Das Bundeskabinett hat am 12. August die Frühstartrente beschlossen. Die Initiative soll junge Menschen frühzeitig beim Aufbau von Altersvorsorgekapital unterstützen und ihnen den Zugang zum Kapitalmarkt erleichtern. Auch Kinder, deren Eltern keinen individuellen Vertrag abschließen, sollen über eine kollektive Anlage einbezogen werden.
Wie diese automatische Standardanlage ausgestaltet wird, ist nach Einschätzung von fünf Finanzökonominnen entscheidend für den Erfolg des Vorhabens. In ihrem SAFE White Paper Nummer 121 empfehlen sie, das Kapital vollständig in Aktien anzulegen und dabei einer passiven, breit gestreuten und regelgebundenen Strategie zu folgen.
Die Autorinnen sind Tabea Bucher-Koenen vom ZEW Mannheim und der Universität Mannheim, Christine Laudenbach vom Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE, Ulrike Malmendier von der University of California, Berkeley und SAFE, Claudia Schaffranka von SAFE sowie Milena Schwarz vom Sachverständigenrat Wirtschaft. Ihre Empfehlungen beruhen auf Forschung zu Altersvorsorge, Aktienmarktteilnahme und Finanzbildung.
Kapitalmarkterfahrungen beeinflussen spätere Anlageentscheidungen
„Aus der Forschung wissen wir, dass Menschen aus Erfahrungen lernen und persönliche Erfahrungen mit dem Kapitalmarkt einen starken Einfluss auf ihr späteres Anlageverhalten haben. In Deutschland fehlte es bislang am einfachen Zugang zu breit diversifizierten Aktienanlagen“, sagt Ulrike Malmendier, Direktorin des O’Donnell Centers für Behavioral Economics an der UC Berkeley und Distinguished Policy Advisor bei SAFE.
Eine weitere Hürde sei die Annahme, für die Geldanlage umfangreiches Finanzwissen zu benötigen. Christine Laudenbach erklärt: „Eine wichtige Hemmschwelle ist dabei die Vorstellung, sehr viel über Finanzmärkte wissen zu müssen, um bei der Geldanlage keine Fehler zu machen. Gerade diese wahrgenommene Komplexität kann Menschen davon abhalten, überhaupt mit dem Investieren zu beginnen.“
Die automatische Einbindung aller Familien könne deshalb breite Bevölkerungsschichten erreichen. „Die Frühstartrente ist ein Neuanfang und bietet enorme Chancen, die Aktienkultur in Deutschland nachhaltig zu ändern“, sagt Laudenbach. Dafür müsse das Modell transparent und möglichst wenig komplex ausgestaltet werden.
Standardportfolio braucht unabhängige Aufsicht
Die Bedeutung der Standardlösung zeigt nach Ansicht der Ökonominnen das schwedische Vorsorgesystem. „Erfahrungen aus Schweden zeigen, dass die Ausgestaltung des Standardportfolios das Anlageverhalten der großen Mehrheit über Jahrzehnte prägt“, sagt Tabea Bucher-Koenen, Leiterin des ZEW-Forschungsbereichs „Altersvorsorge und nachhaltige Finanzmärkte“.
Zugleich sprechen sich die Autorinnen für eine klare Trennung zwischen politischen Vorgaben und operativer Umsetzung aus. „Für ein transparentes und stabiles System braucht es eine langfristige und konsequente Renditeorientierung, ein professionelles Management und eine unabhängige Aufsicht durch Kapitalmarktexperten“, sagt Bucher-Koenen.
Die Frühstartrente soll zum 1. Januar 2027 in Kraft treten. Nach den Planungen der Bundesregierung soll das Gesetzgebungsverfahren bis November 2026 abgeschlossen sein. Die Ökonominnen fordern, die im Referentenentwurf vorgesehene aktienbasierte Anlage beizubehalten und durch gezielte Bildungsangebote zu ergänzen.
Breit gestreutes Aktienportfolio soll Renditechancen sichern
Aktien haben historisch reale Renditen von etwa sieben Prozent pro Jahr erzielt und damit deutlich höhere Erträge als Anleihen. Über einen langen Anlagezeitraum können sich diese Unterschiede erheblich auf das verfügbare Kapital im Ruhestand auswirken.
Eine passive und regelgebundene Strategie soll die Kosten begrenzen. Zugleich reduziert sie das Risiko, durch kurzfristige Anlageentscheidungen den Markt timen zu wollen oder politische Interessen auf die Kapitalanlage einwirken zu lassen.
Als etablierter und transparenter Standard gilt eine Gewichtung der Aktien nach ihrer Marktkapitalisierung. Eine Gewichtung nach der Wirtschaftsleistung der Länder könnte die Konzentration auf einzelne Staaten und Unternehmen zusätzlich verringern.













