Die kommende Sitzung der Europäischen Zentralbank am 30. April rückt stärker in den Fokus der Märkte, als es die reine Zinsentscheidung vermuten lässt. Zwar gilt ein unveränderter Einlagensatz von 2,0 Prozent als wahrscheinlich, doch die Erwartungen an die künftige Geldpolitik könnten sich durch die Kommunikation der Notenbank deutlich verschieben.
„Es wird ein sehr interessantes Meeting werden. Die Sitzung entscheidet darüber, ob der Markt seine aggressive Sommer-Bepreisung bestätigt sieht oder erste Zweifel an Timing und Umfang bekommt“, so Bastian Freitag, Head of Fixed Income bei Rothschild & Co Wealth Management Deutschland. Aktuell preisen Marktteilnehmer rund 60 Basispunkte an Zinserhöhungen bis Jahresende ein, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit für einen ersten Schritt im Juni.
Vor diesem Hintergrund gewinnen die Aussagen der EZB an Gewicht. Entscheidend ist, ob die Notenbank konkrete Bedingungen oder einen zeitlichen Rahmen für mögliche Zinsschritte formuliert oder ihre Linie weiterhin strikt datenabhängig hält.
Energiepreise bleiben zentraler Faktor
Ein wesentlicher Treiber für die geldpolitische Ausrichtung sind weiterhin die Energiepreise. Sie beeinflussen maßgeblich, ob der jüngste Inflationsanstieg nur vorübergehend bleibt oder sich verstetigt. „Von dieser Einschätzung wird auch der weitere EZB-Pfad abhängen“, erklärt Freitag.
Parallel dazu trübt sich das konjunkturelle Umfeld ein. Die Einkaufsmanagerindizes für April sind schwächer ausgefallen als erwartet. Mit 48,6 fällt der Composite-Index erstmals seit Ende 2024 unter die Wachstumsschwelle. Das erhöht die Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden Quartalen.
„Damit steigt das Risiko, dass bereits das erste Quartal schwächer ausfällt als von der EZB prognostiziert – und auch für das zweite Quartal überwiegen die Abwärtsrisiken“, so Freitag. Die Notenbank sieht sich damit einem klassischen Zielkonflikt gegenüber.
Stagflation als geldpolitisches Risiko
Die Kombination aus schwächerem Wachstum und steigenden Preisen erschwert die geldpolitische Steuerung erheblich. „Die Kombination aus nachlassender wirtschaftlicher Dynamik bei gleichzeitig steigenden Preisen ist ein klassisches stagflationäres Szenario.“
Kurzfristig dürfte die Inflation weiter anziehen, vor allem getrieben durch Energiepreise. Für die weitere Entwicklung kommt es jedoch darauf an, ob sich Zweitrundeneffekte einstellen. „Die zentrale Frage ist, ob höhere Preise in steigende Löhne münden – und damit die Inflation dauerhaft erhöht bleibt.“
Im Basisszenario geht Freitag von anhaltend hohen Energiepreisen aus, mit einem Ölpreis zwischen 80 und 110 US-Dollar je Barrel. In diesem Umfeld dürfte die Inflation über dem Zielwert bleiben, während die Inflationserwartungen stabil sind. „Wir rechnen daher mit ein bis zwei Zinserhöhungen im weiteren Jahresverlauf, wahrscheinlich ab Juni oder Juli“, sagt Freitag. Die EZB würde sich damit schrittweise in einen leicht restriktiven Bereich bewegen.
Sollten die Energiepreise hingegen deutlich sinken, könnte die Notenbank den aktuellen Inflationsanstieg als vorübergehend bewerten und auf Zinsschritte verzichten. „Umgekehrt würde eine erneute Eskalation bei den Energiepreisen den Druck auf die Notenbank erhöhen, schneller und stärker zu reagieren“, so Freitag.












