Die BarmeniaGothaer hat auf ihrer digitalen Bilanzpressekonferenz für das Geschäftsjahr 2025 eindrucksvolle Zahlen vorgelegt und zugleich erkennen lassen, wohin die strategische Reise des frisch fusionierten Versicherers gehen soll. Wachstum über Markt, ein nahezu verdreifachter Gewinn und deutlich verbesserte Solvenzquoten markieren dabei nur die eine Seite. Mindestens ebenso bemerkenswert war die politische und strategische Positionierung des Managements. Das gilt insbesondere zur Reform der privaten Altersvorsorge und zur Zukunft der privaten Krankenversicherung.
Doch der Reihe nach: Co-CEO Oliver Schoeller sprach eingangs von „bärenstarken Ergebnissen“ und verband die guten Zahlen unmittelbar mit dem Tempo der Integration. Dass die Gruppe mitten in der Fusion organisatorisch bereits große Teile des Vertriebs zusammengeführt habe und gleichzeitig stärker wachse als der Markt, wertet das Management als Beleg dafür, dass der Zusammenschluss operativ funktioniert. „Wir wollen möglichst schnell ein Unternehmen werden“, sagte Schoeller. Genau darin unterscheide sich die BarmeniaGothaer von vielen anderen Fusionshäusern, die Integrationsschritte oft über Jahre strecken.
Für Co-CEO Dr. Andreas Eurich machte das Jahr 2025 zudem deutlich, dass die strategische Ausrichtung der Gruppe den aktuellen geopolitischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen in besonderer Weise gerecht geworden sein. „In einem Umfeld zunehmender Volatilität zahlt sich die vielseitigere Aufstellung unseres Geschäftsmodells aus: Diversifikation, eine breitere Risikosteuerung und eine daraus resultierende höhere Widerstandsfähigkeit stärken unsere Handlungsfähigkeit nachhaltig“, sagte Eurich.
Wachstum oberhalb des Marktes
Alles in allem stiegen die Beitragseinnahmen der Gruppe 2025 um 7,8 Prozent und damit spürbar stärker als der Markt mit 6,6 Prozent. Besonders kräftig entwickelte sich das Kompositgeschäft mit plus 8,3 Prozent. Die Krankenversicherung legte sogar um 8,9 Prozent zu und wuchs damit ebenfalls deutlich stärker als der Markt. Lediglich die Lebensversicherung blieb mit 4,6 Prozent leicht hinter dem Branchenschnitt zurück.

Das lag allerdings vor allem daran, dass die Gruppe beim stark boomenden Einmalbeitragsgeschäft traditionell weniger stark engagiert ist. Strategisch sieht die BarmeniaGothaer gerade darin eher einen Vorteil. „Langfristiges und stabiles Wachstum kommt aus den laufenden Beiträgen“, betonte BarmeniaGothaer Lebenvorständin Alina vom Bruck. Einmalbeiträge seien zwar wichtig, aber deutlich volatiler.
Deutlicher Gewinnsprung
Besonders deutlich fiel der Ergebnissprung aus. Der Konzernjahresüberschuss inklusive Veränderung der Schwankungsrückstellungen sprang von 63 auf 181 Millionen Euro. Die Eigenkapitalrendite erreichte 8,9 Prozent. Gleichzeitig verbesserte sich die Gruppensolvabilitätsquote massiv von 189 auf 226 Prozent. Damit liegt die Gruppe nun oberhalb ihres strategischen Zielkorridors von 200 Prozent.
Schoeller zeigte sich glücklich mit der Entwickung und machte deutlich, dass die Gewinne bewusst im Unternehmen verbleiben sollen: „Wir zahlen als Versicherungsverein keine Dividenden aus.“ Stattdessen gehe es darum, Investitionskraft aufzubauen und die Transformation des Konzerns zu finanzieren.
Komposit profitiert von Sanierung und günstigem Schadenjahr
Im Schaden- und Unfallsegment stieg das versicherungstechnische Bruttoergebnis der Gothaer Allgemeine und der Barmenia Allgemeine konsolidiert von 147 auf knapp 270 Millionen Euro. Die Combined Ratio sank auf 90,8 Prozent. Komposit-Vorstand Thomas Bischof ordnete die Entwicklung allerdings differenziert ein. Rund zwei Drittel des Ergebnissprungs seien auf das vergleichsweise milde Naturkatastrophenjahr zurückzuführen. Ein Drittel resultiere dagegen aus strukturellen Verbesserungen des Portfolios.
Vor allem die Sanierung der Tierkrankenversicherung bei der Barmenia Allgemeine habe deutliche Fortschritte gebracht. Gleichzeitig machte Bischof keinen Hehl daraus, dass weitere Baustellen bestehen bleiben – insbesondere im Wohngebäudegeschäft mit seinen steigenden Schadenkosten und Elementarrisiken. Auffällig war zudem, wie aufmerksam die Gruppe die politischen Eingriffe in den Kompositmarkt beobachtet. Die Diskussion um eine mögliche Elementarpflichtversicherung verfolgt man ebenso genau wie die angekündigte Wohlverhaltensaufsicht der BaFin.
Bischof ließ dort durchaus Skepsis erkennen, ob sich stärkere regulatorische Eingriffe dauerhaft mit einem deregulierten Versicherungsmarkt vereinbaren lassen.
Krankenversicherung bleibt strategischer Wachstumsmotor
Besonders offensiv präsentierte sich die Gruppe im Gesundheitsgeschäft. Mit einem Beitragswachstum von 8,9 Prozent gehört die BarmeniaGothaer zu den dynamischsten PKV-Anbietern im Markt. Vor allem die Entwicklung in der Vollversicherung dürfte Wettbewerber aufhorchen lassen: Netto kamen nach Aussage von Krankenvorstand Christian Ritz 9.200 Vollversicherte hinzu. Das sei der höchste Zuwachs seit 20 Jahren gewesen, so Ritz.
Parallel dazu verbesserte sich das versicherungsgeschäftliche Ergebnis der beiden Krankenversicherer massiv von 122 auf knapp 300 Millionen Euro. Die Ergebnisquote liegt inzwischen bei 7,8 Prozent. Kranken-Vorstand Christian Ritz führte den Ergebnissprung auf mehrere Faktoren zurück: Beitragsanpassungen, Tarifoptimierungen und sinkende Kostenquoten. Die Verwaltungskostenquote der Barmenia Kranken liege inzwischen nur noch bei 2,2 Prozent.
Interessanter waren allerdings die Aussagen zur geplanten Gesundheitsreform der Bundesregierung. Ritz positionierte sich ungewöhnlich klar gegen die geplante Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze und der Versicherungspflichtgrenze. Eine höhere Beitragsbemessungsgrenze verteuere aus seiner Sicht Arbeit und belaste gerade Leistungsträger zusätzlich. „Das setzt das falsche Signal“, sagte Ritz.
Zwar könnte die Reform theoretisch zusätzliche Wechselanreize in die PKV schaffen. Gleichzeitig werde jedoch die Versicherungspflichtgrenze deutlich angehoben. Dass daraus tatsächlich die politisch erhofften hohen Wechselzahlen in die PKV entstehen, hält Ritz für wenig realistisch. „Ich glaube nicht, dass wir so große Wechselströme sehen werden“, erklärte er. Trotzdem sieht die Gruppe erhebliche Wachstumschancen im Gesundheitsmarkt – allerdings weniger über klassische Vollversicherung als vielmehr über betriebliche Krankenversicherung und Zusatzpolicen.
Gerade die betriebliche Krankenversicherung bezeichnet Ritz faktisch als einen der wichtigsten Zukunftsmärkte der Branche. Die Durchdringung sei weiterhin niedrig, gleichzeitig steige die Nachfrage der Arbeitgeber deutlich. Zahlen zur Entwicklung in der bKV wollte der Vorstandsvorsitzende der BarmeniaKranken aber auch auf Nachfrage hin nicht nennen. Im reinen Zusatzgeschäft rechnet die Gruppe nach Aussage von Ritz mit zusätzlichen Wachstumsimpulsen – etwa dann, wenn Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung weiter eingeschränkt würden. Ritz verwies in diesem Zusammenhang unter anderem auf mögliche Veränderungen bei Zahnersatzleistungen.
Beim klassischen Vollversicherungsgeschäft bleibt die BarmeniaGothaer dagegen vorsichtiger. Der Anteil privat Vollversicherter liege seit Jahren relativ stabil bei rund zwölf Prozent der Bevölkerung. Größere Marktverschiebungen erwartet Ritz kurzfristig nicht. Chancen sieht er vor allem im Beamtensegment.

Altersvorsorgereform wird zum strategischen Großthema
Breiten Raum nahm auf der Pressekonferenz die geplante Reform der privaten Altersvorsorge ein. Dabei wurde deutlich, dass die BarmeniaGothaer das Thema nicht nur als regulatorische Veränderung, sondern als strategische Weichenstellung für die gesamte Branche versteht. Im Mittelpunkt steht aus Sicht der Gruppe das geplante Altersvorsorgedepot (AV-Depot), mit dem der Gesetzgeber den Markt für geförderte Altersvorsorge künftig deutlich stärker für Banken und Fondsanbieter öffnen will.
Für klassische Lebensversicherer bedeutet das zwar zusätzlichen Wettbewerb – gleichzeitig aber auch die Chance auf einen deutlich größeren Vorsorgemarkt. Die BarmeniaGothaer will diesen Markt aktiv mitgestalten. „Wir gehen davon aus, dass wir ein entsprechendes Angebot machen werden“, kündigte Lebensvorständin Alina vom Brück an. Intern prüfe die Gruppe derzeit noch, über welche Plattform beziehungsweise Gesellschaft ein solches Angebot künftig laufen soll. Eine Rolle könnten dabei auch die eigenen Fondsaktivitäten der Gruppe spielen.
Bemerkenswert war allerdings vor allem die strategische Einordnung der Reform. Vom Brück machte deutlich, dass sie die größte Gefahr nicht im neuen Wettbewerb durch Banken oder Fondsanbieter sieht, sondern in einem möglichen Verdrängungswettbewerb um bestehende Riester-Kunden. Ein bloßes „Umtopfen“ vorhandener Verträge hält sie für den falschen Ansatz. „Wenn wir uns nur um bestehende Segmente streiten, wird einfach nur der Wettbewerb größer“, sagte sie. Entscheidend sei vielmehr, neue Zielgruppen für die private Altersvorsorge zu erschließen – insbesondere Menschen mit geringeren Einkommen oder bislang geringer Vorsorgeaffinität.
Genau darin liege der eigentliche politische Auftrag der Reform. Die gesetzliche Rente allein werde künftig das gewünschte Versorgungsniveau vieler Menschen nicht mehr absichern können. Deshalb müsse es gelingen, private und betriebliche Vorsorge deutlich breiter in der Bevölkerung zu verankern. Die Politik wolle den Vorsorgemarkt bewusst verbreitern – und die Versicherungswirtschaft müsse darauf nun die richtigen Antworten liefern.
Dabei klang auf der Pressekonferenz auch die Sorge vor zunehmenden gesellschaftlichen Verteilungskonflikten rund um die Rentenpolitik an. Mit Blick auf die laufenden Diskussionen der Rentenkommission warnte vom Brück davor, dass die Finanzierung der gesetzlichen Rente immer stärker unter Druck gerate und damit zwangsläufig Verteilungskämpfe entstünden. Schon heute sei erkennbar, wie emotional die Diskussion geführt werde. „Man sieht an der Debatte, dass das ein Thema ist, das die Gesellschaft spalten kann“, sagte sie.
Die Lebensversicherung könne hier eine stabilisierende Rolle übernehmen, indem sie helfe, Versorgungslücken zu schließen und den Druck auf die umlagefinanzierte Rente zu reduzieren. Gerade deshalb versteht die BarmeniaGothaer die Reform ausdrücklich nicht nur als neues Geschäftsfeld, sondern auch als gesellschaftspolitische Aufgabe. Gleichzeitig verbindet die Gruppe mit der Reform durchaus erhebliche Wachstumsfantasie. Gelinge es tatsächlich, neue Kundengruppen für die Altersvorsorge zu gewinnen, könnte der Gesamtmarkt deutlich wachsen – und damit auch zusätzliche Potenziale für Versicherer eröffnen.
KI-Offensive soll Produktivitätsschub bringen
Einen weiteren Schwerpunkt setzte die Gruppe beim Thema künstliche Intelligenz. Anders als viele Wettbewerber versucht die BarmeniaGothaer das Thema nicht defensiv einzuhegen, sondern bewusst breit in die Organisation zu tragen. Schoeller zufolge kommt der Druck inzwischen vor allem aus der Belegschaft selbst: „Wir müssen KI nicht ins Unternehmen bringen – sie wird von den Menschen gefordert.“ Die Gruppe unterscheidet derzeit zwischen sogenannten Enterprise-AI-Lösungen für individuelle Anwendungen der Mitarbeitenden und Business-AI-Lösungen zur Automatisierung konkreter Geschäftsprozesse.
Schon heute setzt die BarmeniaGothaer KI unter anderem in der Schadenaufnahme, in der Telefonie, in der Risikoprüfung und bei Datenmigrationen ein. Die eigentliche Transformation erwartet Schoeller allerdings erst in den kommenden zwei Jahren – insbesondere durch sogenannte agentische KI-Systeme, bei denen verschiedene KI-Anwendungen eigenständig miteinander interagieren.
Marke „BarmeniaGothaer“ bleibt bestehen
Auch zur Markenstrategie bezog der Konzern klar Stellung. Trotz des vergleichsweise langen Namens soll die Marke „BarmeniaGothaer“ dauerhaft bestehen bleiben. Der Grund liegt laut Schoeller in der hohen Bekanntheit und Vertrauenswirkung beider Traditionsmarken. Die sogenannten „Markendepots“ seien so stark gewesen, dass man bewusst keinen Namen habe aufgeben wollen. Im laufenden Jahr sollen sämtliche Gesellschaften und Standorte vollständig auf die neue gemeinsame Marke umgestellt werden.
Zehn-Milliarden-Ziel wohl früher erreichbar
Mit Blick auf die kommenden Jahre zeigte sich die Gruppe entsprechend selbstbewusst. Das strategische Ziel von zehn Milliarden Euro Beitragseinnahmen bis 2028 könnte nach Einschätzung des Vorstands bereits ein Jahr früher erreicht werden.
Die größten Wachstumspotenziale sieht die BarmeniaGothaer dabei vor allem im Gesundheitsmarkt sowie im Gewerbe- und Industriesegment. Gerade dort profitiere die Gruppe von ihrer starken Maklerpositionierung und ihrer breiten Aufstellung. Vorstandschef Schoeller formulierte abschließend den Anspruch entsprechend offensiv: „Wir haben durch den Zusammenschluss eine sehr starke Position gewonnen, um unsere Kunden durch diese herausfordernden Zeiten zu begleiten.“













