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Warum Finanzberater im Kino meist schlecht wegkommen

Casino Royale
Foto: picture alliance / COLLECTION CHRISTOPHEL | Columbia Pictures
Mads Mikkelsen (rechts) im James-Bond-Film "Casino Royale"

Finanzberater gelten im Kino oft als skrupellose Profiteure. Filme prägen dieses Bild seit Jahrzehnten – doch es greift zu kurz. Branchenvertreter fordern eine realistischere Darstellung ihres Berufsalltags. Warum hält sich das Klischee so hartnäckig?

Steven Obanno, ein hoher Offizier der ugandischen Lord’s Resistance Army, will ganz genau wissen, wem er da sein Geld anvertraut. „Glauben Sie an Gott, Mr. Le Chiffre?“, fragt er. „Nein“, antwortet dieser, „ich glaube vielmehr an eine vernünftige Verzinsung.“ Das scheint Obanno zu imponieren, Le Chiffre darf sein Geld – immerhin über 100 Millionen US-Dollar – investieren. Doch er warnt den Banker, der mit Vorliebe für Terroristen arbeitet: „Ich will kein Risiko im Portfolio.“ Eine Warnung, die Le Chiffre ignorieren wird – obwohl er eben noch betont hat, dass er über die Jahre schon für viele Freiheitskämpfer verlässliche Bankdienstleistungen erbracht habe.

Le Chiffre setzt mit Obannos Geld auf den Kursverlust der Fluggesellschaft Skyfleet. Er wettet darauf, dass die Aktie abstürzt, sobald der Prototyp eines neuen Riesenflugzeugs durch von ihm angeheuerte Attentäter zerstört wird. Doch dank des Eingreifens eines britischen Geheimagenten namens James Bond bleibt das Flugzeug unbeschädigt, der Aktienkurs von Skyfleet steigt. Le Chiffre verliert dadurch Obannos gesamte Einlage. Um das Geld zurückzugewinnen, sieht er sich gezwungen, an einem hochdotierten Pokerturnier im Casino Royale in Montenegro teilzunehmen. Doch Bond und auch Obanno sind ihm bereits auf der Spur. Und so endet Le Chiffre wenig später – wie sollte es anders sein – mit einer Kugel im Kopf.

Der gottlose, kriminelle Anlageberater Le Chiffre aus dem James-Bond-Film „Casino Royale“ (2006), dargestellt von Mads Mikkelsen, ist nur einer von vielen Unsympathen, die diesen Berufsstand in Hollywood-Produktionen repräsentieren. Finanzberater werden in Spielfilmen meist negativ dargestellt, zumindest aber ambivalent. Offenbar betrachten viele Drehbuchautoren und Regisseure sie als perfekte Projektionsfläche für Gier, Betrug und sonstige moralische Abgründe. Neben Le Chiffre gibt es viele weitere Beispiele von Beratern, Bankern und Tradern, die als skrupellose und korrupte Figuren gezeichnet werden.

Das berühmteste Beispiel ist wohl der von Michael Douglas verkörperte Gordon Gekko in „Wall Street“ (1987). Gekko ist ein moralisch verkommener, skrupelloser Spekulant an der New Yorker Börse und sagt Sätze wie: „Der entscheidende Punkt ist doch, dass die Gier, leider gibt es dafür kein besseres Wort, gut ist. Die Gier ist richtig, die Gier funktioniert. Die Gier klärt die Dinge, durchdringt sie und ist der Kern jedes fortschrittlichen Geistes.“ Im Yuppie-New-York der 1980er Jahre galt Gekko vielen Börsianern damit als Vorbild. Auch nicht wesentlich sympathischer kommt in „The Wolf of Wall Street“ (2013) Jordan Belfort rüber. Belfort existiert wirklich, er ist ein ehemaliger Börsenmakler, dessen Leben als Vorlage für den Film diente und der hier von Leonardo DiCaprio gespielt wird. Gleich zu Beginn seiner Beraterkarriere wird Belfort eingebläut, dass es nicht um das Wohl der Kunden geht, sondern darum, sich mit Provisionen selbst die Taschen voll zu machen. Das beherzigt er, zockt reihenweise Anleger ab und lebt ein Leben voller Drogen, Alkohol und Sex. Finanzberater als geldgierige Egomanen – das Kino hat mit dieser Darstellung nicht unwesentlich zum schlechten Image der Branche beigetragen. Doch sie selbst hat – das gehört auch zur Wahrheit – durch diverse Skandale ebenfalls daran mitgewirkt.


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„Ja, Filme wie ‚The Wolf of Wall Street‘ basieren auf echten Ereignissen, die echten Schaden angerichtet haben. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber sie repräsentieren eine Minderheit“, betont Bastian Kunkel, Finanzfachwirt (FH) und Gründer des Onlineversicherungsmaklers „Versicherungen mit Kopf“. Was die Filme seiner Meinung nach nicht zeigen: „Den Makler, der seinen Kunden nach einem Unfall innerhalb von 24 Stunden bei der Schadenmeldung begleitet und die Regulierung anstößt. Den Berater, der sagt: ‚Das Produkt lohnt sich für dich nicht‘ – obwohl er daran verdient hätte. Die tausenden Gespräche, in denen Menschen wirklich geholfen wird. Diese Momente ergeben halt keine dramatische Filmszene. Kein Skandal, kein Ferrari, keine Schlagzeile. Nur ein Mensch, der im entscheidenden Moment abgesichert ist. Das ist unspektakulär – und gleichzeitig das, worum es wirklich geht.“ Er wünsche sich einfach die Realität, sagt Kunkel. „Nicht den Superhelden-Berater, nicht die perfekte Erfolgsgeschichte – sondern den Alltag, den ich und viele meiner Kollegen jeden Tag leben. Das sind keine Hollywood-Momente. Aber das sind die Momente, die zählen. Und genau deshalb wünsche ich mir, dass wir als Branche selbst anfangen, diese Geschichten zu erzählen – denn wenn wir es nicht tun, tut es niemand.“

Aus Sicht von Frank Rottenbacher, Vorstand des AfW Bundesverband Finanzdienstleistung, sind Finanzberater für Drehbuchautoren ein dramaturgisches Geschenk. „Sie bewegen sich an der Schnittstelle von Geld, Vertrauen und Macht – und genau dort entstehen die besten Konflikte. Gier, Verführung und moralischer Absturz lassen sich in dieser Berufsgruppe sehr plakativ erzählen, da sie mit dem Geld anderer Menschen arbeitet.“ Hinzu komme ein kulturelles Muster, sagt er mit Blick auf den heimischen Vermittlermarkt. „In Deutschland ist das Verhältnis zu Geld traditionell ambivalent. Wer damit beruflich umgeht, steht schnell unter Generalverdacht. Einzelne reale Skandale – von Lehman-Zertifikaten bis zu geschlossenen Fonds der Vergangenheit – werden filmisch verdichtet und auf einen ganzen Berufsstand projiziert. Dass zehntausende Versicherungsmakler und Finanzanlagenvermittler in Deutschland jeden Tag seriöse, regulierte und hochqualifizierte Arbeit leisten, passt nicht in dieses Narrativ und wird daher ausgeblendet.“

Wie Kunkel wünscht sich auch Rottenbacher eine Darstellung, die der Realität der Makler entspricht: „Jemand, der über Jahrzehnte ganze Familien begleitet – von der ersten Berufsunfähigkeitsversicherung über die private Altersvorsorge, die Baufinanzierung bis zur Ruhestandsplanung – und dabei echte Lebensqualität schafft. Jemand, der sich auf Beratungstermine vorbereitet, Beratungen professionell durchführt und auch in der Nachbetreuung engagiert für seine Kunden da ist. Der auf Qualität Wert legt und sich regelmäßig weiterbildet. Also: Eine junge Vermittlerin aus unserer Community #DIE34ER, die digital, auf Augenhöhe und mit echter Haltung arbeitet, wäre eine hervorragende Hauptfigur.“

Doch ob wir die jemals auf der Leinwand sehen werden, ist fraglich. Immerhin: In dem Erbauungsdrama „Das Streben nach Glück“ (2006) wird die Hauptperson Chris Gardner, ein angehender Investmentbanker (der wie Jordan Belfort wirklich existiert), sehr positiv gezeichnet. Er steht für Disziplin, Ehrgeiz und Integrität. Er wird seine Kunden nicht übers Ohr hauen. Doch auch hier gibt es ein Manko: Gardner wird von Will Smith dargestellt, der sich spätestens mit seiner Ohrfeige gegen Chris Rock bei den Oscars 2022 als Unsympath im wahren Leben erwiesen hat. Ist der Finanzberater endlich mal sympathisch, ist es sein Darsteller nicht. Was für ein Jammer.

Kim Brodtmann, Cash.

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