EZB lässt Leitzins unverändert – erste Stimmen aus der Immobilienwirtschaft

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Gebäude der EZB

Die Europäische Zentralbank (EZB) lässt die Leitzinsen im Euroraum trotz des Ölpreisschocks wie erwartet unverändert. Der wichtige Einlagenzins bleibt bei 2,0 Prozent. Praktisch zeitgleich mit der EZB-Meldung erreichen erste Kommentare aus der Immobilienwirtschaft die Cash.-Redaktion.

Prof. Dr. Felix Schindler, Head of Research & Strategy, HIH Invest: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Die EZB sieht in ihrer heutigen Sitzung erwartungsgemäß von einer Leitzinserhöhung ab. Die Gemengelage im Nahen Osten bleibt weiterhin komplex und damit bleibt auch unklar, wie lange die Straße von Hormus für den internationalen Handel blockiert sein wird und von welchem Ausmaß und von welcher zeitlichen Dauer die Auswirkungen für die Weltwirtschaft und Preisentwicklungen sein werden.

Die Anstiege bei den Inflationsraten sind seit der militärischen Eskalation im Nahen Osten bisher auf den direkten Anstieg der Energie- und Rohstoffpreise zurückzuführen. In der Kerninflationsrate spiegeln sich die Preisanstiege bis jetzt nicht wider. Allerdings sind die Inflationserwartungen der Konsumenten bereits angestiegen. Diese Indikatoren wird die EZB weiterhin eng im Blick behalten und ihre Strategie eines datenbasierten Handelns fortsetzen.


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Gerade bei einer länger anhaltenden Blockade der Straße von Hormus dürfte die EZB im weiteren Jahresverlauf die Leitzinsen anheben, da dann auch die Risiken für Zweitrundeneffekte zunehmen. Im Unterschied zur Situation im Jahr 2022 dürften die preistreibenden Effekte von der Nachfrageseite auf Grund der konjunkturellen Gesamtsituation und der Lage am Arbeitsmarkt allerdings geringer ausfallen.

An den Kapitalmärkten sind die Zinsen bereits in den letzten Wochen angestiegen und Leitzinserhöhungen eingepreist worden, so dass bei langfristigen Immobilienfinanzierungen von den zu erwartenden Leitzinsanhebungen keine zusätzlichen Effekte ausgehen sollten.“

„Dauer des Irankriegs entscheidend“

Prof. Dr. Steffen Sebastian, Lehrstuhl für Immobilienfinanzierung, IREBS Institut für Immobilienwirtschaft, Universität Regensburg: „Aktuell befinden wir uns in einer Übergangsphase: weg von einem Slowflation-Umfeld mit schwachem Wachstum bei gleichzeitig langsam sinkender Inflation, hin zu einer Phase mit hohem Stagflationsrisiko. Entscheidend für die weitere wirtschaftliche Entwicklung ist die Dauer des Irankriegs. Wäre er auf wenige Wochen begrenzt geblieben, dann wären wahrscheinlich die Energiepreise wieder gesunken und der Inflationsimpuls wäre nur vorübergehend gewesen. Es zeichnet sich jedoch ab, dass sich der Konflikt länger hinzieht. Daher spricht vieles für einen spürbaren Inflationsschub, der sich zunehmend in der Wertschöpfungskette festsetzt und damit auch Kapitalmarkt und Zentralbanken zu einer Reaktion zwingt. Dennoch kommt die abwartende Haltung der EZB nicht überraschend. Denn Präsidentin Christine Lagarde hatte in einer Rede am 20. April bereits angekündigt, dass weitere Informationen erforderlich seien, bevor eine Änderung der Geldpolitik erfolgen könne.“

„Märkte haben zwei Zinsschritte in 2026 bereits eingepreist“

Francesco Fedele, CEO der BF.direkt AG: „Auch wenn die EZB das Zinsniveau nun beibehält: Je länger der Irankrieg dauert, desto wahrscheinlicher werden Leitzinserhöhungen. Die Märkte haben zwei Zinsschritte in diesem Jahr bereits eingepreist und der für Immobilienfinanzierungen maßgebliche Zehnjahres-Swap ist seit Kriegsbeginn deutlich angestiegen. Selbst in dem wenig wahrscheinlichen Fall, dass die Leitzinsen trotz steigender Inflationsraten nicht angehoben werden, wäre das keine Entwarnung. Im Gegenteil: Dann könnten die langfristigen Zinsen gerade deshalb weiter steigen, weil die Kapitalmärkte höhere Inflationserwartungen einpreisen würden. Leitzinssenkungen, die noch vor dem Irankrieg erwartet wurden, werden später kommen oder ganz ausfallen. Im Langzeitvergleich ist das Niveau der Leitzinsen moderat. Der Markt wird sich daran gewöhnen müssen, dass keine Niedrigzinsphase absehbar ist.“

„Entlastung trügerisch“

Stefan Hoenen, Head of Commercial Real Estate bei der Hamburg Commercial Bank: „Die EZB hat die Leitzinsen erwartungsgemäß unverändert gelassen und erkauft sich damit Zeit in einem Umfeld geopolitisch getriebener Inflationsrisiken. Für die Immobilienbranche bedeutet das zunächst eine Atempause: Die Finanzierungskosten steigen vorerst nicht weiter, und zumindest die Planungssicherheit für laufende Transaktionen bleibt erhalten. Gleichzeitig ist die Entlastung trügerisch, denn der Druck auf Preis- und Renditeerwartungen bleibt hoch, solange Energiepreise und Inflationserwartungen durch den Irankrieg nach oben ziehen. Investoren und Projektentwickler müssen sich darauf einstellen, dass diese Zinspause weniger ein Signal der Entwarnung als vielmehr ein Innehalten vor möglichen Straffungen im Sommer ist. Entsprechend verhalten dürfte die Marktaktivität bleiben – Stabilisierung ja, neue Dynamik eher nicht.“

„Es überrascht mich“

Ulrich Creydt, Steuerberater und Geschäftsführer, Ypsilon Steuerberatungsgesellschaft: „Es überrascht mich, dass die EZB die Zinshöhe nicht antastet. Viele Indikatoren haben darauf hingedeutet, dass der Zins steigen könnte, wie die wachsende Inflation im Euroraum, die wirtschaftlichen Risiken aufgrund höherer Energiepreise und gestörter Lieferketten sowie die Unsicherheiten an den Aktienmärkten. 

Mit diesem Signal will die EZB vielleicht zeigen, dass die geopolitischen Krisen, allen voran der Irankrieg, (noch) keine gravierenden wirtschaftlichen und konjunkturellen Auswirkungen in Europa haben, will also ein Zeichen der Zuversicht senden. Gleichzeitig bleibt aber die Unsicherheit vor einer Zinserhöhung zum nächsten Stichtag Anfang Juni hoch. Wer ein gutes Finanzierungsangebot von seiner Bank erhalten hat, sollte jetzt zuschlagen.“

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