Bitcoin ist zurück auf dem höchsten Niveau seit Monaten. Die größte Kryptowährung notiert aktuell bei rund 84.000 US-Dollar und hat innerhalb einer Woche knapp 14 Prozent zugelegt. Damit ist auch eine Marke wieder in Reichweite gerückt, an der 21shares bereits seit mehreren Monaten festhält: 100.000 US-Dollar bis Ende 2026. Im Juni, als Bitcoin zeitweise nur noch bei rund 65.000 Dollar notierte, hatte 21shares dieses Niveau als Basisszenario für das Jahresende formuliert. Die Ausgangslage hat sich seitdem deutlich verändert. Von 100.000 US-Dollar trennen Bitcoin aktuell nur noch rund 15 Prozent. Gleichzeitig kehrt institutionelles Kapital zurück, politische Entscheidungen in Washington rücken stärker in den Fokus und geopolitische Entwicklungen beeinflussen mittels Ölpreis, Inflation und Zinsen zunehmend auch den Kryptomarkt. Das vierte Quartal dürfte deshalb nicht allein von der Dynamik der vergangenen Wochen abhängen, sondern davon, ob diese verschiedenen Faktoren weiter zusammenspielen.
Institutionelles Kapital kehrt zurück
Der vielleicht wichtigste Unterschied zur Situation vor einigen Monaten liegt in den Kapitalflüssen. US-amerikanische Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten am Montag Nettozuflüsse von knapp einer Milliarde US-Dollar, der höchste Tageswert seit Oktober 2025. Das ist für die weitere Entwicklung aus zwei Gründen relevant. Erstens zeigt es, dass die jüngste Kursbewegung nicht ausschließlich durch kurzfristige Spekulation getragen wird. Institutionelle Anleger beteiligen sich wieder stärker am Markt. Zweitens schaffen kontinuierliche ETF-Zuflüsse eine zusätzliche Nachfrage nach Bitcoin, die sich unmittelbar auf das verfügbare Angebot auswirken kann.
Die entscheidende Frage lautet daher weniger, ob einzelne Tage besonders hohe Zuflüsse bringen. Für einen nachhaltigen Anstieg in Richtung 100.000 US-Dollar müsste sich diese Entwicklung über mehrere Wochen fortsetzen. Bereits im Halbjahresausblick hatte 21shares darauf verwiesen, dass die Bestände in Krypto-ETPs trotz des deutlichen Kursrückgangs vergleichsweise stabil geblieben waren. Für uns war das ein Hinweis darauf, dass institutionelles Kapital wesentlich widerstandsfähiger geworden ist als in früheren Marktzyklen.
Die 100.000 US-Dollar sind wieder ein realistisches Szenario – aber kein Selbstläufer
Wir hatten bereits während der schwächsten Phase des Jahres an unserem Basisszenario einer Erholung auf rund 100.000 US-Dollar bis Jahresende festgehalten. Damals war diese Einschätzung deutlich konträrer als heute. Bitcoin hatte rund die Hälfte seines Rekordwerts verloren und war zeitweise unter 60.000 US-Dollar gefallen. Seitdem hat sich das Chance-Risiko-Verhältnis verändert. Bitcoin ist wieder über wichtige langfristige Durchschnittslinien gestiegen, der breitere Kryptomarkt beteiligt sich an der Erholung und die institutionellen Zuflüsse haben deutlich angezogen. Auch Ethereum, Solana, XRP und zahlreiche weitere größere Krypto-Assets konnten zuletzt kräftig zulegen. Das spricht dafür, dass die Risikobereitschaft nicht mehr ausschließlich auf Bitcoin konzentriert ist. Gleichzeitig darf die Geschwindigkeit der jüngsten Bewegung nicht überbewertet werden. Ein Teil der Rally wurde erneut durch die Auflösung von Short-Positionen verstärkt. Solche Liquidationen können Kursbewegungen beschleunigen, stellen aber allein keine Grundlage für einen nachhaltigen Bullenmarkt dar. Entscheidend wird sein, ob nach dieser ersten Dynamik neue Käufer in den Markt kommen und Bitcoin höhere Kursniveaus halten kann.

Der Bitcoin-Kurs, gemessen am US-Dollar, seit März 2026 (Copyright: TradingView)
US-Wahlen als politischer Faktor für den Kryptomarkt
Neben den Kapitalflüssen dürfte im vierten Quartal auch Washington eine größere Rolle spielen. Am 3. November finden in den USA die Midterm Elections statt. Dabei werden sämtliche 435 Sitze im Repräsentantenhaus sowie ein Teil des Senats neu gewählt. Für Bitcoin geht es dabei weniger um eine einzelne Partei oder ein bestimmtes Wahlergebnis als um die Frage, wie schnell sich der regulatorische Rahmen für digitale Assets in den USA weiterentwickeln kann. Gerade bei der Marktstruktur gibt es noch offene Fragen. Der sogenannte CLARITY Act ist zuletzt im Senat nicht vorangekommen. Vertreter des Weißen Hauses und des US-Finanzministeriums haben darauf hingewiesen, dass sein weiterer Weg nach den Wahlen auch von der Zusammensetzung des neuen Kongresses und der anschließenden parlamentarischen Agenda abhängen wird.
Gleichzeitig gibt es Bewegung bei anderen Krypto-Initiativen: Der Finanzausschuss des Repräsentantenhauses hat Mitte September den American Reserve Modernization Actmit 28 zu 21 Stimmen zur weiteren Behandlung freigegeben. Der Entwurf würde unter anderem einen gesetzlichen Rahmen für eine strategische Bitcoin-Reserve auf Bundesebene schaffen.[1] Bis zu einem möglichen Inkrafttreten sind allerdings noch weitere parlamentarische Schritte erforderlich. Für den Markt bedeutet das zunächst vor allem eines: politische Unsicherheit kann im Oktober und November zusätzliche Volatilität erzeugen. Gleichzeitig können konkrete Fortschritte bei der Regulierung oder bei der institutionellen Einbindung digitaler Assets das Vertrauen langfristig stärken.
Zinsen bleiben die wichtigste makroökonomische Hürde
Während sich die politischen Rahmenbedingungen für Krypto teilweise verbessern, kommt von der Geldpolitik derzeit Gegenwind. Die US-Notenbank hat den Leitzinskorridor am 16. September um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben. Als Begründung verwies sie unter anderem auf eine weiterhin erhöhte Inflation. Für den Rest des Jahres stehen noch Sitzungen Ende Oktober und im Dezember an. Das ist für Bitcoin relevant, weil hohe Renditen auf sichere US-Anlagen die Opportunitätskosten risikoreicher Assets erhöhen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt derzeit weiterhin knapp unter fünf Prozent. Damit entsteht eine interessante Konstellation: Einerseits verbessern institutionelle Zuflüsse und regulatorische Entwicklungen die strukturellen Rahmenbedingungen für Bitcoin. Andererseits bleibt die Liquidität im Finanzsystem durch die restriktive Geldpolitik begrenzt. Für einen nachhaltigen Anstieg in Richtung 100.000 US-Dollar wäre es daher hilfreich, wenn der Inflationsdruck nachlässt und die Erwartungen an weitere Zinserhöhungen zurückgehen.
Geopolitik wirkt zunehmend über Energiepreise und Inflation
Auch geopolitische Entwicklungen bleiben ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor. Besonders relevant ist dabei weiterhin die Situation im Iran und der Straße von Hormus. Die Spannungen in der Region haben in diesem Jahr zu erheblichen Schwankungen bei Öl- und Energiepreisen geführt. Zuletzt bewegte sich Brent-Rohöl wieder unter der Marke von 100 US-Dollar, nachdem Nachrichten über alternative Transportrouten und mögliche Entspannungsschritte den Markt etwas beruhigt hatten. Die Situation bleibt jedoch volatil. Für Bitcoin verläuft dieser Zusammenhang indirekt, aber wirkungsvoll: Steigende Energiepreise erhöhen den Inflationsdruck. Höhere Inflation wiederum kann die US-Notenbank dazu bewegen, die Zinsen länger hoch zu halten oder weitere Straffungen vorzunehmen. Eine geopolitische Entspannung mit fallenden Energiepreisen könnte dagegen den Inflationsdruck reduzieren und damit grundsätzlich bessere Bedingungen für Risikoanlagen schaffen.
Genau deshalb dürften geopolitische Nachrichten im vierten Quartal stärker auf den Kryptomarkt durchschlagen als in ruhigeren Marktphasen. Bitcoin ist inzwischen eng genug mit globalen Kapitalströmen verbunden, dass Entwicklungen bei Zinsen, Dollar, Energiepreisen und Risikobereitschaft kurzfristig erheblichen Einfluss auf den Kurs haben können.
Fazit: Der Weg zu 100.000 US-Dollar ist kürzer geworden
Unser Basisszenario von 100.000 US-Dollar für Bitcoin bis Ende 2026 hat sich seit dem Sommer nicht verändert. Was sich verändert hat, ist die Ausgangslage. Mit den jüngsten Aufwärtsbewegungen von Bitcoin ist dieses Niveau wesentlich näher gerückt als noch vor wenigen Monaten. Gleichzeitig sehen wir die stärksten ETF und ETP-Zuflüsse seit fast einem Jahr und eine breitere Erholung des Kryptomarktes.[2]
Das bedeutet allerdings nicht, dass der Weg dorthin geradlinig verlaufen wird. Das vierte Quartal bringt eine ungewöhnlich hohe Dichte an potenziellen Markttreibern: die Midterm Elections, weitere Entscheidungen zur Krypto-Regulierung, zwei Sitzungen der Federal Reserve und geopolitische Risiken, die über den Ölpreis unmittelbar auf Inflation und Zinsen wirken können. Für Bitcoin wird deshalb weniger entscheidend sein, ob die Marke von 100.000 US-Dollar kurzfristig berührt wird. Entscheidend ist, ob die institutionelle Nachfrage stark genug bleibt, um die aktuelle Erholung auch durch Phasen höherer makroökonomischer und politischer Unsicherheit zu tragen. Gelingt das, bleiben die „magischen 100.000“ aus unserer Sicht ein plausibles Basisszenario für das Jahresende.
Autor Adrian Fritz ist Vice President und Chief Investment Strategist des Krypto-ETP-Emittenten 21shares.
[1] https://de.investing.com/news/cryptocurrency-news/bitcoinkurs-steigt-fedentscheidung-und-usgesetzesinitiativen-geben-auftrieb-93CH-3668979
[2] Vgl. dazu https://www.21shares.com/en-eu/insights/monthly-flows-report-august-2026















