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VHV Allgemeine Vorstandssprecher Sebastian Reddemann: „Uns geht es nicht um immer mehr Profitabilität“

Foto: VHV
Dr. Sebastian Reddemann: "Ein gewisses Maß an Bedächtigkeit ist auch Teil des Geschäftsmodells."

Drei Milliarden Euro Bruttobeitrag, eine Combined Ratio deutlich unter dem Marktschnitt und Vertriebspartner, die der VHV trotz Beitragserhöhungen die Stange halten: Dr. Sebastian Reddemann erklärt im Interview mit Cash., wie das Bauspezialgeschäft und die E-Mobilität die Strategie der VHV Allgemeine prägen. Und warum er beim Maklervertrieb auf Vertrauen setzt.

Dr. Reddemann, Sie sind seit 2022 Vorstandssprecher der VHV Allgemeine und verantworten das Kompositgeschäft. 2025 haben Sie erstmals die Marke von drei Milliarden Euro Bruttobeitrag geknackt. Was bedeutet das für Sie persönlich?

Reddemann: Das ist erst mal, in Anführungsstrichen, nur eine Zahl – aber natürlich auch eine ganz schön große. Was ich daran gut finde: Sie spiegelt wider, wie uns unsere Kunden einschätzen. Es geht dabei gar nicht nur ums Geld an sich, denn als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit sind wir anders aufgestellt als börsennotierte Unternehmen. Wir wollen das Geld gut für unsere Mitglieder verwalten. Vor ungefähr acht Jahren haben wir die zwei Milliarden geknackt – wir haben also in dieser recht kurzen Zeit eine Milliarde Euro Beitrag dazugewonnen, das ist schon gewaltig. Gerade bei unseren Vertriebspartnern, die als freie Makler nicht mit uns arbeiten müssen, ist das ein gewisser Vertrauensbeweis.


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Sie sind promovierter Wirtschaftswissenschaftler und haben auch Physik studiert, haben bei der Deutschen Bank gearbeitet, aber nie in der Versicherungswirtschaft arbeiten wollen, wenn ich das richtig gelesen habe. Was hat Sie dann doch überzeugt? Und was begeistert Sie heute noch, nach über zehn Jahren in der VHV?

Reddemann: Ich komme eigentlich aus einer Versicherungsfamilie. Mein Vater hatte eine Agentur, meine Mutter hat dort später im Innendienst gearbeitet und sogar mein Opa hat hier mitgearbeitet. Manche Kindheitserfahrungen haben mich da nicht gerade denken lassen: „Das ist genau mein Job.“ Deshalb hatte ich gesagt: Ich mache auf jeden Fall etwas anderes. Warum bin ich dann doch in der Versicherung gelandet? Ein Headhunter hat mich angesprochen, als ich bei der Deutschen Bank war, mit der Frage, ob ich als Vorstandsassistent arbeiten möchte. Das hatte zunächst gar nicht unbedingt mit Versicherungen zu tun, sondern mit der Aussage: Man lernt kennen, wie ein Unternehmen tickt, wie ein Vorstand agiert. Also habe ich es ausprobiert – und es gibt keinen Tag, an dem ich das bereue. Die Versicherungswirtschaft ist wahrscheinlich eine der breitesten Branchen überhaupt. Jede Berufsausbildung und jedes Studium findet hier einen Platz. Das macht den Job so spannend: An einem Tag spricht man mit einem Juristen über Haftpflicht, am nächsten mit einem Bauingenieur über offene Tunnelbauweise.

Zum Kfz-Geschäft: Das ist 2025 um 15,5 Prozent gewachsen. Und das bei nahezu stabiler Vertragszahl. Der Wachstumstreiber waren also klar Beitragserhöhungen. Sie haben gesagt, Sie wollten den Inflationsanstieg einmal konsequent abarbeiten. Wie haben das Ihre Vertriebspartner mitgetragen?

Reddemann: Das war kein einfacher Schritt. Die gesamte Branche ist 2023 ziemlich in die roten Zahlen gerutscht – durch extreme Preissteigerungen, plus die Schadenfrequenz, die nach Corona schneller zurückkam, als alle erwartet hatten. Wir wollten unseren Kunden und Vertriebspartnern keine Salamitaktik mit in jedem Jahr höheren Anpassungen zumuten. Stattdessen haben wir gesagt: Wir machen die gesamte Altlast plus das, was wir fürs nächste Jahr erwarten. Ab da passen wir nur noch das an, was wir weiterhin beobachten. Diese konsequente, ehrliche Ansprache haben unsere Vertriebspartner verstanden, weil es eine Situation war, in der alle steckten. Wir pflegen eine sehr intensive Beziehung mit unseren Vertriebspartnern – und haben unser Wort gehalten. Von 2025 auf 2026 haben wir dann weniger als die Hälfte angepasst, auf dem Niveau der Ersatzteilpreisinflation. Wie gesagt: Wir sind ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit. Uns geht’s nicht um immer mehr Profitabilität, sondern darum, das Geschäft aufrechtzuerhalten, ohne unseren Kunden Sonderbelastungen aufzubürden.

War diese Glaubwürdigkeit auch der Grund, warum die Stornoquote relativ gering geblieben ist?

Reddemann: Das würde ich nicht als alleinigen Grund nennen. Wann storniert man? Wenn man von einer hohen Beitragsanpassung überrascht wird. Da haben wir geholfen, weil wir dem Vermittler sagen konnten: Das wird kommen – er konnte seine Kunden vorbereiten. Plus: Bei den anderen war es auch so, das Wechseln brachte also gar nicht so viel. In Verbindung mit unserem Versprechen, dass künftig keine weiteren hohen Anpassungen kommen, konnten die Vertriebspartner das ihren Kunden überzeugend vermitteln.

Ihre Combined Ratio liegt, korrigieren Sie mich, wenn es falsch ist, bei 95,9 Prozent. Der Markt dümpelt bei knapp 100 Prozent. Was machen Sie anders als der Wettbewerb?

Reddemann: Dafür spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Zum einen haben wir die Anpassung sehr konsequent gemacht, das hat uns schneller in die richtige Richtung gebracht. Zum anderen sind wir als Haus sehr auf Effizienz aus: Unsere Verwaltungskostenquote in Kraftfahrt liegt unter der von 95 Prozent des Marktes. Da stehen wir sehr gut da. Und jeder Prozentpunkt, den man nicht in Kosten bezahlt, muss nicht über Prämienerhöhungen ausgeglichen werden.

Die Schadeninflation liegt weiterhin bei fünf bis sieben Prozent, also deutlich über der allgemeinen Inflation. Ersatzteile, Stundenverrechnungssätze, Werkstattkosten, das ist teilweise jenseits von gut. Wann rechnen Sie mit einer Entspannung?

Reddemann: Die Zeit, in der die Schadeninflation teilweise im zweistelligen Prozentbereich lag, liegt hinter uns – jetzt geht es noch darum, weitere Steigerungen nachzuziehen. Was machen wir dagegen? Wir versuchen, bei der Verwaltung noch günstiger zu werden, und sind in Werkstattnetzen aktiv, verabreden bestimmte Stundenverrechnungssätze und Ersatzteilpreisaufschläge. Wann ist das insgesamt zu Ende? Schwierig zu spekulieren.

Dann haben Sie noch einiges vor sich. Wie sieht Ihre Preisstrategie in den kommenden zwölf Monaten aus? Bleibt die Profitabilität Priorität, oder gehen Sie in den Wachstumsmodus?

Reddemann: Ich glaube, dass beides für uns in diesem Moment dasselbe ist. Wir haben die Profitabilität erreicht, die wir für das Kollektiv brauchen, um auch mal ein Jahr mit heftigem Hagel zu verkraften. Wir passen nur noch mit der Inflation an.  Daraus wird aus meiner Sicht der eine oder andere Kunde und Vertriebspartner sagen: Bring mich zur VHV.

Im Prinzip sind Sie also jetzt vor der Welle?

Reddemann:  Das war die Idee. Auch wenn die Kommunikation am Anfang, sowohl Richtung Kunden als auch Vertriebspartner, nicht immer leicht war.

Ich würde gerne noch einmal auf die Assistenzsysteme zu sprechen kommen. Sie sollen die Schadensfrequenz reduzieren, verteuern aber die Reparaturen erheblich. Ist das eher eine beunruhigende oder eine beruhigende Aussage für die Kfz-Versicherer?

Reddemann: Erst mal beruhigend. Als Versicherer wollen wir nicht, dass Schäden passieren. Eine niedrigere Frequenz bedeutet im Endeffekt weniger Unfälle mit Personen – nicht nur der zerkratzte Kotflügel, sondern auch Fälle, in denen ein Auto vor einem Fahrradfahrer automatisch anhält. Schade ist nur, dass dadurch die Schadenlast insgesamt nicht gesenkt wird – sonst könnten wir auch die Beiträge zurücknehmen, denn am Ende wollen wir nur das einnehmen, was wir brauchen, um die tatsächlich auftretenden Schäden zu bezahlen.

Stichwort E-Mobilität: Verändert die eigentlich auch Ihr Kfz-Portfolio und die Tarifierung?

Reddemann: Eingeschränkt. Der Anteil in unserem Portfolio wird natürlich größer. Für uns ist das aber erst mal ein Tarifmerkmal: Ob Benzin, Diesel oder Elektro, das sind verschiedene Antriebsarten, die wir ganz normal kalkulieren können. Was man aber sieht: Die Schadenkosten bei E-Autos können je nach Modell durchaus hoch sein. Hinzu kommt die Wartbarkeit – E-Autos sind noch nicht so modular aufgebaut wie Verbrenner. Häufig ist der Akku mitbeschädigt, und ihn auszutauschen ist immer ein größerer Kostenpunkt.

Ich würde gerne noch einen Blick auf die Telematik werfen. Die ist hierzulande ein Randthema. Sie bieten einen Telematiktarif mit zehn Prozent Rabatt an. In Spanien, Italien, Frankreich oder Großbritannien ist die Telematik fast Standard. Warum ist das in Deutschland anders?

Reddemann: Das Thema ist generell beratungsintensiv. Man muss genau verstehen, was mit den eigenen Daten passiert – wer sehen kann, wo ich wann bin. Gerade in Deutschland sind Datenschutzfragen sehr relevant. Dabei können wir das alles gar nicht einsehen: Eine andere Firma ist dazwischengeschaltet, die uns nur Scores weitergibt. Trotzdem ist das ein sehr sensibles Thema. Als großer Kraftfahrtversicherer war es uns wichtig, diese Möglichkeit ins Angebot aufzunehmen.

Machen wir den Sprung zum gewerblichen Geschäft, das mittlerweile 53 Prozent Ihres Geschäftsvolumens ausmacht, mit steigender Tendenz. Die VHV versteht sich als führender Versicherer der Bauwirtschaft. Nun liegt der Wohnungsbau im Moment am Boden, während die Infrastruktur brummt. Wie spüren Sie das in Ihrem Portfolio?

Reddemann: Genau so, wie Sie es beschreiben. Wir haben eine sehr breite Abdeckung des gesamten Baumarkts – wir sind weder auf Hochbau noch auf Tiefbau spezialisiert, sondern versichern alle, die an Bauprojekten beteiligt sind. Das betrifft sowohl den kleinen Hochbaubetrieb, der momentan leidet, als auch das große Tiefbauunternehmen mit aktuell sehr guter Auftragslage. In unserem Gesamtbestand sehen wir weiterhin eine gute Situation, auch wenn die Auftragslagen sehr unterschiedlich sind.

Die gewerblichen Risiken werden nicht nur komplexer, sondern auch schwieriger versicherbar. Cyber drängt, bei Elementarrisiken haben wir die Klimarisiken. Wo ziehen Sie als Vorstand heute Grenzen, und wo sehen Sie künftige Deckungslücken im Markt?

Reddemann: Grenzen sehen wir dort, wo wir sie immer gesehen haben. Werden Risiken zu groß, passen sie nicht mehr zu uns; das übernehmen internationale Industrieversicherer. Bei Elementarschäden beobachten wir eine Entwicklung, die kein Über-Nacht-Phänomen ist, sondern seit Jahren konstant in die Schadenstände einwächst. Unsere Modelle berücksichtigen das. Insofern sehe ich da keine Grenze, an der wir Elementarrisiken künftig nicht mehr versichern würden. Cyber ist aus meiner Sicht ein anderes Thema – eine für uns als Branche noch sehr junge Risikoart. Wir haben noch keine belastbaren Statistiken und wissen nicht genau, wie sich das Schadengeschehen langfristig entwickeln wird. Was mich am meisten umtreibt: Die Kumulsituation bei Cyber unterscheidet sich von allen anderen Sparten. Sonst tritt ein Kumulereignis immer an einem Ort auf – drei Häuser brennen nebeneinander, zwanzig Autos stehen im Hagel. Cyber ist nicht lokal: Früher gab es große Wellen wie Emotet, die die gesamte Welt gleichzeitig getroffen haben. Dann geht der Versicherungsgedanke nicht mehr auf. Deshalb sind wir da sehr zurückhaltend. Unseren Bauunternehmen bieten wir dennoch eine Cyberdeckung an, weil das zum Gesamtversicherungsumfang gehört.

Bleiben wir bei Elementar: Sehen die Firmen die Risiken?

Reddemann: Bei den Firmen, mit denen wir direkt im Austausch sind, bieten wir das immer mit an, weil das signifikante Risiken bergen und eine deutliche Betriebsunterbrechung auslösen kann. Bei der Standortwahl sind Unternehmen mittlerweile versicherungsoptimiert unterwegs: Sie meiden die schlechteste Zerstörungs- oder Starkregenzone. Trotzdem bieten wir die Deckung immer mit an, denn man ist manchmal überrascht, was an einzelnen Standorten passieren kann. Das haben wir leider auch im gewerblichen Bereich im Ahrtal gesehen: Viele Produktionsbetriebe wähnten sich sicher, weil kein Gewässer in der Nähe war. Doch an anderer Stelle gab es ein Starkregenereignis, das Wasser wurde durch eine Schneise kanalisiert, die lange kein Wasser geführt hatte – und plötzlich stand eine Produktionshalle unter Wasser. Das ist ein Präventionsthema, das kein einzelner Versicherungsnehmer und keine einzelne Versicherung lösen kann. So etwas kann nur durch staatliche Prävention bewältigt werden – damit das Risiko überhaupt versicherbar bleibt.

Die VHV setzt stark auf den Maklervertrieb, gleichzeitig ist das Kfz-Geschäft ein klassisches Online- und Direktgeschäft. Wo genau ist der Makler im Kfz-Vertrieb wirklich wertschöpfend?

Reddemann: Richtig ist, dass das Kfz-Geschäft den größten Anteil im Direktkanal hat – das liegt aber trotzdem nur bei 25 bis 30 Prozent. Wenn ich bei einem Makler versichert bin, versichere ich dort auch alles und gehe nicht nur fürs Auto in den Direktvertrieb. Der Makler ist dann wertschöpfend, wenn er dem Kunden ein gutes Gefühl gibt – am Ende bezahlt der Kunde über die Prämie auch für eine gute Beratung.

Auf der Bilanzpressekonferenz haben Sie den Vertriebspartnern ausdrücklich gedankt, dass sie die Beitragserhöhungen bei den Kunden vermittelt haben. Was erwarten Sie konkret von einem guten Makler? Und was enttäuscht Sie im Vertrieb am häufigsten?

Reddemann: Der Vertriebspartner schuldet uns erst mal gar nichts. Wie sollte er uns also enttäuschen können? Der Makler ist dem Kunden verpflichtet und soll ihn bestmöglich beraten. Wir versuchen, ihm dafür möglichst gute Produkte anzubieten. Grundsätzlich gilt: in erster Linie sind wir dem Makler etwas schuldig, nämlich ihm etwas an die Hand zu geben, dass er gut verkaufen kann.

Digitale Vergleichsportale wie Check24 gewinnen weiter Marktanteile. Setzen Sie bewusst auf Differenzierung über Service und Beratungsqualität? Und wie viel persönliche Präsenz braucht es künftig noch?

Reddemann: Genau aus den genannten Gründen halten wir an unserem Produkt- und Servicegedanken fest. Unsere Preisstrategie ändert sich dadurch nicht: Der Preis, den der Makler bekommt, ist derselbe wie direkt auf vhv.de. Alles andere wäre dem Makler gegenüber nicht vertretbar. Sonst würden wir genau das Verhalten unterstützen, dass der Makler berät und der Kunde dann günstiger online kauft. Beratung hat einen Wert. Gerade bei Produkten wie der Unfallversicherung geht es um Existenzen. Dann ist es mehr als nur ärgerlich, wenn man im Ernstfall feststellt, einen Haken übersehen zu haben. Deshalb spielen Präsenz und persönliche Beratung auch künftig eine Rolle.

Bei der VHV läuft es gut: Beitragsrekord, starke Combined Ratio, gute Ratings. Was sind Ihre größten Sorgen für die kommenden drei Jahre? Was könnte den Kurs der VHV gefährden?

Reddemann: Ja, es läuft gut. Selbst in dem Jahr, in dem wir im Kfz-Geschäft in die roten Zahlen gerutscht sind, hat uns das nicht von unserem eigentlichen Kurs abgebracht. Wir sind gut aufgestellt und beobachten sehr wachsam, was passiert, um es möglichst früh zu antizipieren. Damit unser Kurs in den nächsten drei Jahren gefährdet wird, müsste schon sehr viel passieren. Die üblichen Veränderungen, auch wenn sie manchmal rasant wirken, berücksichtigen wir angemessen in unserem Handeln – ohne Aktionismus, ohne Aufgeregtheit.

Abschließende Frage: Wenn Sie morgen etwas an der Versicherungsbranche ändern dürften – was wäre das?

Reddemann: Nach meinem Eingangsstatement, dass ich eigentlich nie in dieser Branche arbeiten wollte, würde ich mittlerweile sagen: eigentlich nicht viel. Was der Versicherungsbranche immer wieder vorgeworfen wird, ist eine gewisse Trägheit. Aber das ist vielleicht nur der Blick von außen, und ein gewisses Maß an Bedächtigkeit ist auch Teil des Geschäftsmodells. Die VHV existiert seit über hundert Jahren. Das zeigt aus meiner Sicht: Besonnenes Agieren führt zu langfristigem Erfolg.


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