Defizit der Pflegeversicherung wächst: Kassen warnen vor Alarmstufe Rot

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Taschenrechner und Finanzunterlagen zur Pflegeversicherung auf einem Schreibtisch, im Hintergrund ein rotes Warnsymbol.
Bild: KI-generiert mit OpenAI
Für 2027 kalkulieren die Pflegekassen bereits mit einem zusätzlichen Finanzbedarf von zehn Milliarden Euro.

Das Defizit der Pflegeversicherung liegt nach dem ersten Halbjahr 2026 bei 770 Millionen Euro – und wächst weiter. Verbandschef Oliver Blatt spricht von „Alarmstufe Rot" und drängt auf eine schnelle Reform. Cash. zeigt, welche Zahlen dahinterstecken und was die Koalition plant.

Das Defizit der Pflegeversicherung wächst weiter. Im ersten Halbjahr 2026 fehlten den Pflegekassen 770 Millionen Euro. Das teilt der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen mit, der auch die Pflegekassen vertritt. Voraussichtlich im Oktober reichen die laufenden Einnahmen nicht mehr aus, um alle Pflegeleistungen zu finanzieren. Bis zum Jahresende fehlen dann noch einmal 500 Millionen Euro. Verbandschef Oliver Blatt bringt die Lage auf den Punkt: „Es herrscht Alarmstufe Rot.“ Die Politik müsse schnell handeln, warnt er, denn in wenigen Monaten sei „das Geld alle“. Für Finanzberater, Versicherungsmakler und Vermögensverwalter wächst damit der Druck. Sie sollten die Beitragsentwicklung in der Pflegeversicherung und die für den Herbst geplante Koalitionsreform genau verfolgen.

Die Pflegeversicherung in Zahlen (1. Halbjahr 2026)

KennzahlWert
Defizit 1. Halbjahr 2026770 Millionen Euro
Ausgaben 1. Halbjahr 202639,5 Milliarden Euro (plus elf Prozent)
Einnahmen 1. Halbjahr 202638,7 Milliarden Euro (plus 5,4 Prozent), davon 1,6 Milliarden Euro aus dem Bundesdarlehen
Prognose Gesamtjahr 2026minus 1,2 Milliarden Euro mit Bundesdarlehen von 3,2 Milliarden Euro, ohne Darlehen minus 4,4 Milliarden Euro
Zusätzlicher Bedarf 2027zehn Milliarden Euro, davon 7,5 Milliarden Euro erwartetes Defizit

Ausgaben treiben das Defizit der Pflegeversicherung

Der Grund für das wachsende Defizit der Pflegeversicherung liegt im Auseinanderdriften von Ausgaben und Einnahmen. Von Januar bis Juni 2026 stiegen die Ausgaben um elf Prozent auf 39,5 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Beitragseinnahmen legten im selben Zeitraum dagegen nur um 3,9 Prozent zu. Die gesamten Einnahmen stiegen um 5,4 Prozent auf 38,7 Milliarden Euro. Darin enthalten ist bereits die erste Hälfte eines Bundesdarlehens in Höhe von 1,6 Milliarden Euro.

Blatt warnte: Solange die Ausgaben schneller stiegen als die Einnahmen, würden die Finanzprobleme größer statt kleiner. Für das laufende Jahr rechnet der Verband deshalb mit einem Defizit von 1,2 Milliarden Euro. Darin ist bereits das gesamte Bundesdarlehen von 3,2 Milliarden Euro eingerechnet. Ohne diese Finanzspritze läge das „ehrliche Ergebnis“ bei minus 4,4 Milliarden Euro.


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Woher der Kostendruck kommt

Ein Hauptkostentreiber für das Defizit der Pflegeversicherung ist laut Verband die steigende Zahl der Menschen, die Leistungen beziehen. Sie liegt inzwischen bei fast sechs Millionen. Die Zahl wächst vor allem deshalb so deutlich, weil eine Reform von 2017 die Kriterien für eine Pflegebedürftigkeit weiter fasste. Dadurch erhalten heute deutlich mehr Menschen Anspruch auf Leistungen als früher.

Hinzu kommen steigende Milliardenzuschläge der Pflegekassen. Sie sollen Heimbewohnerinnen und Heimbewohner bei den fälligen Eigenanteilen für die reine Pflege entlasten. Hintergrund: Die Pflegeversicherung trägt, anders als die Krankenversicherung, nur einen Teil der Pflegekosten. Der Rest bleibt bei den Betroffenen selbst hängen.

Die Pflegereform der Koalition steht unter Zeitdruck

Der Druck für die geplante Pflegereform der schwarz-roten Koalition wächst mit dem Defizit der Pflegeversicherung weiter. Die Regierung bereitet für den Herbst eine Reform vor. Sie zählt zu den zentralen Vorhaben des neuen Gesundheitsministers Carsten Linnemann von der CDU. Ein noch von seiner Amtsvorgängerin Nina Warken, ebenfalls CDU, vorgelegter Entwurf sieht Ausgabenbremsen und zusätzliche Einnahmen vor. Damit sollen allgemeine Beitragserhöhungen im kommenden Jahr vermieden werden.

Konkret ist bislang vorgesehen, den Pflegebeitrag für Kinderlose leicht auf 4,3 Prozent anzuheben. Bei der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern sollen zudem Einschränkungen kommen. Zudem sollen die Voraussetzungen für eine Einstufung in Pflegegrade tendenziell steigen. Bislang waren außerdem Kürzungen bei den Rentenversicherungseinzahlungen für pflegende Angehörige angepeilt. Linnemann hat aber bereits deutlich gemacht, dass er darauf möglichst verzichten will. Wie sich die Pläne nach dem ersten Entwurf weiterentwickeln, muss sich in den kommenden Wochen zeigen.

Auch 2027 droht ein Milliardenloch

Für 2027 rechnet der Verband bereits mit einem weiteren, deutlich größeren Defizit der Pflegeversicherung. Blatt fordert deshalb schnelles Handeln: „Die Finanzen der Pflegeversicherung müssen jetzt sehr kurzfristig stabilisiert werden, und mittel- bis langfristig brauchen wir eine strukturelle Reform.“ Zusätzlich beziffert der Verband den Bedarf für das kommende Jahr auf zehn Milliarden Euro, die bislang nicht gegenfinanziert sind.

Neben einem erwarteten Defizit von 7,5 Milliarden Euro müssen die Pflegekassen zusätzlich Mittel auffüllen. Nur so bleibt ihre Zahlungsfähigkeit zu jedem Zeitpunkt gesichert.


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