ALH wächst kräftig – doch Kranken- und Sachgeschäft setzen den Konzern unter Druck

Christoph Bohn, Vorstandsvorsitzender der ALH-Gruppe
Foto: Cash./Dirk Beichert Businessphoto
ALH-Vorstandsvorsitzender Christoph Bohn.

Die Alte Leipziger-Hallesche wächst 2025 kräftig und baut ihre Position in der Altersvorsorge aus. Gleichzeitig steigen Kosten, Schäden und Anforderungen im Vertrieb. Reformen, KI und betriebliche Lösungen rücken stärker in den Fokus.

Die Alte Leipziger-Hallesche (ALH) hat im Geschäftsjahr 2025 ihren Umsatz auf knapp sechs Milliarden Euro gesteigert und das Vorjahr damit deutlich übertroffen. Wachstumstreiber bleibt die Lebensversicherung, während in anderen Sparten die Herausforderungen zunehmen. Im Pressegespräch zeigt der Vorstand ein differenziertes Bild von soliden Zahlen und einem Markt, der anspruchsvoller wird.

In der Lebensversicherung steigen die Beitragseinnahmen auf mehr als 3,1 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von mehr als 15 Prozent und liegt über dem Branchenschnitt. Auch das Neugeschäft legt deutlich zu und erreicht rund 1,06 Milliarden Euro. Neben Einmalbeiträgen wachsen auch die laufenden Beiträge, was auf eine nachhaltige Entwicklung hindeutet. Fondsgebundene Produkte gewinnen weiter an Gewicht und wachsen um rund 19 Prozent.

„Das Wachstum ist für die ALH Gruppe sehr erfreulich. Damit können wir die vor uns stehenden Herausforderungen zukunftssicher bewältigen“, sagt Vorstandschef Christoph Bohn.

Krankenversicherung und Sach: Kosten und Schäden steigen

In der Krankenversicherung wächst die Hallesche ebenfalls und erreicht Beitragseinnahmen von rund 1,8 Milliarden Euro. Gleichzeitig nimmt der Kostendruck spürbar zu. „Zum dritten Jahr in Folge sehen wir enorme Leistungsausgabensteigerungen“, so Bohn. Die Aufwendungen für Versicherungsfälle steigen um mehr als 15 Prozent – die Treiber seinen insbesondere der stationäre Bereich und Arzneimitteln.

Vor diesem Hintergrund gelten Beitragsanpassungen als wahrscheinlich, auch wenn konkrete Größenordnungen offenbleiben. Parallel setzt die ALH auf Steuerungsmaßnahmen wie Hochkostenfallmanagement. „Wir versuchen, Leistungen zu dämpfen – aber nicht zu Lasten der Versicherten“, betont Bohn


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Im Schaden- und Unfallgeschäft zeigt sich erneut die Volatilität des Segments. Trotz eines ruhigen Naturgefahrenjahres belasten mehrere Großschäden das Ergebnis. Bohn spricht von einer ungewöhnlichen Häufung: „Wir waren bei fünf oder zehn der größten Schadenfälle beteiligt – das ist statistisch sehr unwahrscheinlich.“ Drei Feuergroßschäden summieren sich auf rund 45 Millionen Euro. Die Combined Ratio liegt bei 99 Prozent und bleibt damit im Rahmen.

Altersvorsorge zwischen Reform und Realität

In der Altersvorsorge sieht sich die ALH gut positioniert. Mehr als die Hälfte des Neugeschäfts entfällt auf die private Vorsorge, rund 46 Prozent auf die betriebliche Altersversorgung.

Gleichzeitig steht der Markt vor Veränderungen. Die Diskussion um neue Fördermodelle und eine mögliche Riester-Nachfolge nimmt Fahrt auf. Für die Branche bedeutet das zunächst mehr Auswahl – aber auch mehr Komplexität in Beratung und Produktgestaltung.

Inhaltlich zeichnet sich ein klarer Trend ab. Starre Garantien verlieren weiter an Bedeutung, fondsgebundene Lösungen rücken in den Mittelpunkt. Für Vermittler erweitert sich damit der Spielraum, gleichzeitig steigt der Erklärungsbedarf deutlich – insbesondere bei Fragen zu Chancen, Risiken und Garantiestufen.

Bohn verweist auf die strukturelle Dimension: „Wir sehen immer deutlicher, dass die umlagefinanzierten Sozialversicherungssysteme durch den demografischen Wandel an ihre Grenzen stoßen.“ Betriebliche Lösungen könnten „schnell und mit großer Reichweite zur Entlastung beitragen.“

Für den Bestand erwartet die ALH allerdings keinen abrupten Umbruch. Statt eines flächendeckenden Wechsels dürfte sich ein Nebeneinander entwickeln, sagt Vertriebsvorstand Christian Pape auf Nachfrage: Bestandsverträge mit hohen Garantien bleiben für viele Kunden attraktiv, während neue Produkte stärker kapitalmarktnah ausgerichtet sind.

Für den Vertrieb dürften sich allerdings konkrete Folgen anbahnen. Bestehende Verträge müssen häufiger überprüft und eingeordnet werden. Gleichzeitig entstehen neue Beratungsanlässe rund um Förderlogiken, Produktalternativen und langfristige Strategien. „Man muss sich viele Verträge genau anschauen“, sagt Pape.

Studie zeigt Lücken bei bAV und bKV

Wie groß das Potenzial in der betrieblichen Vorsorge ist, zeigt eine aktuelle Studie der ALH. Rund 90 Prozent der Unternehmen bieten zwar eine betriebliche Altersversorgung an. In der Praxis bleibt die Nutzung aber häufig hinter den Möglichkeiten zurück. Ein Grund ist das begrenzte Engagement vieler Arbeitgeber. Oft bleibt es beim gesetzlichen Mindestzuschuss. Wiltrud Pekarek sieht hier deutlich Luft nach oben, insbesondere im Firmenkundengeschäft, wo betriebliche Lösungen eine größere Rolle spielen könnten.

Ähnlich fällt das Bild bei der betrieblichen Krankenversicherung aus. Rund 40 Prozent der Unternehmen halten sie für wichtig, umgesetzt haben sie bislang nur etwa ein Viertel. Dr. Jürgen Bierbaum verweist darauf, dass viele Unternehmen den Nutzen erkennen, die Umsetzung aber scheuen. Für Vermittler entsteht daraus ein klares Bild: Potenzial ist vorhanden, erschließt sich aber nicht von selbst. Pape formuliert es entsprechend bodenständig: „Im Vertrieb braucht es manchmal einfach liebevoll sympathische Hartnäckigkeit.“

Gerade vor dem Hintergrund der anstehenden Reformen könnten bAV und bKV zusätzlich an Bedeutung gewinnen. Wenn staatliche Förderung neu ausgerichtet wird und klassische Produkte an Gewicht verlieren, rücken betriebliche Lösungen stärker in den Fokus – auch, weil sie einfacher skalierbar sind und große Belegschaften erreichen.

Vertrieb unter Druck – Anforderungen steigen

Parallel verändert sich der Markt. Konsolidierung, größere Einheiten und steigende Professionalität prägen den Maklervertrieb. Für Versicherer steigen damit die Anforderungen an Prozesse, Geschwindigkeit und Service.

Pape beschreibt die Entwicklung als strukturellen Wandel: „Die Versicherungsbranche steht vor einem strukturellen Wandel. Flexibilität und Anpassungsfähigkeit werden entscheidend sein.“ Für die ALH heißt das, Vertrieb, Technik und Service enger zusammenzuführen. Gleichzeitig bleibt der persönliche Vertrieb zentral, allerdings unter veränderten Rahmenbedingungen.

KI, Demografie und Investitionen

Ein wesentlicher Baustein der strategischen Weiterentwicklung ist der Einsatz von Technologie. Künstliche Intelligenz soll Prozesse effizienter machen, etwa in der Antragsbearbeitung, im Schadenmanagement und im Kundenservice. Dabei verfolgt die ALH einen pragmatischen Ansatz.

Bohn betont: „KI ist für uns kein Stellenabbauprogramm.“ Vielmehr gehe es darum, Mitarbeitende gezielt zu entlasten und dort einzusetzen, wo sie den größten Mehrwert schaffen. Hintergrund ist auch die demografische Entwicklung: Bis 2035 könnte die Belegschaft um rund 26 Prozent zurückgehen. Technologie und Demografie sollen sich aus Sicht des Vorstands sinnvoll ergänzen.

Ein festes KI-Budget gibt es nicht. Investitionen erfolgen projektbezogen und sind Teil einer umfassenden Modernisierung, die auch Themen wie Cloud, Datenarchitekturen und die Ablösung von Altsystemen umfasst. Für den Vertrieb bedeutet das perspektivisch schnellere Prozesse und bessere Unterstützung im Alltag.

Parallel investiert die ALH in die Qualifikation ihrer Mitarbeiter. Fachliche Kompetenz und digitale Fähigkeiten gewinnen gleichermaßen an Bedeutung. Ziel ist es, die Organisation auf steigende Anforderungen vorzubereiten und die Zusammenarbeit zwischen Vertrieb, Service und Technik weiter zu verbessern.

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