Bei der Rentenreform und der Rente mit 63 sorgen neue Regierungszahlen für zusätzlichen Zündstoff. Rund jede vierte Frau, die nach 45 Versicherungsjahren abschlagsfrei in Rente geht, kommt im Monat auf eine gesetzliche Rente von unter 1.200 Euro. Unter den Männern ist davon lediglich etwa jeder Zwanzigste betroffen. Die Angaben stammen aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion. Zuerst berichtete darüber das Redaktionsnetzwerk Deutschland.
Noch größer fällt der Abstand bei den Neuzugängen des Jahres 2025 aus. Unter den Frauen, die neu in diese Rentenart wechselten, liegt der Anteil mit einer Rente von unter 1.200 Euro bei 28,2 Prozent - bei den Männern sind es lediglich 6,9 Prozent.
Die Geschlechterlücke bei der abschlagsfreien Rente im Überblick
Die wichtigsten Zahlen aus der Antwort der Bundesregierung sind in der folgenden Tabelle zusammengestellt:
| Gruppe | Frauen | Männer |
|---|---|---|
| Alle Bezieher der abschlagsfreien Rente nach 45 Jahren | rund 25 Prozent unter 1.200 Euro | rund 5 Prozent unter 1.200 Euro |
| Neuzugänge 2025 | 28,2 Prozent unter 1.200 Euro | 6,9 Prozent unter 1.200 Euro |
Auch der Sozialverband Deutschland (SoVD) hat die Problematik ausgewertet. Nach dessen Angaben erhalten derzeit bundesweit 1,08 Millionen Menschen mit mindestens 45 Versicherungsjahren eine Altersrente von weniger als 1.200 Euro. Insgesamt zählt der Verband 5,4 Millionen Bezieher dieser Rentenart. Deren Durchschnittsrente liegt bei 1.604 Euro. Regional unterscheiden sich die Fallzahlen allerdings deutlich:
| Bundesland | Betroffene mit Rente unter 1.200 Euro |
|---|---|
| Sachsen | rund 145.000 |
| Brandenburg | rund 71.000 |
Rentenreform Rente mit 63: Was die Kommission vorschlägt
Die neuen Zahlen treffen die Koalition in einer ohnehin offenen Debatte. Die von der Bundesregierung eingesetzte Alterssicherungskommission - im allgemeinen Sprachgebrauch Rentenkommission genannt - stellte ihren Bericht am 23. Juni 2026 vor. Nach Angaben des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales spricht das Gremium darin 33 Reformempfehlungen aus. Dazu zählt die Abschaffung der abschlagsfreien vorzeitigen Altersrente nach 45 Beitragsjahren. Laut Kommission soll ein vorgezogener Renteneintritt mit Abschlägen zukünftig erst ab einem Alter von 64 Jahren infrage kommen.
Brisant ist das vor allem wegen einer anderen Festlegung. Union und SPD hatten sich im Koalitionsvertrag 2025 darauf verständigt, an der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren im Grundsatz festzuhalten. Damit steht die Vereinbarung im Widerspruch zur Empfehlung der eigenen Rentenkommission.
Streit um Arbeitsjahre statt Beitragsjahre
Im Oktober 2026 sorgte ein Vorschlag von Gitta Connemann, CDU-Politikerin und Vorsitzende der Mittelstandsunion, für zusätzliche Schärfe in der Debatte. Ihr Vorschlag sieht vor, für den abschlagsfreien Anspruch nach 45 Jahren zukünftig ausschließlich tatsächlich geleistete Arbeitsjahre statt Beitragsjahre heranzuziehen. „Arbeitsjahre statt Beitragsjahre wäre ein gangbarer Weg“, sagt Connemann. Die Unionsfraktion weist jedoch zurück, dass dadurch Kindererziehungs- und Pflegezeiten grundsätzlich unberücksichtigt bleiben sollten.
Sozialverbände reagierten scharf. Heide Mertens, Vorstandsmitglied des Deutschen Frauenrats, wirft dem Vorschlag vor, er „zeugt von Ignoranz gegenüber dem Wert dieser unverzichtbaren Arbeit und der höheren Armutsbetroffenheit unter Rentnerinnen“. Für VdK-Präsidentin Verena Bentele ist der Vorstoß ein „schwerwiegender sozialpolitischer Fehlgriff“. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf hält dagegen an der bisherigen Linie fest. Die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren solle erhalten bleiben.
Zeichnet sich ein Kompromiss ab?
Berichten verschiedener Medien vom Oktober 2026 zufolge zeichnet sich in der Koalition derzeit eine andere Lösung ab. Anstatt die Rentenart ganz abzuschaffen, könnte demnach die nötige Versicherungsdauer auf 46 oder 47 Jahre angehoben werden. Bei der Rentenreform Rente mit 63 ist darüber nach diesen Berichten jedoch noch nichts entschieden.
Die Rente nach 45 Beitragsjahren in Zahlen
Seit 2014 gibt es die Altersrente für besonders langjährig Versicherte. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung gingen 2025 genau 262.361 Menschen über diesen Weg neu in Rente. Das waren 2,4 Prozent weniger als 2024 mit 268.751 Zugängen. Mit einem Anteil von 28,3 Prozent blieb sie dennoch die häufigste Form des vorgezogenen Altersrentenzugangs. Laut Cash.-Informationen gingen 2025 rund 145.000 Männer und 117.000 Frauen erstmals über diese 45-Jahre-Regelung abschlagsfrei in Rente. Bei der Hälfte der Frauen lag die Rente dabei unter 1.450 Euro.















