Eine Führungsperson darf bei der Umsetzung einer Veränderung, einer Entscheidungsfindung oder der Konfliktbewältigung nie nur einen Teilausschnitt des Problemfeldes sehen. Vielmehr geht es darum, als systemischer Coach ganzheitlich auf die Situation zu schauen.
Zur Veranschaulichung: Bei der Entscheidung, das Teamgefüge zu verändern und mehr Verantwortung in das Team zu verlagern, betrachten Sie nicht nur die unmittelbaren Auswirkungen auf die Finanzberater und das Team. Nein – Sie lösen sich vom isolierten Problem und berücksichtigen Wechselwirkungen zwischen den Beratern, beachten die sozialen Kontexte und verschaffen sich einen Überblick über die langfristigen Auswirkungen Ihrer Entscheidung.
Damit nicht genug: Sie führen Beziehungsanalysen durch, wägen auf der rationalen Ebene Fakten, Daten und Ziele ab und beziehen die Ängste und Erwartungen der Berater ein. Sie befragen Ihre Intuition, vernachlässigen mithin die emotionale Ebene nicht. Kurzum: Sie bewegen sich im systemischen Rahmen und bedenken die Folgen Ihrer Entscheidung für alle Bereiche: Berater, Team, Abteilung, Institut, Kunden, Wettbewerber, Branche, Markt …
Und natürlich bleiben auch Sie selbst nicht außen vor: Welche Konsequenzen hat die Entscheidung für Sie und Ihr zukünftiges Führungshandeln? Der systemische Blick umfasst den selbstkritischen Blick in den Spiegel.
Selbstreflexion als Grundlage
Eine Voraussetzung für die Ausbildung eines ganzheitlichen Blickes sind die Selbstreflexion und das Selbstcoaching. Entwickeln Sie vor allem die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel. Lösen Sie sich von einer Denkweise, die die Dinge, auch Entscheidungen, in Entweder-oder-Kategorien untergliedert und immer nur in Gegensätzen denkt, die einander ausschließen.
Gehen Sie in die andere Richtung: Trainieren Sie es, in Sowohl-als-auch-Kategorien zu denken. Es gibt so gut wie immer mehrere Möglichkeiten und verschiedene Optionen. Wer dies erkennen will, nimmt eine Helikopterperspektive ein, betrachtet eine Situation (auch) von oben und aus der Ferne und verknüpft die Nah- mit der Fernsicht. Hilfreich ist es zudem, verschiedene Zeithorizonte zu adressieren, etwa durch Frage wie: „Wenn die Entscheidung getroffen ist und wirkt: Was sind die kurz-/mittel-/langfristigen Auswirkungen auf das Umfeld?“
Rollenübungen nutzen
Um das Beispiel der Entscheidung aufzugreifen, das Teamgefüge zu verändern und Verantwortung in das Team zu geben: Nehmen Sie die Perspektive möglichst vieler oder gar aller beteiligten Personen ein, schlüpfen Sie in verschiedene Rollen: Welche Bedeutung hat die Veränderung für die Arbeit der einzelnen Finanzberater? Inwiefern verändert sich die Teamarbeit? Welche Folgen ergeben sich für die Kundenbeziehungen und die Kundenkontakte? Eröffnen sich Chancen, im Vergleich zur Konkurrenz Wettbewerbsvorteile zu generieren? Mithilfe dieser umfassenden Fragestellungen ist es möglich, ein ganzheitliches Fundament zu schaffen.
Hutwechsel trainieren
Üben Sie den Perspektivenwechsel, und zwar in Rollenübungen, in denen Sie sich verschiedene Hüte (nach Edward de Bonos „Denkhüten“) aufsetzen, um eine Entscheidung, eine Herausforderung oder eine Situation aus unterschiedlichen Sichtwinkeln wahrzunehmen. Stellen Sie sich mehrere „Personas“ vor – also fiktive Mitarbeitende oder Kunden mit den typischen Einstellungen und Verhaltensweisen, wie sie Ihre realen Berater und Kunden aufweisen. Führen Sie fiktive Gespräche mit den Personas und versetzen Sie sich in deren jeweilige Wahrnehmungswelt.
Wichtig ist: Übertragen Sie nach den fiktiven „Trockenübungen“ Ihre Erfahrungen auf Ihre realen Gespräche. Oder setzen Sie sich thematische Hüte auf: Was würde ein Skeptiker zu der Entscheidung sagen, dem Team mehr Eigenverantwortung zu übertragen? Wie würde die Bewertung eines chancenorientierten Menschen ausfallen? Was würde ein Pessimist dazu sagen, was ein Optimist, was ein Realist?
Die Komfortzone verlassen: Was wäre, wenn …
Arbeiten Sie mit der „Was wäre, wenn“-Methode: „Was wäre, wenn ich kein Mann/keine Frau wäre, sondern eine Frau/ein Mann: Wie würde ich die Angelegenheit dann beurteilen?“ Das kreative Spektrum lässt sich erweitern, indem Sie in die Rolle prominenter Personen schlüpfen: „Was, wenn ich Steve Jobs/Jamal Musiala/Richard David Precht wäre? Zu welcher Entscheidung gelangte ich dann?“
Es gibt weitere Möglichkeiten, das multiperspektivische Denken und Handeln zu schulen. Beschäftigen Sie sich mit Themen, die jenseits Ihrer eigentlichen Interessensfelder liegen, etwa durch die Lektüre von Sachbüchern zu Inhalten, die Ihnen fremd sind. Auch die Auseinandersetzung mit Kunst und Literatur hilft weiter: Kunstwerke sind meistens mehrdimensional angelegt und lassen sich auf mehreren Ebenen deuten. Sie laden Sie ein, sich in fremde Welten zu begeben.
Selbstreflexionstagebuch führen
Viele systemische Coaches führen ein Selbstreflexionstagebuch, um ihr Denken und Tun auf den Prüfstand zu stellen. Für sie ist der Zweifel am eigenen Tun keine Schwäche, sondern eine Stärke. Sie lassen Selbstzweifel nicht nur zu, sondern fordern diese geradezu heraus: „Inwiefern muss ich meine Überzeugungen und Einstellungen, Prinzipien, Verhaltens- und Handlungsweisen überdenken? An welcher Stelle irre ich mich sogar?“
Eine ganzheitlich orientierte Führungsperson ist selbstbewusst genug, aktiv kritisches Feedback zu ihren Entscheidungen und Handlungen einzufordern – von der Geschäftsführung, der eigenen Führungskraft und den Mitarbeitenden. Sachlich vorgetragene und argumentativ begründete Kritik nimmt sie ernst. Und von liebgewonnenen Haltungen und Gewohnheiten trennt sie sich, sobald sie im Reflexionsprozess erkannt hat, es sei kontraproduktiv, daran festzuhalten. Das kritische Hinterfragen der eigenen Positionen erfolgt mit der Zielsetzung, Verbesserungspotenziale zu nutzen.
Fazit
Eine systemisch orientierte Führungsperson hat den Mut und die Courage, selbstkritisch zu analysieren, warum sie bisher geführt hat, wie sie geführt hat. So kann sie eingefahrene Gleise verlassen und Nebengleise ausprobieren. Sie weiß: Wahrhaftige Veränderung fängt immer bei dem Individuum an, das seine Werte und Glaubenssätze, seine Lebenseinstellung, Überzeugungen und Annahmen auf den Prüfstand stellt. Sind auch Sie dazu bereit?
Christian Polz ist Inhaber und Geschäftsführer von Team-Polz. Er berät, coacht und trainiert seit über 20 Jahren erfolgreich Vorstände, Geschäftsführer und Führungskräfte aller Managementebenen. Sein Buch „Systemisches Coaching für souveräne Führungspersönlichkeiten“ ist 2026 bei Springer Gabler erschienen.













