Lithium, Kobalt, Batterien: Wie China die E-Mobilität weltweit kontrolliert

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Rohit Chopra, Portfolio Manager/Analyst im Emerging Markets Equity Team von Lazard Asset Management

China dominiert trotz Zöllen die globale Elektroautoindustrie – von der Rohstoffgewinnung bis zur Batteriefertigung. Rohit Chopra, Emerging-Markets-Experte bei Lazard Asset Management erklärt, welche Investmentchancen sich daraus über den Automobilsektor hinaus ergeben.

Herr Chopra, warum bleibt China trotz Zöllen und Handelsbarrieren die dominierende Kraft in der globalen Elektroautoindustrie?
Chopra: Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen wächst weltweit stetig, unterstützt durch staatliche Fördermaßnahmen in vielen Regionen. Kaufsubventionen wie in Frankreich, Steuerbefreiungen wie in Deutschland und Norwegen sowie Leistungsvorteile fördern die Verbreitung. Trotz der jüngsten Rückgänge staatlicher Anreize und einer bislang schwächeren Nachfrage im laufenden Jahr bleibt die langfristige Nachfrage nach Elektrofahrzeugen im Vergleich zu Fahrzeugen mit herkömmlichem Verbrennungsmotor robust. Im Zentrum dieser Wachstumsgeschichte steht China. Das Land hat die globale Elektromobilität aus drei zentralen Gründen geprägt: Erstens kaufen chinesische Verbraucher derzeit mehr als die Hälfte aller Elektrofahrzeuge weltweit. Zweitens zählen chinesische Automobilhersteller zu den weltweit führenden Elektrofahrzeug-Produzenten und gewinnen zunehmend Marktanteile gegenüber Anbietern aus entwickelten Märkten. Drittens dominieren chinesische Unternehmen große Teile der Lieferkette – von Batterien über kritische Rohstoffe bis hin zu Komponenten.

Wie kam es zu dieser dominanten Stellung?
Chopra: Chinas Position ist das Ergebnis einer Strategie, die über die vergangenen zwei Jahrzehnte gezielt aufgebaut wurde. Frühzeitige staatliche Unterstützung ermöglichte den Aufbau lokaler Lieferketten und eines integrierten industriellen Ökosystems, in dem Politik, Infrastruktur, Marktgröße und Fertigungskapazitäten einander verstärkten. In Verbindung mit einer ausgeprägten Innovationskultur und hoher Kostendisziplin hat dieses Fundament führenden chinesischen Elektroautoherstellern ermöglicht, rasch zu skalieren. Die Unternehmen, die aus diesem wettbewerbsintensiven Umfeld hervorgegangen sind, verfügen heute über Kostenstrukturen und Innovationsgeschwindigkeiten, die nach unserer Einschätzung von vielen globalen Wettbewerbern bislang nicht erreicht werden.


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Wo sehen Sie die eigentlichen Wettbewerbsvorteile chinesischer Unternehmen?
Chopra: Viele Investoren konzentrieren sich auf die Automobilhersteller selbst. Aus unserer Sicht ist jedoch die Kontrolle über die Lieferkette mindestens ebenso wichtig. Entscheidend ist, wer die Materialien, die Chemie und die Fertigungsinfrastruktur kontrolliert, die Elektrofahrzeuge überhaupt ermöglichen. Chinesische Unternehmen kontrollieren heute mehr als 70 Prozent der weltweiten Lithiumraffination, rund 85 Prozent der Kobaltverarbeitung und mehr als 65 Prozent der Produktionskapazitäten für Kathoden und Anoden. Ähnlich dominant sind chinesische Firmen im Bereich Batterien: Die beiden Marktführer CATL und BYD vereinten zuletzt rund 55 Prozent aller weltweit in Elektrofahrzeugen verbauten Batterien auf sich.

Welche Investmentchancen ergeben sich daraus?
Chopra: Gerade die Lieferkette bietet aus unserer Sicht besonders interessante Chancen. Auf Komponentenebene haben sich mehrere chinesische Zulieferer zu globalen Marktführern entwickelt. Die Minth Group beispielsweise ist heute weltweit führender Anbieter von Batteriegehäusen und beliefert europäische, amerikanische und asiatische Automobilhersteller. Wir beschäftigen uns intensiv mit Unternehmen, die tief in die globale Automobillieferkette eingebettet sind, über echte Wettbewerbsvorteile verfügen und von vielen Investoren bislang zu wenig beachtet werden. Oft finden sich dort attraktivere Chancen als bei den bekannten Automobilherstellern selbst.

Welche Rolle spielen Energiepreise und geopolitische Entwicklungen?
Chopra: Hohe Energiepreise und Unsicherheit in der Energieversorgung haben den Fokus auf Elektrofahrzeuge erneut verstärkt. Viele Länder und Verbraucher suchen nach größerer Unabhängigkeit von volatilen Energiemärkten. Gleichzeitig entwickelt sich die Batterietechnologie kontinuierlich weiter, sodass zentrale Hürden für die Verbreitung von Elektrofahrzeugen zunehmend verschwinden. Chinesische Hersteller spielen dabei eine zentrale Rolle. Trotz Zöllen und Handelsbarrieren bieten sie aus unserer Sicht ein überzeugendes Verhältnis von Preis und Qualität. Nach Angaben des Unternehmens erzielt BYD außerhalb Chinas mittlerweile etwa doppelt so hohe Bruttomargen pro Fahrzeug wie im Heimatmarkt. Das verdeutlicht, dass chinesische Hersteller zunehmend nicht nur über den Preis, sondern auch über Technologie und Qualität konkurrieren. Ein gutes Beispiel ist BYDs neues Schnellladesystem „Flash Charger“, das eine Aufladung auf rund 70 Prozent innerhalb von etwa fünf Minuten ermöglicht – also nahezu in der Zeit, die auch zum Betanken eines Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor benötigt wird.

Können Zölle Chinas Aufstieg überhaupt noch bremsen?
Chopra: Wir sehen derzeit eher das Gegenteil. Viele chinesische Hersteller reagieren auf Handelsbarrieren mit einer stärkeren internationalen Präsenz. Produktionsstätten in Südostasien, Europa, dem Nahen Osten und Lateinamerika ermöglichen es ihnen, lokale Märkte direkt zu bedienen und gleichzeitig regionale Lieferketten aufzubauen. Zwischen 2014 und 2025 investierten chinesische Elektrofahrzeug- und Batterieunternehmen rund 143 Milliarden US-Dollar in Auslandsprojekte. Bemerkenswert ist zudem, dass diese Unternehmen im Jahr 2024 erstmals mehr Geld für den Aufbau von Lieferketten im Ausland als im Inland ausgaben. Beispiele hierfür sind das profitable CATL-Werk in Deutschland, neue Produktionsstandorte in Ungarn und Spanien sowie das BYD-Werk in Brasilien. Aus unserer Sicht stärkt diese Kombination aus globaler Skalierung und lokaler Produktion den langfristigen Investment Case führender chinesischer Unternehmen zusätzlich.

Warum sollten Emerging Markets-Investoren über China hinaus auf dieses Thema achten?
Chopra: Weil die Investmentchancen weit über China hinausreichen. China hat seine dominante Stellung teilweise dadurch aufgebaut, dass es sich tief in die Lieferketten für kritische Rohstoffe anderer Schwellenländer integriert hat. Dazu gehören Lithium in Chile und Argentinien, Kobalt in der Demokratischen Republik Kongo, Nickel in Indonesien sowie Graphit in Teilen Ostafrikas. Mit der fortschreitenden Globalisierung dieser Lieferketten entstehen zunehmend Verarbeitungs- und Raffineriekapazitäten in diesen Regionen. Der Ausbau dieser Infrastruktur gehört aus unserer Sicht zu den bedeutendsten langfristigen Wachstumsstories innerhalb der Emerging Markets.

Geht es dabei ausschließlich um Elektroautos?
Chopra: Absolut nicht. Der Ausbau der Infrastruktur sowie die technologischen Entwicklungen bei Elektrobatterien werden inzwischen weit über den klassischen Pkw-Markt hinaus eingesetzt. Dazu gehören Zwei- und Dreiräder, Nutzfahrzeuge, Flottenlösungen und Energiespeichersysteme. All diese Anwendungen basieren auf denselben Batterie- und Lieferkettenstrukturen. Besonders in Südostasien, Lateinamerika und Teilen Afrikas befindet sich diese Entwicklung noch in einem frühen Stadium, gewinnt aber zunehmend an Dynamik. Entscheidend ist dabei die Unterscheidung zwischen dem Ort der Produktion und der Kontrolle über die zugrunde liegenden Technologien und Fähigkeiten. Auch wenn die Lieferketten geografisch breiter aufgestellt werden, bleiben chinesische Unternehmen über Beteiligungen, Technologie, Verarbeitungskompetenz und langfristige Lieferverträge tief integriert. In diesem Sinne schwächt die Globalisierung Chinas Wettbewerbsvorteil nicht – sie ist vielfach der Mechanismus, über den dieser Vorteil weltweit ausgeweitet wird.


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