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Die Bröning-Kolumne: US-Staatsverschuldung – 40 Billionen Dollar, und wer bezahlt die Rechnung?

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Tim Bröning
Foto: Fonds Finanz
Tim Bröning

Die US-Staatsverschuldung hat erstmals 40 Billionen Dollar überschritten. Das Problem ist längst nicht mehr nur die enorme Summe, sondern das hohe Defizit trotz robuster Konjunktur. Für Anleger stellt sich deshalb eine entscheidende Frage.

40 Billionen Dollar. Diese Marke hat die amerikanische Staatsverschuldung im August erstmals überschritten. Ausgeschrieben sind das 40.000.000.000.000 Dollar. Vielleicht ist das der erste Vorteil einer derart hohen Verschuldung. Irgendwann werden die Zahlen so groß, dass sie kaum noch jemand ernsthaft begreifen kann.

Dabei hilft ein Blick zurück. Mehr als 200 Jahre brauchten die Vereinigten Staaten, um 1981 erstmals eine Billion Dollar Staatsschulden anzuhäufen. Zur Jahrtausendwende waren es 5,7 Billionen. Als Donald Trump 2017 seine erste Amtszeit begann, knapp 20 Billionen. Jetzt sind es 40.

Natürlich kann man diesen Anstieg nicht einfach einem Präsidenten zurechnen. In Trumps erste Amtszeit fiel schließlich die Corona-Pandemie, dann kam Joe Biden. Und auch seine Vorgänger waren beim Schuldenmachen keineswegs untätig. Kaum ein anderes Thema funktioniert parteiübergreifend in Washington derart zuverlässig.

Trotzdem ist die Entwicklung bemerkenswert. Denn Trump ist mit dem Versprechen angetreten, Staatsausgaben und Defizite zu reduzieren. Bislang bewegt sich der Schuldenstand hartnäckig in die andere Richtung – wenig überraschend nach neuen Kriegen und Steuersenkungen.

Gemessen an der Wirtschaftsleistung beträgt die amerikanische Bruttostaatsverschuldung inzwischen rund 124 Prozent des BIP. Das allein wäre noch beherrschbar. Wirklich unangenehm wird die Rechnung durch die Zinsen – und einen Umstand, der in der Diskussion häufig untergeht.

Das Defizit ist da, bevor die Krise überhaupt kommt

Hohe Haushaltsdefizite sind zunächst nichts Ungewöhnliches. In einer Rezession brechen Steuereinnahmen ein, während Arbeitslosenunterstützung und andere staatliche Ausgaben steigen. Der Staat stabilisiert die Konjunktur und nimmt dafür vorübergehend höhere Defizite in Kauf. Genau dafür besitzt Fiskalpolitik schließlich ihre antizyklische Funktion. Nur befinden sich die USA derzeit nicht in einer schweren Rezession.

Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ist vergleichsweise niedrig und die amerikanische Konjunktur hat sich trotz hoher Zinsen erstaunlich robust entwickelt. Eigentlich wären das die Jahre, in denen ein Staat seine Finanzen konsolidiert und Reserven für den nächsten Abschwung schafft. Washington macht das Gegenteil.

Für 2026 erwartet das Congressional Budget Office bei rund 5,6 Billionen Dollar Einnahmen Staatsausgaben von etwa 7,4 Billionen Dollar. Das Defizit beträgt damit rund 1,8 Billionen Dollar oder fast sechs Prozent der Wirtschaftsleistung. Das ist vielleicht die beunruhigendste Zahl der gesamten amerikanischen Schuldendiskussion.

Fast sechs Prozent Defizit in wirtschaftlich guten Zeiten.

Die Steuereinnahmen reichen also bereits bei ordentlicher Konjunktur nicht annähernd aus, um die laufenden staatlichen Ausgaben zu finanzieren. Man muss kein ausgesprochener Pessimist sein, um sich zu fragen, wie diese Rechnung beim nächsten wirklichen Abschwung aussieht.

Normalerweise spart man das Feuerlöschwasser, bevor es brennt. Washington scheint derzeit lieber schon einmal den Tank zu leeren.

Hinzu kommen die Zinsen. Für 2026 werden die Nettozinsausgaben die Marke von einer Billion Dollar überschreiten. Damit fließt inzwischen fast jeder fünfte Dollar der Bundeseinnahmen allein in den Schuldendienst – nicht für Schulen, nicht für Straßen, nicht für Verteidigung oder Forschung, sondern für Entscheidungen der Vergangenheit.

Und selbst wenn Washington seine 40 Billionen Dollar plötzlich zinsfrei finanzieren könnte, wäre der Staatshaushalt noch immer deutlich im Minus. Kostenloses Geld würde das Problem inzwischen nicht einmal mehr lösen.

Gleichzeitig muss ein großer Teil der bestehenden Schulden regelmäßig refinanziert werden. Die durchschnittliche Restlaufzeit der marktfähigen US-Staatsschulden beträgt knapp sechs Jahre. Rund 22 Prozent stecken sogar in Treasury Bills mit Laufzeiten von höchstens einem Jahr. Aus dem Schuldenberg ist damit längst ein Laufband geworden. Alte Anleihen werden fällig, neue werden ausgegeben. Und die sind heute häufig teurer als die alten. Das funktioniert erstaunlich gut. Solange der Kapitalmarkt mitspielt.

Sparen wäre eine Möglichkeit. Theoretisch.

Wie kommt man aus 40 Billionen Dollar Schulden wieder heraus?

Man könnte sparen. Dafür müsste Washington über viele Jahre deutlich weniger ausgeben als einnehmen. Angesichts einer alternden Bevölkerung, steigender Sozialausgaben, höherer Verteidigungsbudgets und enormer Investitionsprogramme und Wahlversprechen erscheint das politisch ambitioniert. Ausgabenkürzungen erfreuen sich ohnehin meist nur so lange großer Beliebtheit, bis bekannt wird, wessen Ausgaben gekürzt werden sollen.

Man könnte die Steuern massiv erhöhen. Auch dafür dürfte sich die Begeisterung in Grenzen halten. Man könnte außergewöhnlich stark wachsen. Das wäre zweifellos die sympathischste Lösung. Leider lässt sich Produktivitätswachstum nicht per Präsidentendekret bestellen.

Und hier wird das heutige Defizit noch einmal entscheidend. Wenn der Staat schon in einer guten wirtschaftlichen Phase fast sechs Prozent des BIP zusätzlich ausgeben muss, um seine politischen Verpflichtungen zu finanzieren, müsste eine echte Haushaltskonsolidierung gewaltig ausfallen. Und beim nächsten Abschwung würden geringere Steuereinnahmen und zusätzliche Konjunkturausgaben das Defizit voraussichtlich noch weiter erhöhen.

Oder man könnte die Schulden real entwerten. Und genau dieser Weg ist historisch keineswegs ungewöhnlich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die amerikanische Staatsverschuldung ebenfalls bei mehr als 100 Prozent der Wirtschaftsleistung. In den folgenden Jahrzehnten sank die Quote dramatisch. Nicht weil Washington den Schuldenberg brav zurückzahlte. Die Kombination aus realem Wachstum, Inflation und über lange Zeit niedrigen Zinsen ließ die Wirtschaft schneller wachsen als die Schuldenlast. Dafür gibt es den wenig charmanten Begriff „Financial Repression“.

Der eleganteste Schuldenschnitt ist der, den kaum jemand bemerkt

Das Prinzip ist verblüffend einfach. Wächst eine Volkswirtschaft zum Beispiel nominal um sechs Prozent, während der Staat seine Schulden durchschnittlich mit drei Prozent verzinsen muss, arbeitet die Zeit für den Schuldner.

Besonders wirkungsvoll wird das Ganze, wenn die Inflation bei vier oder fünf Prozent liegt und Staatsanleihen nur zwei oder drei Prozent abwerfen. Der Staat bekommt seine Inflation. Der Anleger bekommt seine Zinsen. Und beide können behaupten, ihren Teil der Vereinbarung erfüllt zu haben. Nur die Kaufkraft des Anlegers fehlt anschließend ein wenig.

Historisch war dieser Mechanismus enorm wirksam. Untersuchungen von Carmen Reinhart und M. Belen Sbrancia zeigen, dass reale Zinsen in den entwickelten Volkswirtschaften zwischen 1945 und 1980 ungefähr die Hälfte der Zeit negativ waren. Die Gläubiger des Staates halfen damit über Jahre bei dessen realer Entschuldung.

Man könnte Financial Repression deshalb auch weniger akademisch beschreiben. Sie ist eine Steuer, für die niemand einen Steuerbescheid verschicken muss.

Natürlich können die USA das System der Nachkriegszeit nicht einfach kopieren. Die Kapitalmärkte sind heute globaler, Anleger wesentlich beweglicher. Gold, Aktien, Immobilien, Rohstoffe oder inzwischen auch digitale Vermögenswerte bieten Fluchtmöglichkeiten. Gerade deshalb könnte moderne Financial Repression subtiler aussehen. Regulatorische Vorschriften sorgen für strukturelle Nachfrage nach Staatsanleihen, Zentralbanken beeinflussen über ihre Bilanzen die Finanzierungsbedingungen und etwas mehr Inflation wird möglicherweise länger toleriert, solange sie nicht völlig außer Kontrolle gerät.

Die entscheidende Frage wäre dann nicht mehr, ob Inflation exakt zwei, drei oder vier Prozent beträgt. Entscheidend wäre, ob nominales Wirtschaftswachstum dauerhaft über den Finanzierungskosten des Staates liegt.

Jemand bekommt am Ende die Rechnung

Das Problem beschränkt sich nicht auf Washington. Die weltweite Staatsverschuldung liegt inzwischen bei annähernd 94 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Der Internationale Währungsfonds erwartet, dass sie bis 2029 die Marke von 100 Prozent erreicht. Japan, Italien, Frankreich, Großbritannien und zahlreiche weitere Staaten stehen vor ähnlichen Problemen.

Gleichzeitig sollen Verteidigungsausgaben steigen, Infrastruktur modernisiert, Energienetze ausgebaut und die Kosten alternder Gesellschaften finanziert werden. Wer darauf wartet, dass die großen Industriestaaten ihre Schulden in den kommenden Jahrzehnten einfach zurückzahlen, dürfte vergeblich warten.

Wahrscheinlicher erscheint eine Mischung aus Wachstum, Inflation und niedrigen beziehungsweise zeitweise negativen Realzinsen. Kein spektakulärer Schuldenschnitt. Kein großer Knall. Sondern eine langsame Verschiebung der Rechnung vom Schuldner zum Gläubiger. Und genau deshalb sind die 40 Billionen Dollar für Anleger relevant.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob die Vereinigten Staaten ihre Staatsanleihen eines Tages zurückzahlen können. Natürlich können sie Dollar schaffen und Dollar zurückzahlen.

Die entscheidende Frage lautet, was man sich für diese Dollar dann noch kaufen kann.

Denn Staatsschulden verschwinden nicht einfach. Am Ende bezahlt immer jemand die Rechnung.

Tim Bröning ist Geschäftsführender Gesellschafter der Bröning Investment & Consulting GmbH  www.broening-investment.de, und u.a. Beirat bei Fonds Finanz.


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