Die Hanse Merkur hat im Jubiläumsjahr ihres 150-jährigen Bestehens ein neues Rekordergebnis eingefahren. Und verbindet die starke Bilanz zugleich mit ambitionierten Wachstumszielen in den Bereichen Tierversicherung, private Krankenversicherung und Altersvorsorge. Auf der Bilanzpressekonferenz in Hamburg präsentierte Vorstandschef Eberhard Sautter nicht nur starke Geschäftszahlen, sondern positionierte den Versicherer zugleich offensiv in zentralen politischen Reformdebatten rund um Gesundheitssystem, Rentenpolitik und Vorsorge.
Mit Beitragseinnahmen von 3,55 Milliarden Euro wuchs die Hanse Merkur 2025 um 20,6 Prozent und damit mehr als dreimal so stark wie der Markt. Das Neugeschäft legte nochmals um 24,8 Prozent zu. „Wir haben im Jahr unseres 150-jährigen Jubiläums die höchste Beitragseinnahme der Unternehmensgeschichte erreicht“, sagte Sautter. Das strategische Vertriebsziel bis 2030 habe der Versicherer „schon jetzt übertroffen“.
Der Konzernjahresüberschuss lag bei 125,5 Millionen Euro, das Eigenkapital stieg auf 1,45 Milliarden Euro. Besonders stolz zeigte sich Sautter auf die langfristige Entwicklung: Seit dem Jahr 2000 sei die Hanse Merkur um 648 Prozent gewachsen, während die Branche lediglich um 93 Prozent zulegte. „Wir sind fast siebenmal stärker gewachsen als die Branche“, betonte er auf der Pressekonferenz. „Wir haben uns massiv vom Branchentrend losgelöst“, sagte Sautter.
Tierversicherung als strategischer Wachstumsmotor
Einer der größten Wachstumstreiber bleibt die Tierversicherung. Die Hanse Merkur hat sich nach eigenen Angaben mittlerweile auf Platz zwei im deutschen Markt vorgearbeitet – hinter der Uelzener und vor der Allianz. „Wir wollen DER Tierversicherer werden“, sagte Sautter offensiv und erinnerte daran, dass dieses Ziel erst 2022 formuliert worden sei. Inzwischen liege der Abstand zur Uelzener nur noch bei „zehn bis 20 Millionen Euro“.
Das Geschäftsfeld „Schaden, Unfall & Tier“ wuchs um 38,3 Prozent auf 278,9 Millionen Euro Beitragseinnahmen. Allein die Tierversicherungen machten inzwischen rund 178 Millionen Euro aus und stehen damit für fast zwei Drittel des gesamten Segments. Treiber sind vor allem Hunde- und Katzenversicherungen. Der Versicherer setzt dabei auf eine breite Produktpalette – von OP-Versicherungen bis hin zu umfassenden Tierkrankenversicherungen mit unterschiedlichen Selbstbehalten und Zusatzbausteinen. „Ein Hund oder eine Katze ist heute für viele wie ein Kind“, sagte Sautter. Entsprechend individuell wollten Kunden mittlerweile ihre Absicherung gestalten.
Gleichzeitig wird das Segment immer anspruchsvoller. Insbesondere die neue Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) aus dem Jahr 2022 sorgt weiterhin für massiven Kostendruck. Vorstand Holger Ehses sprach von deutlich höheren Inflationsraten als ursprünglich kalkuliert: „Der Verordnungsgeber hatte eine Inflation von 20 bis 25 Prozent vorgesehen. Wir sehen teilweise aber ein Vielfaches davon.“
Die Folge seien Beitragsanpassungen, neue Tarifstrukturen und eine stärkere Risikoselektion. So habe die HanseMerkur inzwischen auch höhere Selbstbehaltsvarianten eingeführt, um die Kostenentwicklung besser steuern zu können. Dennoch sieht das Management die Profitabilität des Geschäftsmodells nicht gefährdet. Die Combined Ratio im Segment Schaden und Unfall liege aktuell bei rund 95 Prozent und damit weiterhin auf einem profitablen Niveau.
Ehses verteidigte dabei ausdrücklich die starke Wachstumsstrategie. Gerade im Tiersegment seien Größe und Datenbasis entscheidend, weil es anders als etwa in der Kfz-Versicherung kaum standardisierte Branchendaten gebe. „Man muss eine gewisse Mindestgröße überschreiten, um die Risiken sauber managen zu können“, sagte er. Viele neue Marktteilnehmer und Start-ups würden die Komplexität des Segments unterschätzen. „Da frage ich mich immer: Auf welchen Daten setzen die eigentlich auf?“
Der Vertrieb spiele dabei eine zentrale Rolle. Vertriebsvorstand Eric Bussert verwies darauf, dass die Hanse Merkur mittlerweile über nahezu alle relevanten Vertriebswege wachse – von Ausschließlichkeitsorganisationen über Makler und Vergleichsportale bis hin zu Kooperationen mit Aggregatoren wie Check24. Gerade die Tierversicherung entwickele sich zunehmend zu einem Einstiegsthema für weitere Absicherungsprodukte. Kunden, die ihr Tier umfassend absichern wollten, beschäftigten sich häufig auch intensiver mit der eigenen Gesundheitsvorsorge. Gleichzeitig gebe es inzwischen zahlreiche spezialisierte Tier-Versicherungsmakler, die ausschließlich in diesem Segment tätig seien.
KI soll Wachstum profitabel machen
Um das starke Wachstum effizient zu steuern, setzt die Hanse Merkur zunehmend auf künstliche Intelligenz. Gerade in der Tierversicherung spiele KI inzwischen eine zentrale Rolle. Laut Ehses erfolgt die Leistungsregulierung in der Tierkrankenversicherung mittlerweile zu 98 Prozent automatisiert. KI werde sowohl in der Telefonie als auch in der Schadenbearbeitung eingesetzt.
Sautter betonte, dass KI-Projekte im Unternehmen konsequent nach Wirtschaftlichkeit bewertet würden. „ROI ist für mich das Wichtigste überhaupt“, sagte der Vorstandschef. KI sei für die HanseMerkur kein Selbstzweck, sondern ein Instrument, um profitables Wachstum effizienter zu organisieren.
Vertriebsvorstand Bussert ergänzte, KI werde längst nicht mehr nur in klassischen IT-Projekten genutzt, sondern zunehmend als Werkzeug im operativen Alltag der Fachbereiche. Vor allem im Vertrieb und in der Vor- und Nachbereitung von Kundengesprächen kämen KI-gestützte Systeme immer stärker zum Einsatz. Ziel sei es, Prozesse zu beschleunigen und den Komfort für Vertriebspartner deutlich zu erhöhen.
Offensive im Beamtenmarkt
Auch im Hauptsegment, der privaten Krankenversicherung, will die Hanse Merkur weiter Marktanteile gewinnen. Die Zahl der Vollversicherten stieg 2025 um mehr als 20.000 Personen auf über 334.000 Kunden. Damit wuchs der Versicherer erneut deutlich stärker als der Markt.
Besonders im Fokus steht nun der Beamtenmarkt. Mit den neuen Tarifen „Be Fit Smart“ und „Be Fit Best“ greift die Hanse Merkur etablierte Anbieter wie Debeka oder DBV an. „Die letzte große Zielgruppe sind die Beamten“, erklärte Vertriebsvorstand Eric Bussert. Beamte stellten fast 50 Prozent aller privat Vollversicherten.
Der Versicherer sieht dabei veränderte Vertriebswege als Chance. Früher seien Beamtenprodukte stark über klassische Ausschließlichkeitsorganisationen verkauft worden. Doch der Markt habe sich verändert, sagte Bussert. Heute spielten Makler, Vergleichsportale und digitale Kanäle eine wesentlich größere Rolle. „Zudem haben wir jetzt eine Produktpalette, die ihresgleichen am Markt sucht“, so Bussert.
Sautter fordert grundlegenden Umbau des Gesundheitssystems
Deutlich positionierte sich Sautter auch zur aktuellen Debatte um die Finanzierung des Gesundheitssystems. Die zentrale Herausforderung sei nicht ein Einnahmeproblem, sondern die fehlende Begrenzung der Kostensteigerungen. „Von 2021 bis 2024 ist das Gesundheitssystem um 100 Milliarden Euro teurer geworden“, warnte er.
Besonders kritisch sieht Sautter dabei das Verhältnis zwischen Kosten und tatsächlichem gesundheitlichem Nutzen. Deutschland gebe inzwischen den höchsten Anteil des Bruttoinlandsprodukts in Europa für Gesundheit aus, erreiche aber dennoch keine überdurchschnittliche Lebenserwartung. Während Deutschland inzwischen rund zwölf Prozent des BIP für Gesundheit aufwende, lägen andere europäische Länder deutlich darunter – erzielten aber bessere Ergebnisse bei der Lebenserwartung. Als Beispiel nannte Sautter Italien: Dort liege der Anteil der Gesundheitsausgaben bei etwas mehr als acht Prozent des BIP, gleichzeitig sei die durchschnittliche Lebenserwartung höher als in Deutschland. „Wir haben eine Lebenserwartung von 81,5 Jahren – Italien liegt bei 84,1 Jahren“, sagte der Hanse Merkur-Chef.
Für Sautter ist das ein Beleg dafür, dass das deutsche Gesundheitssystem strukturell falsch gesteuert werde. „Wir reparieren immer nur Krankheit, aber wir managen nicht Gesundheit“, kritisierte er. Statt immer neue Finanzmittel in das System zu lenken, müsse stärker darüber gesprochen werden, wie Menschen gesünder und länger leben könnten. Prävention, Eigenverantwortung und Gesundheitsbildung müssten deshalb deutlich stärker in den Mittelpunkt rücken.
Der Hanse Merkur-Vorstandschef plädierte für einen grundlegenden Paradigmenwechsel hin zu mehr Prävention und Eigenverantwortung. Ernährung, Bewegung und Schlaf seien entscheidende Faktoren für ein längeres gesundes Leben. Die Hanse Merkur setze deshalb seit Jahren auf Präventionsanreize in der PKV. Kunden, die bestimmte Gesundheitskriterien erfüllen, erhalten Beitragsrabatte. Dazu zählen unter anderem Nichtrauchen, normale Blutdruck- und Cholesterinwerte sowie ein gesunder Body-Mass-Index. „Fördern, fordern, belohnen, das ist unser Ansatz“, sagte Sautter.
Besonders kritisch sieht der Vorstandschef die politische Tendenz, immer neue Einnahmequellen für das Gesundheitssystem zu suchen, statt strukturelle Probleme anzugehen. Die aktuellen Reformdiskussionen zur gesetzlichen Krankenversicherung würden zwar kurzfristig für mehr Gesprächsbedarf sorgen – langfristig aber reiche das nicht aus.
Gleichzeitig erwartet die Hanse Merkur durch die Reform positive Impulse für das Zusatzversicherungsgeschäft. Wenn Leistungen in der GKV reduziert würden, steige automatisch die Nachfrage nach privater Ergänzungsabsicherung. „Viele Menschen schieben solche Entscheidungen lange vor sich her. Reformen sorgen dann oft dafür, dass sie handeln“, erklärte Sautter.
Kritik am Staatsfonds und neue Chancen in der Altersvorsorge
Intensiv diskutiert wurde auf der Pressekonferenz auch die geplante Rentenreform. Sautter begrüßte zwar grundsätzlich, dass die Politik das Thema Altersvorsorge endlich wieder offensiv angehe. „Es ist gut, dass es die Reform überhaupt gibt“, sagte er. Viele Menschen hätten Altersvorsorgeentscheidungen jahrelang aufgeschoben. Kritisch sieht Sautter allerdings die Pläne für ein staatlich organisiertes Standarddepot. Besonders die fehlenden Garantien seien problematisch. „Wenn der Fonds abschmiert und ich gerade in Rente gehe, dann habe ich ein echtes Problem“, warnte Sautter.
Zugleich kritisierte er die Doppelrolle des Staates als Anbieter, Regulierer und Aufseher. Vertriebsvorstand Bussert formulierte es noch deutlicher: „Der Staat erstellt das Produkt und beaufsichtigt sich selber.“
Besonders skeptisch blickt die Branche auf die politisch diskutierte Kostenobergrenze von einem Prozent. Damit lasse sich aus Sicht der HanseMerkur kein nachhaltiges Beratungsgeschäft finanzieren. Bussert verwies darauf, dass Altersvorsorge künftig sogar noch beratungsintensiver werde, weil Kunden zwischen unterschiedlichen Produktwelten wählen müssten – vom Staatsfonds bis hin zu Garantieprodukten.
In diesem Zusammenhang verwies Sautter auch auf die Erfahrungen mit Riester-Produkten und den früheren „RiesterMeister“-Ansatz der Hanse Merkur. Der Versicherer verfügt nach eigenen Angaben noch über rund 50.000 Riester-Verträge. Zwar rechnet die Branche im Zuge der Reformen mit verstärkten Umdeckungsversuchen durch Neobroker und Fondsplattformen. Sautter glaubt jedoch, dass klassische Versicherer weiterhin einen erheblichen Beratungsvorteil besitzen.
„Viele Kunden brauchen Orientierung“, sagte Bussert. Gerade bei bestehenden Riester-Verträgen sei es keineswegs automatisch sinnvoll, in ein neues Depotmodell zu wechseln. Besonders ältere Kunden oder Familien müssten sorgfältig abwägen, welche Garantien sie aufgeben würden.
Sautter warnte davor, die Risiken kapitalmarktabhängiger Vorsorgemodelle zu unterschätzen. Viele jüngere Anleger hätten Börsenkrisen nie erlebt. „Keine Garantie zu haben, merkt man meistens erst dann, wenn es weh tut“, sagte er mit Blick auf mögliche Markteinbrüche.
Die Hanse Merkur will künftig in allen drei diskutierten Produktwelten mitspielen: staatliches Standardprodukt, Altersvorsorgedepot und klassische Garantieprodukte. Rückenwind erhofft sich der Versicherer dabei auch vom eigenen Asset Management. Der Fonds „HanseMerkur Strategie Chancenreich“ wurde inzwischen mehrfach ausgezeichnet und erhielt zuletzt erneut den „Goldenen Bullen“.
Insgesamt präsentierte sich der Hamburger Versichere auf seiner Bilanzpressekonferenz ausgesprochen selbstbewusst. Das Unternehmen sieht sich nicht nur auf Wachstumskurs, sondern zunehmend auch als relevanter Impulsgeber in den politischen Debatten rund um Gesundheit, Vorsorge und Versicherung. Grundlage dafür bleibt aus Sicht des Managements vor allem eines: profitables Wachstum. Oder wie Sautter es formulierte: „Die Zukunft der Hanse Merkur ist sehr gut – und sie wird noch besser.“














