Hormus-Krise: Ölmarkt verarbeitet den Schock schneller als erwartet

Straße von Hormus mit Tankern
Foto: ChatGPT
Julius Bär analysiert die Ölmarktrisiken rund um Hormus und erwartet sinkende Preise im Jahresverlauf.

Die Blockade der Straße von Hormus hält die Ölmärkte in Atem. Trotz geringer Handelsströme sind die Preise zuletzt gefallen. Julius Bär sieht dafür mehrere Gründe – und erwartet mittelfristig eine Verschiebung der Kräfte.

Es bleibt spannend: Die Vereinigten Staaten haben die Sicherung des Handels durch die Straße von Hormus erneut ausgesetzt. Die Ölpreise fielen trotz der anhaltenden Blockade unter 110 US-Dollar. Auf längere Sicht dürfte die Straße von Hormus einen Teil ihrer strategischen Bedeutung einbüßen, analysiert Norbert Rücker, Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär. 


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Trotz eines mehr als einmonatigen Waffenstillstands ist der Handel durch die Straße von Hormus nach wie vor nicht mehr als ein Rinnsal. Das Hin und Her der US-Maßnahmen in Verbindung mit der aggressiven Machtübernahme durch das iranische Regime hält die Unsicherheit und die Risiken hoch. Gerade als die Reedereien die Auswirkungen des sogenannten „Project Freedom“, der US-Maßnahmen zur Sicherung des Handels, einschätzten, wurden diese Maßnahmen wieder zurückgenommen. 

Die Ölpreise fielen möglicherweise einfach deshalb, weil diese jüngsten Wendungen bislang zwar einige Feindseligkeiten ausgelöst, aber keine ausgeprägte Eskalation militärischer Aktionen bewirkt haben. Die kommenden Tage werden zeigen, ob die Einmischung der USA mehr Verkehr in den südlichen Korridor bringt, neben den bislang dominierenden und vom Iran kontrollierten Transits über den nördlichen Korridor. 

In naher Zukunft könnte es auch zu Verschiebungen in der Dynamik kommen – vor dem Hintergrund eines verstärkten diplomatischen Engagements anderer Länder gegenüber dem Iran. Abgesehen von der Politik hat der Ölmarkt die anfängliche Schockreaktion überwunden und sich in einem Regime der Defizitabsorption durch Lagerabbauprozesse eingependelt. Nach dem Sommer könnten allerdings steigende Preise und eine sinkende Nachfrage drohen. 

Strategische und kommerzielle Lagerbestände schließen vorerst die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage, was sich deutlich in den gemeldeten Lagerabbauprozessen in Nordamerika, Europa und Asien zeigt. Dank der weitgehend abgeschlossenen Umleitung des Handels, die durch zeitweise große Preisunterschiede begünstigt wurde, dürfte die regionale Versorgung mit Ölprodukten vorerst nicht kritisch werden. Der Handel dürfte die Lagerabbaumengen über alle Teilmärkte für Öl und Ölprodukte hinweg ausgleichen. 

Neben den alternativen Routen aus dem Nahen Osten gibt es verschiedene kleinere Faktoren, die insgesamt die vorübergehende Widerstandsfähigkeit des Marktes stärken: den Rohölboom in Südamerika, einschließlich eines Aufschwungs bei den venezolanischen Exporten, die reichlichen Vorräte an Flugbenzin und Erdgasflüssigkeiten in Nordamerika oder Chinas Flexibilität bei den petrochemischen Rohstoffen. Bislang gibt es keine nennenswerten Handelsbeschränkungen, und diese optimistische politische Reaktion auf die Krise hilft enorm bei ihrer Bewältigung. 

Zwar ist die Reaktion der US-Schieferölindustrie auf der Angebotsseite noch unklar, doch sehen wir nicht, dass der aktuelle Konflikt einen anhaltenden Boom bei Ölinvestitionen und eine Verschiebung im Ölkonjunkturzyklus begünstigt. Dennoch zeichnen sich einige dauerhafte Veränderungen ab: Der Höhepunkt der Ölnachfrage rückt näher, da die Elektrifizierung des Straßenverkehrs für PKWs und LKWs voranschreitet, die Vereinigten Arabischen Emirate das Ölkartell verlassen und der Irak eine Pipeline baut, um die Exporte ins Mittelmeer zu steigern. In einigen Jahren wird die Straße von Hormus sehr wahrscheinlich einen Teil ihrer strategischen Bedeutung und wirtschaftlichen Bedrohung eingebüßt haben. 

Unsere Einschätzung bleibt unverändert: Die aktuelle Krise dürfte dem historischen Muster eines kurzfristigen, aber intensiven Preisschocks folgen. Wir gehen davon aus, dass der Ölpreis im weiteren Verlauf dieses Jahres deutlich nachgeben wird.

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