Der Wahlausgang in Sachsen-Anhalt ist deutlich: Mit 43,8 Prozent ist die AfD stärkste Kraft geworden und hat ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppelt. Die CDU folgt mit großem Abstand bei 17,2 Prozent. Unabhängig davon, wie die Regierungsbildung nun ausgeht, ist das Ergebnis weit mehr als ein landespolitisches Ereignis. Für die deutsche Wirtschaft stellt sich eine Frage, die in der politischen Debatte bislang zu wenig Beachtung findet: Welche Auswirkungen hat eine zunehmende Abschottungs- und Abgrenzungsrhetorik auf ein Land, das in den kommenden Jahren dringend auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen sein wird?
Deutschland verliert Millionen Arbeitskräfte
Die demografische Entwicklung ist eindeutig: Bis 2040 werden rund 13,3 Millionen heutige Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter überschritten haben. Jüngere Jahrgänge können diese Lücke nicht vollständig schließen. Für Unternehmen verschärft sich damit der Wettbewerb um Arbeitskräfte – in IT, Pflege, Handwerk, Logistik und vielen weiteren Branchen. Ausländische Beschäftigte leisten bereits heute einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Ohne Zuwanderung würde das Erwerbspersonenpotenzial langfristig deutlich sinken. Diese Realität lässt sich nicht wegwählen.
Politische Stimmung wird zum Standortfaktor
International gefragte Fachkräfte entscheiden nicht nur nach Gehalt und Karrierechancen, sondern auch danach, ob sie und ihre Familien sich willkommen fühlen. Deutschland konkurriert mit anderen Industrieländern um dieselben Menschen. Entsteht hierzulande der Eindruck, ausländische Arbeitskräfte seien unerwünscht, wird das zum wirtschaftlichen Risiko.
Das bedeutet nicht, Probleme bei Migration und Integration auszublenden. Ein funktionierender Arbeitsmarkt braucht klare Regeln. Wer dauerhaft in Deutschland leben und arbeiten möchte, sollte die Sprache lernen und sich integrieren. Gleichzeitig muss Deutschland deutlich machen: Wer hier arbeiten, Verantwortung übernehmen und Teil der Gesellschaft werden will, ist willkommen.

Christian Conrad
Die Wirtschaft kann nicht auf die Politik warten
Unternehmen haben selbst erheblichen Einfluss darauf, wie gut internationale Beschäftigte integriert werden. Entscheidend ist, ob sie beim Einstieg unterstützt werden, Zugang zu Sprachförderung erhalten, im Team ankommen und die gleichen Entwicklungschancen haben. Das sind keine Fragen politischer Korrektheit, sondern der Mitarbeiterbindung. Wer eine Fachkraft aus dem Ausland rekrutiert und sie nach kurzer Zeit wegen mangelnder Integration wieder verliert, hat kein Recruitingproblem gelöst, sondern lediglich verschoben.
Das Wahlergebnis zeigt auch ein Vertrauensproblem
Der Erfolg der AfD sollte gleichzeitig nicht nur über Migration erklärt werden. Ein Wahlergebnis dieser Größenordnung zeigt, dass sehr viele Menschen mit der bisherigen Politik unzufrieden sind und sich von etablierten Institutionen nicht ausreichend vertreten oder gehört fühlen.
Auch hier gibt es eine bemerkenswerte Parallele zur Unternehmenswelt. Menschen, die über längere Zeit das Gefühl haben, ihre Sorgen würden nicht wahrgenommen, ziehen sich zurück oder suchen Alternativen. Mehr Kommunikation allein reicht dann nicht. Entscheidend ist echtes Zuhören und anschließend sichtbares Handeln. Für Führungskräfte ist das eine wichtige Lektion: Vertrauen geht selten plötzlich verloren. Es erodiert über Jahre. Wer erst zuhört, wenn die Unzufriedenheit eskaliert, reagiert häufig zu spät.
Abschottung löst den Fachkräftemangel nicht
Der Wahlsieg der AfD verändert die demografischen Zahlen nicht. Auch nach dem 6. September fehlen Deutschland in Zukunft Millionen Arbeitskräfte. Unternehmen müssen produzieren, Menschen pflegen, Software entwickeln, Häuser bauen, Waren transportieren und Dienstleistungen erbringen. Deshalb führt wirtschaftlich kein Weg an einer nüchternen Doppelstrategie vorbei: Deutschland muss das vorhandene Arbeitskräftepotenzial besser nutzen und gleichzeitig qualifizierte Zuwanderung ermöglichen. Dazu gehören höhere Erwerbsbeteiligung, bessere Weiterbildung und Integration ebenso wie attraktive Bedingungen für internationale Fachkräfte.
Die entscheidende Frage nach dieser Wahl lautet deshalb nicht nur, welche Regierung Sachsen-Anhalt künftig bekommt. Für die Wirtschaft lautet sie: Wie bleibt Deutschland ein Land, in dem Menschen aus aller Welt arbeiten und leben wollen? Denn der Fachkräftemangel interessiert sich nicht für Wahlergebnisse. Und Wohlstand lässt sich auf Dauer nur sichern, wenn ausreichend Menschen da sind, die ihn erwirtschaften.
Autor Christian Conrad ist Organisationsentwickler, Führungskräfte-Coach und Autor aus Bremen. Vor seiner Tätigkeit als Berater war er unter anderem als Marketing Director tätig und bringt damit langjährige Erfahrung aus unternehmerischer Führung, Markenentwicklung und strategischer Kommunikation mit. Mit seiner Beratung Magnetic Culture begleitet er mittelständische Unternehmen mit 150 bis 1.000 Beschäftigten bei Mitarbeiterbindung, Führungskräfteentwicklung und Kulturwandel. Sein EngagementBooster-Programm verbindet eNPS-Messung mit dem systematischen Aufbau wirksamer Führungsgewohnheiten. Zu seinen Kunden zählen unter anderem die Energiekontor AG und die AOK Rheinland/Hamburg. Aktuell schreibt er an einem Buch über KI und Mitarbeiterengagement. www.christianconrad.org













