Die Halver-Kolumne: Schwellenländer, Sachwerte, Aktien – wie sich Depots jetzt verschieben

Robert Halver
Foto: Dirk Beichert
Robert Halver, Baader Bank

Geopolitische Verschiebungen, hohe Staatsschulden und ein veränderter Inflationskurs setzen klassische Anlagekonzepte unter Druck. Für Anleger rücken damit andere Schwerpunkte ins Blickfeld. Welche Anlageklassen davon profitieren, zeigt der Blick auf die neuen Rahmenbedingungen.

Die Welt befindet sich im Wandel. Geopolitisch wird die Dominanz des Westens durch Schwellenländer zunehmend in Frage gestellt. Hinzu kommen Strukturbrüche in der Marktwirtschaft, die staatswirtschaftlichem Populismus immer mehr Platz einräumen. All das müssen Anleger bei der Auswahl und Gewichtung von Anlageklassen berücksichtigen, damit sie auch die neuen Renditepotenziale ausschöpfen.

Der Westen verliert, die Schwellenländer gewinnen

Lange sorgte der Westen und insbesondere sein Häuptling USA für Stabilität und Ruhe im Karton der Weltordnung. Wegen massivem Egoismus auch gegenüber seinen früheren Verbündeten scheint Amerika aktuell jedoch an Reputation zu verlieren. Und Europa hat seine liebe Not, eigenes Kampfgewicht auf die geopolitische Waage zu bringen. Und von früheren Wachstumsraten kann es ohnehin nur noch träumen. Für die verantwortlichen Politiker scheint zu gelten: Lieber schlecht regieren, als nicht regieren.

Die Schwäche des Westens machen sich die Schwellenländer als die „Neuen Industrieländer“ zunutze. Dabei hilft ihnen eine Industriepolitik, die an frühere deutsche Wirtschaftstugenden erinnert. Als im Vergleich sehr günstige Produktionsstandorte können sie ohnehin besser mit Zollbelastungen umgehen als die teureren im Westen. Währungsbereinigt performen die Emerging Markets die Industrieländer mittlerweile aus. Für Anleger ist es immer sinnvoller, Asien und Südamerika im Depot zu haben. War es früher Spekulation, ist es heute Investition.

Der „alte“ Westen ist aber auch durch finanzwirtschaftliche Schwächen geprägt. Die Staatsverschuldungen dort nehmen wegen Kriegsausgaben, Infrastrukturinvestitionen und Sozialstaatlichkeit dramatisch zu. Um die Schuldentragfähigkeit aufrechtzuerhalten, wird der Unabhängigkeit der Fed mit politischer Abhängigkeit entgegengerückt. Die Bonitätssünden der US-Politiker sollen durch staatstragend freundliche Zinspolitik, konkret geringe Schuldzinsen, geheilt werden. Übrigens würde dieser Prozess auch nicht durch einen möglichen demokratischen US-Präsidenten ab 2029 aufgehalten. Auch die demokratischen Nachkommen werden kein Auskommen mit ihrem Einkommen haben.

Auch in Europa verflüchtigt sich der frühere Geist der Deutschen Bundesbank durch ein offen gelassenes Fenster bei der EZB. Abseits wohlklingender verbaler Stabilitätsbekundungen wird auch bei uns Inflation nicht mehr so konsequent wie damals bekämpft.

Die Notenbanken wissen, dass sich nur so Schuldenlast real wegschmelzen lässt, wie Eis in der Sonne. Als Alibi dienen vermeintlich vorübergehende Preisbeschleunigungen mit Hinweis auf ein antizipiertes Ende im Iran-Konflikt. Und da Inflationsmessung als relativer Vergleich mit dem Vorjahr stattfindet, wird sich im nächsten Jahr der Preisdruck automatisch mildern. Die Zeit heilt alle Wunden, oder? Und bei Anleihen wird zur Not mit geldpolitischer Zinsdrückung gearbeitet, auch, um Problemen im privaten Kreditbereich entgegenzuwirken.

Die Kehrseite dieser Medaille ist finanzielle Repression zu Lasten der westlichen Zinssparer. Sie werden weder bonitäts- noch inflationsseitig mit ordentlichen Zinsen entschädigt.

Und wenn dich dein Zins nicht liebt, wie gut, dass es Sachkapital gibt

Vor diesem Hintergrund ist übertriebenes Festgeldsparen – immer noch Deutschlands Lieblingsanlage – geplante Vermögensminderung. Während Zinspapiere mit der Muffe gepufft sind – wie man in Berlin sagt – hat Sachkapital dagegen die Nase vorn. Denn Inflation, deren Anstieg nicht bekämpft und Bonität, die nicht gestärkt wird, kommt dieser Anlageform massiv zugute.

Hierbei ist zunächst Gold zu nennen. Auch wenn es derzeit noch unter Liquiditätsbeschaffung leidet, ist die Ära von Gold nicht zu Ende ist. Es hat kein Gegenüber-Risiko, ist inflationssicher und bonitätsmäßig über jeden Zweifel erhaben. Deshalb häufen es Notenbanken an, während ihre Zuneigung für westliche Staatspapiere immer mehr an die Beliebtheit von Gemüse bei Kindern erinnert.   

Ebenfalls sind Industriemetalle gut unterstützt. Infrastruktur- und Rüstungsausgaben sorgen für Preisbefestigungen. Zudem sichern ihnen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz eine langfristig stabile Nachfrage. So benötigen Datenleitungen, KI-Chips, Batterien und Rechenzentren große Mengen an Kupfer, Aluminium, Zink und übrigens Silber, das also nicht nur als Edelmetall glänzt.

Aktien sind langfristig nicht zu schlagen

Daran wird auch der Iran-Konflikt nichts ändern. Als Sachkapital sind sie ohnehin Nutznießer der Malaise bei Zinspapieren. Sie profitieren zunächst vom Dividendenthema. Bei einem reinen europäischen Dividendenindex und bei deutschen sowie europäischen Einzelaktien lassen sich teilweise sogar Renditen über sechs Prozent erzielen.

Aktuelle „Kriegsgewinner“ sind Energiewerte und Versorgeraktien, die von der strukturell anziehenden Öl- und Gasnachfrage bei höheren Preisen profitieren. High-Tech-Werten kommt die zunehmende virtuelle Realität von KI und ihre Konjunkturunabhängigkeit sowie die zuletzt deutliche Bewertungsentspannung gelegen.

Innerhalb der Assetklasse Aktien zeichnen sich jedoch Veränderungen in der Auswahl ab. Marktwirtschaftliche Impulse oder die von den USA und Großbritannien bislang praktizierte Begünstigung der Vermögensbesitzer werden verstärkt staatswirtschaftlichem Populismus geopfert. Hintergrund ist die sogenannte Erschwinglichkeitskrise. Die Kosten der Lebenshaltung wie hohe Mietbelastungen und Energiepreise können für breite Bevölkerungsschichten nicht mehr von Reallohnsteigerungen aufgefangen werden. Auch der zukünftige Wegfall von Arbeitsplätzen durch KI wird dabei eine große Rolle spielen. Zur Vermeidung von prekären Verhältnissen und ebenso mit Blick auf Wahlen werden Politiker soziale Stabilität und Massenkaufkraft immer mehr über Markteffizienz wie Steuersenkungen und Liberalisierungen (Labor over Capital) stellen. Bedingungsloses Grundeinkommen oder erhöhte Transferleistungen sollen den einkommensschwachen Schichten zugutekommen.   

So werden Unternehmen, die auf den Massenkonsum und die Befriedigung der Grundbedürfnisse ausgerichtet sind, in der Gunst der Anleger steigen.

Schöne neue Anlagewelt

Insgesamt sollte sich damit die Struktur vor allem des deutschen Anlagevermögens ändern. Zinspapiere dienen eher nur der kurzfristigen Liquiditätshaltung, nicht der langfristigen Vermögensbildung. Stattdessen gewinnt Sachkapital wie Gold, Silber und Industriemetalle an Bedeutung, auch in Form von Aktien. Perspektivisch bleiben High-Tech-Werte ohnehin in. Hinzu kommen Unternehmen, die von der zunehmenden Staatswirtschaft profitieren. Möge aber jede Form von Sozialismus an uns vorbeigehen. Er hat nur Unglück über die Menschheit gebracht. Auch der „liebevoll“ genannte Demokratische Sozialismus kann mir gestohlen bleiben.

Und Schwellenländer sollten einen immer größeren Anteil im Depot haben. Kryptos sind spekulativ, gehören aber zur Anlagefamilie.

„O tempora, o mores!“ ist ein berühmtes lateinisches Zitat von Cicero über den Wandel der Zeit. Auch für Anleger gilt: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator. Er ist aus Funk und Fernsehen bekannt und schreibt regelmäßig für Cash. 

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/newsletter-disclaimer

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