ist schon vorhanden? Was kommt noch? Einnahmen aus Vermietung, eine Erbschaft - all das fließt ein, wenn man anständig berät. Ich kann thesenbasiert vermuten, warum der Beratungsverzicht institutionalisiert wurde: Weil ansonsten ein Kostendeckel von einem Prozent für ein Standardprodukt schlicht nicht möglich gewesen wäre. Beratung muss bezahlt werden. Das gibt es nirgendwo in der Wirtschaft, dass Beratung unentgeltlich ist. Und der Berater, der dieses Wissen erst erwerben musste, muss anständig vergütet werden.

Nicht nur Sie kritisieren, dass der Staat beim geförderten Standardprodukt gleichzeitig Regelsetzer, Marktteilnehmer und Schiedsrichter ist. Was sind Ihre konkreten Erwartungen an GDV und Politik?

Uhlig: Ganz klar: Wer die Regeln macht, darf nicht mitspielen. Aus politischen Kreisen wird immer kommuniziert, ein staatliches Produkt werde den Wettbewerb ankurbeln. Da muss ich ehrlich fragen: Von wem kommt so etwas, und warum nur in dieser Branche? Warum gibt es bei hohen Spritpreisen keine staatlichen Tankstellen? Warum bei diesem Dickicht an Handytarifen keinen staatlichen Handytarif? Hier wird etwas festgelegt, das substanziell nicht unterlegt und artfremd der sozialen Marktwirtschaft ist. Ohne staatliche Beteiligung würde der Wettbewerb bei den Rahmenbedingungen des Standardprodukts sehr wohl auf Kosteneffizienz und gute Qualität hinarbeiten. Wie wir selbst vorgehen: Wir werden über unser Asset Management ein zertifiziertes Standardprodukt anbieten, stellen uns dem Wettbewerb und nutzen unsere Allfinanz-Kompetenz konsequent. Wir sind ein starker Lebensversicherer mit einem Asset Management, das schon im Vermittlerprozess auf Kundenbedürfnisse ausgerichtet ist. Wir haben für unsere Vermittler ein Haftungsdach. Und wir sind Vertrauter der Kunden, sind an der Kundenschnittstelle. Das gibt mir die Zuversicht, dass wir bei aller berechtigten Kritik an einzelnen Elementen des AVRG die sich bietenden Chancen nutzen werden.

Das AV-Depot wird ab dem 1. Januar mit der klassischen Fondspolice konkurrieren. Was unterscheidet die Fondspolice noch? Und welche Produktlinie wird bei Ihnen wachsen, welche schrumpfen?

Uhlig: Das ist sicher abhängig davon, von welchen Kundengruppen wir sprechen. Das Altersvorsorgedepot schafft ein Angebot für den kapitalmarktorientierten Vermögensaufbau. Bei der Fondspolice sehen wir Leistungen, die darüber hinausgehen: Renditechancen auf der einen Seite, aber eben auch Flexibilität und lebenslange Einkommenssicherung. Ich möchte an dieser Stelle einen Kritikpunkt noch einmal sehr deutlich platzieren: Im gesamten Reformprozess wurde das Risiko des Einkommensverlustes in der Ansparzeit leider nicht beachtet. Was passiert, wenn diejenigen, die hier sparen, aus gesundheitlichen Gründen kein Einkommen mehr haben? Beitragsfreiheit bei Einkommensverlust - das wäre nur logisch gewesen. Kalkulatorisch im Kollektiv, ohne Gesundheitsprüfung, wäre das möglich gewesen. Dann hätte man eine wirklich stabile, gesetzlich geförderte private Altersvorsorge, unabhängig davon, was einem aus gesundheitlichen Gründen im Erwerbsleben widerfährt.

Warum ist das nicht drin?

Uhlig: Ich kann nur eine These äußern: Die Gruppe, die es nicht drin haben wollte, war Meinungsbildender.

Aber Sie haben mit dem GDV doch eine gute Lobbyorganisation.

Uhlig: Da wir uns als Signal Iduna in verschiedenen GDV-Gremien auch stark engagieren, kann ich die Aussage unterstützen. Aber zurück zum Thema: Mit so einem Produktbaustein wäre es für Anbieter, die keine biometrischen Risiken im Portfolio haben, wesentlich schwieriger gewesen, sich als Produktanbieter so prominent zu platzieren. Das fehlende Finanzwissen der Bevölkerung macht mir dabei Sorgen - nicht jeder kann die Auswirkungen dieses Risikos der Erwerbminderung wirklich einschätzen.

Martin Gräfer hat im Interview mit unserem Magazin vor einige Monaten sehr deutlich gesagt, dass er erwartet, der Markt werde sich dort grundlegend verändern. Erwarten Sie wirklich, dass Fondspolicen unter Druck geraten?

Uhlig: Ja, bei den aktuellen Rahmenbedingungen zu Lasten der Lebensversicherung. Ich möchte dem Kollegen Gräfer an dieser Stelle zustimmen. Durch das AVRG haben wir mehr Wettbewerb und die Kunden mehr Wahlmöglichkeiten. Wie sich die Marktanteile innerhalb der verschiedenen Anbieter-Cluster verschieben, lässt sich heute seriös nicht abschätzen. Ich würde aber erwarten, dass die geförderten Produkte die aktuelle dritte Schicht weitgehend substituieren, weil die Fördermöglichkeiten sehr umfangreich sind. Die 50 Cent auf die ersten Euro, dann nochmals 25 Cent bis zu 1.800 Euro gefördert, dazu steuerliche Vorteile über ein zweites Depot - das sind Dimensionen, die weit über das bisher für private Altersvorsorge Aufgewandte hinausgehen. Wir werden unsere Produkte am Kundennutzen ausrichten: Flexibilitäten in der Auszahlungsphase, Steueroptimierung in der Ansparphase. Ich bin überzeugt, dass sich langfristig nicht das billigste Produkt durchsetzen wird, sondern das Produkt, das die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden am besten bedient.

Torsten Uhlig im Gespräch mit Cash. Redakteur Jörg Droste: „Wir hatten Vorschläge einer Expertenkommission und die waren gut. Wenn ich schaue, wie diese Hinweise im GKV-Beitragsstabilisierunggesetz aufgegriffen wurden, muss ich ehrlich sagen: das ist eher halbgar. Wie bei anderen Reformvorhanen wird wieder Cherry-picking betrieben. Das wird die Gesamtsituation nicht retten.“


Das AV-Depot ist als reines Wertpapierdepot konzipiert, nicht als Versicherungsprodukt - dadurch können erstmals auch Banken und Neobroker wie Trade Republic, Scalable Capital, ING oder die DKB als zertifizierte Anbieter auftreten. Wie bereitet sich die Signal Iduna darauf vor, ab 2027 nicht mehr nur gegen andere Lebensversicherer, sondern auch gegen kostengünstige Online-Broker um die geförderte Altersvorsorge zu konkurrieren?

Uhlig: Das ist Markt. Wir müssen aber Äpfel mit Äpfeln und Birnen mit Birnen vergleichen. Ich kann eine Fondspolice nicht direkt mit einem reinen Investmentprodukt vergleichen - das sind zwei verschiedene Obstsorten. Die Fondspolice enthält andere Elemente: versichertes Langlebigkeitsrisiko, lebenslangen Schutz, das Steuerprivileg. Allein das Halbeinkünfteverfahren bei der Kapitalauszahlung kompensiert in der Nachsteuerbetrachtung so manchen Kostenvorteil anderer Anbieter. Es ist extrem komplex - und deswegen ist es völlig unverständlich, dass das Ganze ohne Beratung ablaufen soll.

Sie haben ungefähr 100.000 Riesterverträge im Bestand. Wie gehen Sie mit potenziell Wechselwilligen um?

Uhlig: Sehr kundenindividuell. Es gibt Konstellationen, wo sich ein Wechsel in der Nachsteuerbetrachtung und unter Berücksichtigung der zu erwartenden Einkünfte im Alter lohnt - und andere, wo er sich nicht lohnt. Es ist sehr komplex und beratungsintensiv. Das wird eine riesige Herausforderung für die gesamte Versicherungswirtschaft. Die Kunden werden anfragen, Rückkaufswerte abfragen und Auszahlungen verlangen. Was dabei berücksichtigt werden muss - ohne es jetzt als Frage aufzuwerfen: das Liquiditätsmanagement in der Lebensversicherung, der Umgang mit stillen Lasten. Das sind alles Themen, die wir im Risikomanagement bereits in Prognosen einbeziehen und die für die Signal Iduna Lebensversicherung bei unserer Bestandsgröße und -zusammensetzung konkret bewertet werden.

Es soll auch eine staatlich organisierte Branchenlösung für das Altersvorsorgedepot geben. Bereiten Sie sich trotzdem vor, oder warten Sie ab?

Uhlig: Wir stellen uns dem Wettbewerb. Wenn es einen staatlichen Wettbewerber gibt, werden wir uns ihm genauso stellen wie den privatwirtschaftlichen Anbietern. Wir sind zum 1. Januar2027 startklar.

Welche Kapazitäten bindet die AVRG-Umsetzung eigentlich?

Uhlig: Die Serviceprozesse zu Riester - Zulagen, Zulagenverwaltung - haben enorme Aufwände verursacht. Das Problem ist, dass die politischen Folgekosten solcher Entscheidungen in den Berechnungen nur rudimentär erscheinen. Allein der Aufbau der Zulagenverwaltung zum AVRG sind völlig neue Prozesse in den Bestandssystemen, wo noch vieles ungeklärt ist. Und das Ganze soll in fünf Monaten funktional sein. Das ist ein ganz kleines Spotlight auf die Dimension der Themen. Die reine Produktgestaltung ist nur die Spitze des Eisberges.

Kommen wir zu Ihrem Lieblingsthema: der GKV-Reform. Wie bewerten Sie die?

Uhlig: Wir hatten Vorschläge einer Expertenkommission und die waren gut. Wenn ich schaue, wie diese Hinweise im GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz aufgegriffen wurden, muss ich ehrlich sagen: das ist eher halbgar. Wie bei anderen Reformvorhaben wird in der politischen Diskussion wieder Cherry-picking betrieben. Damit werden sie die Gesamtsituation nicht retten. Die Reformideen haben immer Elemente, die weh tun - und diese muss man eben auch umsetzen. Was im Rahmen der aktuellen GKV-Reform geschaffen wurde, ist aus meiner Sicht Symptombekämpfung. Das duale System, das Träger der Leistungsfähigkeit unserer gesamten Gesundheitsversorgung ist, wird geschwächt, und die Wahlfreiheit wird eingeschränkt. Wie mein Kollege Thomas Brahm aus dem PKV-Verband formuliert hat: Es ist die Bürgerversicherung für Angestellte, die hier eingeführt wurde. Wenn ich mit Politikern spreche, stelle ich oft die Frage nach dem widerspruchsfreien Narrativ: Wir wollen die Leistungsträger der Republik stärken und gleichzeitig erhöhen wir die Beitragsbemessungsgrenze um 300 Euro. Das sind augenfällige Zielkonflikte, die trotzdem eingegangen werden. Das ist kurzfristiges Symptombekämpfen, keine Ursachentherapie.

Sehen Sie in der Reform auch Chancen für Signal Iduna?

Uhlig: Es gibt systemimmanente Chancen. Alles, was auf der Leistungsseite kostenreduzierend wirkt, wirkt auf beide Krankenversicherungssysteme - und das ist gut so, denn wir haben in den Systemen kein Einnahmenthema, wir haben ein Ausgabenthema. Ob sich mehr Leute privat krankenversichern werden, ist von der individuellen Situation abhängig. Es gibt Personengruppen, die durch die Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze nicht mehr in der Lage sein werden, das System zu wechseln. Andererseits gibt es Personengruppen, denen durch den partiellen Wegfall der Familienversicherung in der GKV bewusst wird, dass ein Gesamtwechsel der Familie in die PKV interessant sein könnte.

Erwarten Sie dadurch Neukundengeschäft?

Uhlig: Im selbstständigen Bereich wird sich nicht viel ändern. Bei den Angestellten kann es in beide Richtungen gehen. Ich glaube, wir sind als PKV gut aufgestellt, wenn wir diese GKV-Veränderungen nicht als großes akquisitorisches Argument nutzen. Das würde die politische Diskussion zum dualen Kassensystem unnötig anheizen. Wir müssen gemeinsam schauen, wie wir mit Augenmaß auf die Leistungsseite achten.

Stichwort Leistungsseite: Pflegereform. Was erwarten Sie von Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann?

Uhlig: Ich erwarte eine objektive Ursachenanalyse. Einfach zu sagen, die Kosten seien explodiert, weil wir eine alternde Bevölkerung haben, das stimmt so nicht. Wir haben in der letzten Mitgliederversammlung des PKV-Verbandes einen hochinteressanten Vortrag von Prof. Dr. Veronika Grimm vom Sachverständigenrat der Bundesregierung gehört. (Wirtschaftsweise Grimm warnt vor Aufkündigung des Generationenvertrags) Sie hat sehr klar die wesentlichen Ursachen für die Kostensteigerungen dargestellt: Demografie auf der einen Seite - und Reformeffekte des Pflegestärkungsgesetzes II auf der anderen. Der weitaus größere Teil des Anstiegs kommt aus den Reformeffekten, nicht aus der Demografie. Der Vortrag ist online abrufbar, aufgezeichnet von der Mitgliederversammlung des PKV-Verbands (https://www.youtube.com/watch?v=wa8uj-MJYk) (ab 1:41 Stunde). Viele Leute kennen Personen mit Pflegegrad 1, welche die Zuschüsse wirtschaftlich gar nicht brauchen, aber das Geld bekommen. Hier wurden zu einer Zeit Wohltaten verteilt, als das geopolitische und wirtschaftliche Umfeld noch ein anderes war. Die Rahmenbedingungen haben sich gravierend geändert. Jetzt muss man klar fragen: Wie geht es weiter? Meine erste Erwartungshaltung ist eine objektive Ursachenanalyse. Bloße Beitragserhöhungen oder das Quersubventionieren aus der Privaten Pflegepflichtversicherung - was übrigens verfassungsrechtlich nicht tragbar wäre - lösen das Problem nicht.

Sie fordern mehr Eigenverantwortung ein?

Uhlig: Genau das. Ich kann nicht einerseits sagen: „Bitte, Gesellschaft, finanziert die Pflege der Großeltern.“ Und wenn die Großeltern verstorben sind, geht der Streit ums Erbe los. Eigenverantwortung muss auch in der Pflege eine andere Rolle spielen. Wir haben mit dem AVRG jetzt eine gute Blaupause für Förderung der privaten Vorsorge. Warum nimmt man nicht dieselbe Logik und sagt: Damit fördern wir den Aufbau einer privaten Säule der Pflegeversicherung?

Ließe sich die Pflege nicht in die bKV einbinden?

Uhlig: Das kann natürlich auch Bestandteil einer betrieblichen Krankenversicherung sein. Wir haben als Branche die Lösungen schon auf dem Tisch. Die Frage ist, warum es nicht gelingt, sie umzusetzen. Die betriebliche Krankenversicherung ist ein echter Problemlöser für die notwendigen Leistungsveränderungen in der GKV und der SPV. Aber ich kann dann eine bKV-Förderung nicht der Vergabe eines Tankgutscheines gleichsetzen. Das geht nicht.

Gerade bei Kleinst- und Kleinbetrieben kommt die bKV immer noch nicht an. Die Großen haben es - die Kleineren nicht. Ist es auch ein Umsetzungsproblem?

Uhlig: Ja und dafür gibt es verschiedene Ursachen. Einerseits ist eine bessere Förderung ein Umsetzungstreiber. Und dann braucht es volldigitale Prozesse mit hoher Convenience. Die Mitarbeiter im Betrieb können ihre Rechnungen direkt digital einreichen und bekommen das Geld schnell überwiesen. Arbeitgeber können so ihrer Fürsorgepflicht für die gesundheitlichen Belange ihrer Mitarbeiter nachkommen - und den Krankenstand im Betrieb senken.

Wie sind Sie in der bKV aufgestellt?

Uhlig: Wir bieten in der bKV Budgettarife an. Der Betriebsinhaber kann wählen, welche Leistungsbausteine im Budget am attraktivsten sind und wie viel Budget er für die zusätzliche Gesundheitsversorgung seiner Arbeitnehmer bereitstellen möchte - 300, 600 oder 900 Euro. Ich bin im Übrigen davon überzeugt, dass Gesundheit und Pflege künftig sehr viel stärker Bestandteil der Tarifverhandlungen zwischen den Sozialpartnern sein werden. Dann ist die bKV eine Lösungskomponente, die auf Gewerkschafts- wie auf Arbeitgeberseite Zustimmung findet.

Subsumieren Sie das unter betriebliche Vorsorge?

Uhlig: Im Grunde ja. Wie Sie wissen, sind wir aus unserer Historie bis heute sehr eng mit dem Mittelstand verbunden und unsere strategische Ausrichtung fokussiert logisch den Firmenkunden. In unserer Ausrichtung unterscheiden wir zwischen Firmenkunden-Belegschaftsversorgung mit betrieblicher Altersversorgung und betrieblicher Kranken- und Unfallversicherung sowie Firmenkunden-Gewerbe. Im gewerblichen Bereich finden sich die Sach-, Haftpflicht- und Transportrisiken.

Stichwort Gewerbe: Die Signal Iduna hat in Komposit die Marke von zwei Milliarden Euro Beitragseinnahmen überschritten, mit Handwerk und Mittelstand als strategischem Kernfokus. Der Marktanteil dort lag 2025 bei 6,8 Prozent, das Ziel bis 2030 sind zehn Prozent.

Uhlig: Wir werden noch stärker mit zielgruppenfokussierten Produkten punkten. Wo wir diese bereits anbieten, haben wir überdurchschnittliche Marktanteile. Wir haben eine Meisterpolice im Bäckerhandwerk mit sehr spezifischen Produktbestandteilen und sind dort Marktführer - historisch bedingt, weil das Bäckerhandwerk eigene Versorgungssysteme hatte, die über die Zeit in die Signal Iduna Gruppe eingeflossen sind. Zuletzt erst die SHB in Königswinter. Unser Marktanteil im Bäckerhandwerk und bei Schornsteinfegern liegt bei über 20 Prozent. In der Kundenansprache werden wir mit zielgruppenspezifischen Maklern intensiver zusammenarbeiten. Und wir spezialisieren unsere Ausschließlichkeitsvermittler noch klarer auf den Mittelstand. Dazu kommen die gewachsenen Beziehungen zu verschieden Handels- und Handwerksorganisationen. Mit diesem Mix sollte das Marktanteilsziel erreicht werden.

Bleiben wir im Sachbereich: Kfz, Wohngebäude, Hausrat, Haftpflicht: Nach meiner Kenntnis sind das die ertragsstärksten Privatspartensparten. Wo sehen Sie im Wettbewerb mit Direktversicherern und Vergleichsportalen noch Wachstumsspielraum?

Uhlig: Im letzten Jahr sind wir in den Kompositsparten unter Marktniveau gewachsen, daraus mache ich kein Geheimnis. Das lag daran, dass wir in den vergangenen zwei Jahren hier die Profitabilität sehr viel höher priorisiert haben. Wir haben einige Stellhebel anders gestellt und damit die Profitabilität spürbar gesteigert. Und wir sehen es als Kernverpflichtung, Versicherungsschutz in Zukunft dauerhaft bezahlbar zu halten. Jetzt gilt es, mit zukunftsfähigen Produkten und Prozessen nach vorn zu gehen: Dunkelverarbeitung, Automatisierung, kürzere Prozesslaufzeiten. Und in der Kundenkommunikation gilt es, Bezahlbarkeit neu zu denken - etwa Selbstbehalte und Werkstattbindung. Unsere Kunden sind nach Schäden für einige Dienstleister leider zum Selbstbedienungsladen geworden.

Sie meinen die Werkstattkosten, die in den letzten Jahren exorbitant gestiegen sind?

Uhlig: Da gibt es eine datenbasierte Korrelation: So wie der Absatz von Neuwagen zurückgeht, steigt der Anteil an Einnahmen aus der Werkstatt. Wir arbeiten mit Werkstattbindung im Kaskotarif und können über das Werkstattnetz Abschleppdienst, Mietwagen und Schadenbegutachtung steuern.

Lassen Sie uns einen Blick auf die Megathemen KI und IT werfen. Das sind längst keine Backoffice-Themen. Welche Relevanz haben Sie bei Signal Iduna?

Uhlig: Eine sehr hohe. Wir haben uns da strategisch klar positioniert. Die vor Jahren eingegangene strategische Partnerschaft mit Google Cloud hat uns ermöglicht, schon sehr früh intern mit KI-Agenten zu arbeiten. Seit Mai sind unsere Mitarbeitenden regulatorisch konform in der Lage, selbst Agenten für ihre tägliche Arbeit zu entwickeln - keine Prompting-Übungen, sondern echte Helfer für konkrete Prozesse. Ein aktuelles Beispiel aus der KV-Leistung: Ein Team hat einen Logopädie-Agenten gebaut. Sie haben festgestellt, welche Prozessschritte bei einer Logopädie-Rechnung durchlaufen werden müssen, und hat genau dafür einen Agenten entwickelt. Damit kann dieser Leistungsprozess schneller und kostengünstiger gestaltet werden. Unser Vorgehensmodell ist, den Mitarbeitenden Sicherheit geben, wie sie mit KI in ihrer täglichen Arbeit umgehen können, und damit die Motivation fördern, selbst Arbeitserleichterungen zu finden. Das gilt für den Vertrieb ebenso wie in den zentralen Einheiten.

Wohin soll das strategisch führen?

Uhlig: Die Steigerung der Produktivität ist für Signal Iduna ein wesentlicher Hebel - und künftig ein noch wichtigerer als in der Vergangenheit. Wir müssen das Thema in unserer Branche insgesamt, aber auch intern deutlich stärker in den Fokus rücken. Durch zunehmende Komplexität haben wir über die Jahre - um das bildhaft zu sagen - das ein oder andere Speckröllchen angesetzt, und die müssen wir wegtrainieren.

Speckröllchen wegtrainieren klingt nach dem Abbau von Übergewicht: Planen Sie einen Personalabbau?

Uhlig: Der Übergang vom Speckröllchen-Wegtrainieren zum KI-Einsatz ist eigentlich naheliegend. Und ja, Personal wird sich verändern - nicht nur bei Signal Iduna, das gilt für die gesamte Versicherungswirtschaft. Der demografische Wandel wird sowohl die Arbeitsnachfrage als auch das Arbeitsangebot verändern. Was sich vor allem wandeln wird, sind die Tätigkeiten des Einzelnen im Unternehmen. Umso wichtiger ist eine langfristige, strategische Personalplanung, die die Belegschaft auf diesem Weg mitnimmt.

Wie bewerten Sie die Abhängigkeit von US-amerikanischen KI-Modellen?

Uhlig: Das ist für alle eine Herausforderung, nicht nur für Signal Iduna. Wir haben als reguliertes Unternehmen klare Vorgaben der BaFin: Wie sehen Exit-Strategien aus, wenn wir mit Hyperscalern zusammenarbeiten? Wie lauten die Notfallpläne? Und wir müssen gemeinsam in der politischen Arbeit aktiv sein - gelingt es uns, souveräne europäische KI-Modelle zu fördern? Es gibt beginnende Gespräche, beispielsweise von Google Cloud mit Mistral, dem französischen KI-Unternehmen, wie europäische digitale Souveränität hergestellt werden kann. Es gibt zunehmend deutsche und europäische Initiativen und das ist gut so.

Abschlussfrage: Der Versicherungsmarkt ist im massiven Umbruch - Rentenreform, Altersvorsorgereform, Gesundheitsreform, Demografie, KI, Digitalisierung. Wenn Sie Ihre Agenda auf zwei, drei entscheidende Prioritäten herunterbrechen: Was steht ganz oben?

Uhlig: Erstens: fokussiertes Wachstum in unseren Zielgruppen - und zwar nicht nur über Beitrag und Preis, sondern auch über Stückwachstum. Beitragswachstum ist sehr stark durch Schadeninflation und Leistungssteigerung getrieben. Damit verbunden: Wachstum aus dem Bestand. Wir haben bestehende Kundenbeziehungen - und diese noch stärker zu nutzen ist ein entscheidender Punkt. Zweitens: der wirksame Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Nicht als Selbstzweck, sondern mit echter wirtschaftlicher Wirksamkeit. Das ist ein Transformationsprozess, der begleitet werden muss und bei dem wir als Management Vorbildfunktion haben. Und bei all dem - das ist uns bei Signal Iduna besonders wichtig - darf man eines nicht aus dem Blick verlieren: den Menschen. Die Kundinnen und Kunden, aber auch die Mitarbeitenden und den Vertrieb. Zukunftsfähigkeit braucht vor allem eine starke Belegschaft. Deshalb schaffen wir Rahmenbedingungen, die das Arbeiten bei und mit Signal Iduna auch künftig attraktiv gestalten.

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