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Rene Schoenauer, Guidewire: „Wer noch ein Altsystem betreibt, wird irgendwann nicht mehr mithalten können“

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Foto: Guidewire
René Schoenauer: "Gerade junge Menschen wenden sich wieder vermehrt an Vermittler."

56 Prozent der Deutschen sind offen für KI beim Ausfüllen von Versicherungsanträgen. Doch in den Backoffices der Versicherer klaffen noch immer große Lücken: Altsysteme, Medienbrüche, fehlendes Change Management. René Schoenauer von Guidewire spricht im Cash. Interview über den Stand der Digitalisierung, den wachsenden Fachkräftemangel und die Frage, wer als Versicherer den Anschluss verliert.

Ihre aktuelle Verbraucherstudie zeigt, dass 56 Prozent der Deutschen offen sind, KI beim Ausfüllen von Anträgen einzusetzen. In Frankreich sieht das offenbar anders aus. Woran liegt dieser Vorsprung – zumal wir beim Datenschutz hierzulande eher restriktiv sind?

Schoenauer: Das ist eine gute Frage, die mir in der Studie ebenfalls aufgefallen ist. Wir haben ja zwei verschiedene Aspekte abgefragt: einmal KI als Assistent – etwa beim Ausfüllen von Formularen – und einmal KI als Entscheider, also bei Prämien- oder Schadenfragen. Bei Letzterem war die Skepsis erwartungsgemäß etwas höher. Beim Assistenzthema vermute ich, dass wir Deutsche schlicht pragmatisch sind. Wenn uns jemand bei einem komplexen Thema wie Versicherung hilft, nehmen wir das gerne an – zumal man die Kontrolle ja behält. Was vorausgefüllt wird, schaut man sich noch einmal an und korrigiert es gegebenenfalls. So arbeite ich selbst mit KI: intensiv, aber nie blind. Das wäre fatal. Frankreich ist nach meiner Wahrnehmung insgesamt skeptischer. Was mich dagegen wirklich überrascht hat, ist Großbritannien – dort ist das Versicherungswesen ja deutlich digitaler aufgestellt, und dennoch war die Offenheit geringer als in Deutschland.

Gleichzeitig zeigt dieselbe Studie, dass der Anteil der KI-Skeptiker auf 24 Prozent gestiegen ist. Wir sehen also parallel wachsende Akzeptanz und wachsendes Misstrauen. Wie erklären Sie dieses scheinbare Paradox?

Schoenauer: Ich würde das das Phänomen der schrumpfenden Mitte nennen. Der Informationsstand in der Bevölkerung wächst rasant. Ich selbst habe in den vergangenen zwölf Monaten enorm viel über KI gelernt – beruflich arbeite ich mit Gemini und verschiedenen Google-Tools, privat nutze ich OpenAI und inzwischen auch Claude. Ich habe sogar einen Mac Mini auf dem Schreibtisch stehen, um zu experimentieren. Dabei bin ich ursprünglich Versicherungsmathematiker und habe jetzt – mit Claude Code und natürlicher Sprache – nach Jahren wieder angefangen zu programmieren. Und genau das passiert auch in der Gesellschaft: Je mehr Menschen KI kennenlernen, desto klarer positionieren sie sich – entweder als Befürworter oder als Skeptiker. Die Mitte, also die Unentschiedenen, wird kleiner. Die Entwicklung geht zudem so schnell voran, dass man wirklich am Ball bleiben muss. Wie man KI am Ende nutzt – ob man alles unkritisch übernimmt oder es als Effizienzwerkzeug begreift –, das muss jeder für sich selbst entscheiden.


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Laut Ihrer Studie möchten 40 Prozent der Deutschen die Möglichkeit haben, eine KI-Entscheidung an einen Menschen weiterzureichen. Bilden die Versicherer diesen Wunsch in ihren Prozessen bereits ab, oder bleibt das weitgehend Theorie?

Schoenauer: Das Bild ist gemischt. Man muss zunächst unterscheiden: KI gibt es in der Versicherungsbranche schon sehr lange – Predictive Modeling, Machine Learning. Das nutzen viele Häuser bereits recht gut. Generative KI ist der nächste Schritt, und dort befinden sich die meisten Versicherer noch in der Pilotphase. Einige haben aber schon sehr überzeugende Lösungen umgesetzt – ganze Vertriebs- oder Underwriting-Strecken mit echter KI-Unterstützung, ohne vollständige Automatisierung. Zwei strukturelle Hemmnisse bleiben jedoch: Erstens haben wir in Deutschland nach wie vor sehr viele Altsysteme. Flächendeckende KI-Nutzung braucht offene, API-basierte Architekturen. Zweitens werden KI-Erkenntnisse oft nicht in die eigentlichen Kernprozesse eingebettet. Die Ergebnisse aus dem KI-Tool landen nicht automatisch im Bestandsführungs- oder Schadenmanagementsystem – es bleiben Medienbrüche. KI wirklich ganzheitlich in die Prozesse zu integrieren und die Mitarbeiter entsprechend zu befähigen: Das ist, glaube ich, der entscheidende Schritt, der noch zu oft unterschätzt wird.

Liegt das auch an den gewachsenen Strukturen der Versicherer? Die Organisationen sind über Jahrzehnte in Sparten und Hierarchien gewachsen. Müsste man diese Strukturen eigentlich aufbrechen?

Schoenauer: Das ist sicherlich ein Faktor. Viele Versicherer haben Fusionen erlebt, Systeme wurden zusammengeführt, neue Schichten obendraufgelegt – ein Pflaster hier, eine Workflow-Lösung dort. Der Modernisierungsdruck wurde dabei oft unterschätzt oder schlicht verdrängt. Jetzt aber, bei der flächendeckenden KI-Nutzung, wird die Interoperabilität zwischen diesen gewachsenen Systemlandschaften zur entscheidenden Frage. Das ist eine der größten Hemmschwellen, die wir gerade sehen.

Die Systeme auszutauschen kostet viel Geld und Know-how. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jedes Haus das dauerhaft stemmen kann.

Schoenauer: Die Kostenfrage ist absolut berechtigt, aber ich finde es kurzsichtig, nur auf die reinen Betriebskosten zu schauen. Eine echte Transformation ist viel mehr als ein Systemtausch. Ich muss mein Unternehmen, meine Prozesse, meine gesamte Organisation neu denken. Wer nur die technische Basis austauscht, wird scheitern. Und es gibt so viele andere Faktoren: die Fähigkeit, weiter zu innovieren. Relevant zu bleiben am Markt. Time to Market. Das alles gehört in den Wertschöpfungs-Case. Wer den großen Schritt nicht auf einmal gehen kann, muss in kleinen Schritten anfangen – aber aufhören mit der Modernisierung ist keine Option mehr. Die Frage ist dann: Wo fange ich an? Beim Leben? Kranken? Sach? Wo brennt es am meisten? Beim Time to Market, bei der Underwriting-Präzision, bei schlechten Risiken im Portfolio? Das muss jedes Haus strategisch für sich entscheiden.

Im Versicherungsmarkt brennt es gerade an allen Ecken gleichzeitig: Altersvorsorge im Leben-Bereich, Gesundheitsreform im Kranken, Klimarisiken und Underwriting im Sach. Kann man da überhaupt noch priorisieren?

Schoenauer: Das stimmt. Und deshalb muss priorisiert werden, auch wenn es schwerfällt. Kapazitäten und Mittel sind endlich. Man kann nicht alles auf einmal machen. Aber dass modernisiert werden muss, da sind wir uns einig.

Wer sind die Leuchttürme?

Schoenauer: Es gibt in Deutschland die typischen Leuchttürme, einige davon noch auf Eigenentwicklung – was bislang funktioniert, wenngleich ich bezweifle, dass das auf Dauer trägt. Aus unserem Kundenkreis heraus spreche ich gern über die Zürich und die VHV. Beide profitieren klar. Transformationen sind kein einfaches Unterfangen      – das tut auch weh, da gibt es Momente, in denen man mit dem Anbieter, also mit uns, nicht einer Meinung ist. Aber wir sind dem Kundenerfolg verpflichtet, und am Ende haben wir immer die beste Lösung gefunden. Es war nicht immer Honeymoon – aber jetzt sagen unsere deutschen Kunden klar: Es hat sich gelohnt. Es war stellenweise schmerzhaft, aber wir haben jetzt den Vorsprung. Gerade im Software-as-a-Service-Modell, für das sich immer mehr entscheiden, haben sie den Vorteil, technologisch immer auf dem neuesten Stand gehalten zu werden.

Die Unzufriedenheit mit Schadenregulierung und Preisgestaltung hat sich laut Ihrer Studie von neun auf über 20 Prozent mehr als verdoppelt. Was sind die Haupttreiber?

Schoenauer: Die Befragungsmethodik haben wir nicht verändert, also ist der Anstieg real. Er passt auch zu dem, was die BaFin in ihrem jährlichen Bericht dokumentiert – die Kundenbeschwerden im Bereich Versicherung haben sich zuletzt um etwa ein Drittel erhöht, leider auf einem ohnehin schon hohen Niveau. Die beiden Hauptkritikpunkte waren Bearbeitungszeiten und Regulierungshöhe – also wie lange es dauert, bis ein Schaden reguliert wird, und was am Ende ausgezahlt wird. Die BaFin hat zudem, ohne Namen zu nennen, auf einen Sondereffekt hingewiesen, der für einen erheblichen Teil des Anstiegs verantwortlich war: ein Versicherer, der sein Geschäft eingestellt hat und dadurch eine große Zahl offener Schäden und beendeter Verträge hinterlassen hat. Das war ein Einmaleffekt. Es gibt aber noch einen strukturellen Faktor: Fachkräftemangel. Wenn ich heute irgendwo anrufe – ich habe das kürzlich selbst bei meinem Energieversorger erlebt –, sind die Wartezeiten zum Teil kaum zumutbar. Das spiegelt sich auch im Versicherungskundenservice wider. Wer weiterhin nur auf Menschen setzt und nicht auf Technologie und KI, wird in Situationen kommen, in denen lange Wartezeiten zur Regel werden – und das führt zu Unzufriedenheit.

Welche Studienergebnisse haben Sie persönlich überrascht?

Schoenauer: Zwei Themen möchte ich nennen. Das erste ist die Rolle des Vermittlers. Wir hatten das schon im Vorjahr festgestellt, und es hat sich bestätigt: Gerade junge Menschen wenden sich wieder vermehrt an Vermittler – als Berater, als Risikopartner. Das liegt, glaube ich, daran, dass die Auseinandersetzung mit Versicherungsthemen schlicht nicht in deren Interessensbereich fällt. Das ist eine echte Chance – aber vielleicht in einer anderen Rolle als bisher. Nicht mehr nur: „Hier ist deine Deckungslücke, dazu biete ich dir drei Policen an.“ Sondern wirklich als Lebensrisikopartner. Technologie kann dabei enorm helfen. Und das passt zu dem, was wir auch in Gesprächen beobachten: Viele informieren sich zunächst selbst, nutzen dabei zunehmend KI – aber am Ende wollen sie jemanden, der ihre Entscheidung prüft und bestätigt oder korrigiert.

Das zweite Thema ist Klimarisiken. Wir haben nach der Besorgnis über Naturkatastrophen gefragt und im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang festgestellt. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass das vergangene Jahr keine spektakulären Naturkatastrophen zu bieten hatte wie das Jahr davor. Es zeigt sich: Die Besorgnis bewegt sich situativ. Wenn große Schäden passieren, ist das Thema präsent; wenn nicht, rückt es in den Hintergrund. Das finde ich ehrlich gesagt bedenklich. Nehmen Sie die Elementarschadenversicherung oder die Klimarisiken: Das sind Themen, mit denen wir uns als Gesellschaft dauerhaft auseinandersetzen müssen, unabhängig davon, ob gerade ein Extremereignis stattgefunden hat.

Zum Klimathema eine Ergänzung: Hier in Schleswig-Holstein gibt es laut einer aktuellen Meldung 95 Baugebiete in Überschwemmungszonen an Nord- und Ostsee. Das illustriert das Spannungsfeld ganz gut.

Schoenauer: Ja – und es weist auf ein ernstes strukturelles Problem hin: Unversicherbarkeit. In den USA, etwa in Teilen Kaliforniens, gibt es bereits Gebiete, die rein mathematisch nicht mehr versicherbar sind. Wir nähern uns ähnlichen Situationen. Das erfordert neue Denkansätze: andere Kapitalmodelle, andere Deckungskonzepte, Mischformen aus parametrischer und klassischer Versicherung. Da muss sehr viel Gehirnschmalz investiert werden. Und hier kann KI tatsächlich sehr viel leisten: große Datenmengen analysieren, Muster erkennen, Wetterphänomene besser vorhersagen – vielleicht nicht immer mit hundertprozentiger Treffsicherheit, aber mit 70 oder 80 Prozent in vielen Fällen. Selbst frühzeitigere Warnmeldungen – nehmen Sie das Ahrtal, wo es durchaus Anzeichen gab – wären schon ein enormer Fortschritt. Und darüber hinaus: proaktive Schadenbearbeitung. Wenn ich technologisch weiß, dass ich 800 Verträge in einem betroffenen Gebiet habe, kenne ich die Wasserstände, kann die Schadengrößenordnung abschätzen und überweise erst einmal Geld, damit die Menschen handlungsfähig bleiben und kümmere mich dann um die Regulierung im Detail.

Kann KI auch bei der Entwicklung parametrischer Modelle helfen, die in der Kalkulation ja doch komplexer sind.

Schoenauer: Auf jeden Fall. KI kann große Datenmengen anders erschließen als klassische Methoden – Muster erkennen, Szenarien modellieren. Das Wetter wird immer ein Unsicherheitsfaktor bleiben, aber auch hier wird KI zunehmend präzisere Vorhersagen ermöglichen. Ich sehe da enorme Möglichkeiten.

Sie haben 2024 gesagt, dass über 40 Prozent der Versicherer noch mit Inhouse-Systemen und veralteten Kernsystemen arbeiten. Gilt das noch?

Schoenauer: Ja, die Zahl gilt noch – zumindest für die Sachversicherung, über die wir bei Guidewire primär sprechen. Wir analysieren intern, wie viel Prozent der Bruttoprämien über welche Systeme abgewickelt werden. Das Ergebnis: Immer noch mehr als 40 Prozent laufen über veraltete oder Legacy-Systeme.      Aber selbst wer vor zwanzig Jahren modernisiert hat, sitzt heute nicht mehr auf einem aktuellen System – die technologischen Anforderungen haben sich fundamental verändert.

Woran liegt es, dass so viele Häuser an ihren Eigenentwicklungen festhalten?

Schoenauer: Es ist ein Mix. Es gibt Häuser, die traditionell auf Eigenentwicklung setzen und bislang funktioniert das auch recht gut, technologisch sind sie nach außen modern aufgestellt. Ich bin aber überzeugt, dass auch dort irgendwann eine Grenze erreicht wird.

Dann gibt es die Komplexitätsfälle: gewachsene Systemlandschaften aus Fusionen. Ich habe mit einem Kunden gesprochen, der über 200 Bestandssysteme geerbt hatte – für jede Sparte irgendwann ein eigenes. Das ist eine Komplexität, bei der man leicht den Überblick verliert, wo man überhaupt anfangen soll. Und dann gibt es noch einen Irrglauben, der sich hartnäckig hält: dass Standardsoftware Flexibilität kostet und die Möglichkeit nimmt, sich vom Wettbewerb zu differenzieren. Das ist schlicht falsch. Ich nutze Synergien einer großen Community, ich profitiere von kontinuierlicher Weiterentwicklung – und differenziere mich trotzdem: durch meine Produktgestaltung, meine Underwriting-Regeln, meine Schadenregeln. Das alles bleibt individuell. Im Gegenteil: Ich kann es oft sogar schneller umsetzen als mit einer Eigenentwicklung. Standard bedeutet nicht Uniformität – das Gegenteil ist der Fall.

Könnte der demografische Wandel diesen Wechsel hin zu Standardsoftware noch beschleunigen? In den nächsten Jahren verlässt ja eine erhebliche Zahl von Fachkräften die Branche.

Schoenauer: Ich glaube schon. Junge Talente – gerade im Technologiebereich – erwarten schlicht einen modernen Technologiestack, wenn sie sich für einen Arbeitgeber entscheiden. Und interessanterweise haben wir in unserer Studie im vergangenen Jahr festgestellt, dass junge Menschen Versicherung durchaus als innovativ wahrnehmen. Das mag daran liegen, dass sie mit modernen Versicherern in Berührung gekommen sind, oder einfach daran, dass sie das Potenzial sehen: Es passiert gerade so viel in dieser Branche. Das ist für viele attraktiv.

Auch wenn ein Versicherer sich zur Modernisierung entschieden hat: Woran scheitern oder verzögern sich solche Projekte in der Praxis am häufigsten?

Schoenauer: In vielen Fällen wird die ganzheitliche Transformation unterschätzt. Man fokussiert sich auf den Technologiewechsel – aber bindet den Rest des Unternehmens nicht ein. Das ist ein klassischer Fehler. Ein weiteres Thema ist das interne Change Management. Ich habe als Berater selbst bei einem Versicherer in Köln erlebt, wie Mitarbeiter durch ihre Mainframe-Systeme regelrecht gerast sind. Die kannten alle Abkürzungen auswendig, und sausten blitzschnell durch die Oberflächen. Das war beeindruckend. Aber wenn ich diese Menschen plötzlich auf eine webbasierte Benutzeroberfläche setze, ist das ein Riesenparadigmenwechsel. Die Vorteile liegen langfristig auf der Hand, aber ich muss die Belegschaft frühzeitig mitnehmen: erklären, warum die Transformation nötig ist, wie die neue Welt aussieht, und früh trainieren. Wer nur das Kernsystem tauscht und den Rest als unveränderlich betrachtet, wird scheitern.

Beobachten Sie einen Unterschied zwischen großen Konzernen und mittelständischen Versicherern beim Modernisierungstempo?

Schoenauer: Man könnte das erwarten, aber die Praxis zeigt: Es gibt schnelle Modernisierer in beiden Lagern. Wir haben große Häuser in unserem Portfolio, die sehr zügig vorgehen, und wir haben international mittelständische Versicherer, die sich genauso agil zeigen. Technologie wirkt als Beschleuniger für alle. Wir haben einen      Greenfield-Versicherer      in 58 Tagen an den Markt gebracht, allerdings ohne Bestandsmigration. Das ist natürlich ein Sonderfall. Aber grundsätzlich: Größe allein entscheidet nicht über das Modernisierungstempo.

Zur Regulatorik: Deutsche Versicherer müssen zwischen gewachsenen, teils veralteten IT-Systemen und strengen Vorgaben wie dem EU AI Act navigieren. Ist das derzeit eher ein Compliance-Risiko?

Schoenauer: Ein Compliance-Risiko ist definitiv da, aber weniger durch den EU AI Act direkt als durch DORA. Alte Systeme sind anfälliger, Resilienz- und Security-Anforderungen, Datenschutz und Data Breaches: Das alles ist bei Legacy-Systemen ein echtes Risiko. Die BaFin bezieht das in ihre Gesamtbewertung ein, und es ist bekannt, dass einzelne Häuser deswegen bereits Risikokapitalaufschläge leisten mussten.

Zurück zu den Vermittlern: Die Studie zeigt, dass persönliche Gespräche im Schadenfall gegenüber dem Vorjahr deutlich an Bedeutung gewonnen haben – von 23 auf 33 Prozent, sogar vor mobilen Apps. Ist das ein Rückschritt für die Digitalisierung oder ein gesundes Korrektiv?

Schoenauer: In meinen Augen kein Rückschritt, sondern eher eine Bestätigung. Digitalisierung bedeutet ja nicht, den Menschen zu ersetzen. Der Bedarf nach dem persönlichen Gespräch ist gewachsen, vielleicht auch, weil sich die Kundschaft verändert hat. Junge Menschen wollen wieder mit jemandem sprechen über Versicherung. Und dabei ist Digitalisierung weiterhin zentral. Es geht aber darum sie richtig zu verstehen. Digitalisierung heißt nicht, ein Portal zu haben, aus dem Informationen dann manuell ins Bestandssystem übertragen werden müssen. Digitalisierung heißt Interoperabilität und Omni-Kanal: Der Kunde wechselt nahtlos zwischen digital und persönlich, und der Berater weiß im Gespräch sofort, wo der Kunde gerade steht und wo er aufgehört hat. Der Kunde gibt die Kommunikation vor: ob über App, Chat, Telefon oder persönlich. Und meine Aufgabe als Versicherer ist es, sicherzustellen, dass es dabei keine Medienbrüche gibt.

Wie verbreitet sind diese Medienbrüche?

Schoenauer: Auch hier: geteiltes Bild. Wer modernisiert und die Transformation ganzheitlich angegangen hat, hat enorme Fortschritte gemacht. Wer noch auf Altsystemen sitzt, hat noch viele manuelle Schritte, Dateneingaben und Systemsprünge im Alltag. Das ist leider noch kein Ausnahmefall.

Eine aktuelle Studie deutete darauf hin, dass Versicherer ihre Vermittler beim Thema KI und Digitalisierung eher allein lassen und dass sich viele Vermittler nicht ausreichend unterstützt fühlen. Sehen Sie das als Problem?

Schoenauer: Wenn das so ist, ist es zweifellos ein Problem. Das Vermittlerfeld ist allerdings sehr heterogen. Eigene Vermittler des Versicherers sind in der Regel schneller an neue Technologie angebunden, weil ein Versicherer seine Modernisierung auch in einer gewissen Reihenfolge angehen muss: erst die eigenen Kernprozesse, dann die Vertriebskanäle. Bei unabhängigen Vermittlern oder Pools, die über standardisierte Schnittstellen angebunden sind und selbst veraltete Systemlandschaften nutzen, hat der Versicherer weniger Zugriff. Und ich habe in einem Gastbeitrag für Cash. gefordert, dass Versicherer KI-Akzeptanz proaktiv fördern. Dazu stehe ich. Aber die Verantwortung ausschließlich beim Versicherer zu verorten, wäre zu kurz gegriffen. Auch auf Vermittlerseite braucht es Eigeninitiative – die Bereitschaft, sich mit neuen Tools auseinanderzusetzen, unabhängig davon, was der Versicherer gerade tut.

Laut GDV sind 37,6 Prozent der Beschäftigten über 50, rund 30 Prozent der Innendienstler werden in den nächsten Jahren in Rente gehen: Und im Vertrieb hat nur ein Drittel der älteren Makler die Nachfolge geregelt. Wie stark treibt dieser Personalengpass die Digitalisierungsentscheidung?

Schoenauer: Es ist einer der wichtigsten Faktoren. Wir haben über drei Treiber gesprochen: Kostendruck, technologische Wettbewerbsfähigkeit und Fachkräftemangel. Alle drei greifen ineinander. Der Personalabbau führt zu wachsenden Backlogs, zu längeren Bearbeitungszeiten, zu mehr Unzufriedenheit – das hatten wir ja bei der Schadenstudie. Und die Konsequenz ist, dass Versicherer zunehmend darüber nachdenken müssen, wie sie sinkende personelle Kapazitäten durch technologische Produktivität ausgleichen können. Das ist ein wichtiger, wenn nicht sogar zwingender Grund für Digitalisierungsinvestitionen.

Pressiert das mehr als der Kostendruck oder der Wettbewerb?

Schoenauer: Ich würde alle drei gleichberechtigt sehen. Die Dringlichkeit des Fachkräftemangels wird aber zunehmen. Das ist demografisch absehbar. Bislang höre ich es eher als begleitendes Argument, nicht als zentrales Hauptmotiv. Aber das wird sich ändern.

Sie plädieren für ein KI-gestütztes Wissensmanagement. Im Underwriting und in der Schadenbearbeitung geht ja gerade viel Erfahrungswissen in den Ruhestand, das nie digitalisiert wurde. Wie wichtig ist es, dieses Wissen jetzt zu sichern? Und wo stößt die Technologie dabei an ihre Grenzen?

Schoenauer: Generative KI bietet hier ganz neue Möglichkeiten. Sie kann große Mengen unstrukturierter Daten sehr schnell analysieren und dem Sachbearbeiter gezielt aufbereiten. Wir haben etwa Lösungen, bei denen Mitarbeiter zu Versicherungsbedingungen in natürlicher Sprache Fragen stellen und direkt die relevante Antwort aus den Vertragsbedingungen bekommen – statt seitenweise Dokumente zu durchsuchen. Auch für das Prozesswissen gibt es technologische Ansätze: Ich war vor meiner Zeit bei Guidewire für ein Unternehmen im Bereich Process Mining tätig. KI kann Muster in Systemnutzungsdaten erkennen: Wie läuft ein idealer Prozess ab? Welche Wege finden erfahrene Mitarbeiter durch das System? Und sie kann dieses Wissen formalisieren. Generative KI macht das noch zugänglicher, weil sie unstrukturierte Informationen ohne spezialisierte Abfragesprachen erschließen kann. Technologie ist hier ein echter Beschleuniger.

Zum Abschluss: Was kommt in den nächsten zwei, drei Jahren noch auf die Branche zu – bei KI und Digitalisierung?

Schoenauer: Fangen wir mit der Voraussetzung an: Wer noch ein Altsystem betreibt, wird irgendwann nicht mehr mithalten können. Die technologische Basis muss offen und API-basiert sein. Für uns als Guidewire heißt das: Software-as-a-Service, damit wir unseren Kunden dauerhaft aktuelle Technologie bereitstellen können – ohne dass sie alle fünf Jahre wieder neu über Modernisierung nachdenken müssen. Was kommt inhaltlich? Im Underwriting – gerade im gewerblichen Bereich – sehen wir sehr stark geführte, KI-unterstützte Prozesse: Hochvolumige Informationen werden schnell zusammengefasst, Risiken eingeordnet, Empfehlungen generiert, Kommunikation vorgefertigt. Das beschleunigt Entscheidungsprozesse erheblich. Im Bereich Preisfindung und Tarifierung wird KI Risiken präziser beurteilen lassen, die Balance zwischen Kapital und Risiko schärfen. Im Schadenmanagement: next best action, automatisierte Kommunikation, Mitarbeiter entlastet für das, was wirklich zählt – Empathie, persönliche Betreuung, die menschliche Seite des Schadengesprächs.

Und mein Steckenpferd: Prävention. Wetterereignisse besser vorhersagen, proaktiv warnen, Schadenbegehungen per Drohne, parametrische Trigger für automatische Sofortzahlungen. Die Möglichkeiten sind real, sie sind umsetzbar – und sie können dazu beitragen, dass Versicherung endlich das wird, was sie sein könnte: ein aktiver Risikopartner im Leben der Menschen, nicht nur ein passives Produkt.


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