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Digitale Altersvorsorge 2026: Wo sich Chancen für Versicherer eröffnen

Foto: Valytics
Dr. Patrick Dahmen: "In der Beratung werden hybride Modelle zum Standard."

Banken rücken in der privaten Altersvorsorge ins Zentrum, während Versicherer an Einfluss verlieren. Eine Studie zeigt, wie sich Kräfteverhältnisse verschieben – und warum Sicherheit, digitale Prozesse und neue Wettbewerber den Markt neu ordnen. Gleichzeitig ergeben sich Chancen für Versicherer, wenn sie ihre Stärken mit modernen Angeboten verbinden. Von Patrick Dahmen

Banken gewinnen in der privaten Altersvorsorge zunehmend an Bedeutung: Laut der Studie „Digitale Altersvorsorge 2026“ von Valytics und Nordlight Research wenden sich Verbraucher beim Abschluss staatlich geförderter Vorsorgeprodukte primär an Banken und Sparkassen – selbst bei klassischen Garantieprodukten. Zugleich zeigt die Studie, wie sich Versicherer strategisch im Umfeld digitaler und staatlich geförderter Altersvorsorge positionieren können.

Hohe Vorsorgebereitschaft trifft auf Unsicherheit: Garantien als Anker

Altersvorsorge ist für die breite Bevölkerung ein zentrales Thema: Rund 80 Prozent zählen das Bilden von Rücklagen fürs Alter zu ihren wichtigsten Sparzielen – direkt nach dem finanziellen Notgroschen. Treiber ist die weit verbreitete Sorge vor Altersarmut, von der sich gut jede zweite Person betroffen fühlt; selbst eine Vollzeitbeschäftigung vermittelt häufig kein ausreichendes Sicherheitsgefühl.

Besonders ausgeprägt ist diese Angst bei Frauen (57 Prozent gegenüber 44 Prozent der Männer).
Vor diesem Hintergrund bleiben Garantien der wichtigste Differenzierungsfaktor: Sicherheit und Kosten dominieren die Produktauswahl deutlich (Garantien 47 %, niedrige Gebühren 42 %), während Flexibilität und Renditechancen nachrangig bewertet werden.

Digitale Beratung etabliert sich – wenn der Mensch erreichbar bleibt

Die Mehrheit der Verbraucher bevorzugt weiterhin persönliche Beratung, zeigt sich jedoch zunehmend offen für digitale Angebote: Rund 40 Prozent würden grundsätzlich eine digitale Altersvorsorgeberatung nutzen, bei unter 40-Jährigen liegt der Anteil noch höher. Die Akzeptanz steigt deutlich, wenn jederzeit der Wechsel zu einem menschlichen Ansprechpartner möglich bleibt. Geschätzt wird digitale Beratung vor allem dann, wenn sie Transparenz schafft und Entscheidungen unterstützt, ohne sie vorzugeben – etwa bei Datenerhebung oder der laufenden Aktualisierung der eigenen Finanzsituation.

Der Einsatz von KI in der Altersvorsorgeberatung wird von 60 bis 70 Prozent der Verbraucher grundsätzlich akzeptiert, jedoch nur von 15 bis knapp 20 Prozent aktiv bevorzugt – mit deutlich höherer Offenheit bei den unter 40-Jährigen. Besonders positiv wird KI in frühen, analytischen Phasen wie Bestandsaufnahme, Zieldefinition oder Rentenlückenanalyse wahrgenommen, wo sie als strukturiertes und effizientes Unterstützungsinstrument gilt.


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Je näher Beratung und Abschluss an konkrete Produktempfehlungen rücken, desto stärker wächst die Skepsis: Rund 40 Prozent lehnen KI in entscheidungsnahen Phasen ab. Vertrauen in KI-basierte Beratung entsteht aus Verbrauchersicht vor allem durch Datensicherheit, Transparenz und Kontrollmöglichkeiten – deutlich wichtiger als technologische Leistungsversprechen.
KI wird von Verbrauchern weniger als Ersatz, sondern als sinnvolle Ergänzung menschlicher Beratung akzeptiert.

Ihr größter Mehrwert liegt in Analyse, Strukturierung und regelmäßiger Überprüfung der Vorsorgesituation, nicht in der finalen Entscheidung. Erfolgreiche Modelle werden daher jene sein, die KI gezielt dort einsetzen, wo sie Mehrwert stiftet, und zudem Berater gerade in abschlusssensitiven Phasen positionieren.

Altersvorsorgereform: klare Präferenz für Garantien – großes Wechselpotenzial

Auch bei den Produktangeboten des Altersvorsorgereformgesetzes bestätigt sich das bekannte Bild: Garantieprodukte erzielen mit 42 Prozent das höchste Abschlussinteresse, da sie als sicher und leicht verständlich gelten – weitgehend unabhängig von Alter und Einkommen. Zugleich zeigt sich, dass eine 100-prozentige Beitragsgarantie nicht zwingend erforderlich ist: Insbesondere jüngere Befragte akzeptieren Garantien von rund 80 Prozent, sofern sich dadurch höhere Renditechancen ergeben. Rein renditeorientierte Produkte und das kostengünstige Standarddepot ohne Garantien erreichen jeweils nur rund 30 Prozent und sprechen damit eine etwas kleinere Zielgruppen an.

Das renditeorientierte Altersvorsorgedepot wird von Personen unter 40 Jahren und Einkommensstarken positiver beurteilt. Kritisch für Lebensversicherer ist die Anbieterpräferenz: Für alle drei neuen Altersvorsorgevarianten werden Banken mit rund 60 Prozent Zustimmung klar als primäre Anbieter wahrgenommen. Versicherer werden primär mit klassischen Garantieprodukten assoziiert, während renditeorientierte Angebote stärker Investmentgesellschaften zugeschrieben werden.

Gleichzeitig besteht erhebliches Wechselpotenzial im Riester-Bestand: Rund 40 Prozent der Sparer ziehen einen Wechsel ernsthaft in Betracht, weitere 40 Prozent sind unentschlossen. Anbieter, die Bestandskunden frühzeitig ansprechen und attraktive Anschlusslösungen bieten, können Abwanderung gezielt begrenzen.

Warum Banken und Neobroker profitieren

Befragt zur generellen Anbieterpräferenz für digitale Altersvorsorgelösungen folgen Versicherungen nach Banken und Sparkassen auf dem zweiten Platz. Zusätzlich gewinnen Neobroker vor allem bei jüngeren Zielgruppen stark an Bedeutung: Rund 70 Prozent der unter 40-jährigen können sich einen Neobroker als Anbieter digitaler Altersvorsorge vorstellen, mit Trade Republic als klaren Favoriten. Die hohe Akzeptanz beruht vor allem auf Einfachheit, niedrigen Kosten, überzeugender Nutzererfahrung und einem starken Preis-LeistungsVersprechen.

Andere Plattformanbieter erzielen zwar Aufmerksamkeit, stoßen jedoch rasch an Vertrauensgrenzen: Während sich rund ein Viertel Check24 als bevorzugten Anbieter vorstellen kann und Google für Teile der Zielgruppe denkbar bleibt, werden Social-Media-Plattformen deutlich abgelehnt – insbesondere TikTok mit rund 80 Prozent Ablehnung und nur etwa fünf Prozent echter Präferenz, ähnlich wenn auch weniger ausgeprägt bei Instagram und Facebook. Reichweite und Aufmerksamkeit ersetzen kein Vertrauen, wenn es um langfristige Vorsorgeentscheidungen geht.

Von der Stärkenanalyse zum Handlungsprogramm – wie Versicherer ihre Chancen realisieren

Für Versicherer liegen ihre zentralen USPs in der Kombination aus langfristigen Garantien, lebenslang garantierten Renten, biometrischer Absicherung und steuerlichen Vorteilen. Diese Stärken wirken jedoch nur bei gleichzeitig modernen Rahmenbedingungen: vollständig digitale Prozesse, wettbewerbsfähige Kostenstrukturen und verständliche Produktkommunikation.

Vereinfachte Produkte, transparente Gebühren, klare Garantien und flexible Beiträge sind ebenso entscheidend wie stärker bestandsorientierte Vergütungsmodelle, die Glaubwürdigkeit und Flexibilität fördern. In der Beratung werden hybride Modelle aus digitaler Effizienz und menschlicher Expertise zum Standard. Wer jetzt handelt, stärkt Vertrauen und sichert Marktanteile – wer zögert, riskiert den dauerhaften Verlust des Kundenzugangs.

Autor Patrick Dahmen ist Managing Partner der Valytics GmbH, eine auf die Versicherungswirtschaft spezialisierte Unternehmensberatung.

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