Die Berufsunfähigkeitsversicherung steht seit Jahren unter Druck: sinkende Prämien, wachsende Leistungsversprechen, intensiver Wettbewerb. Dass in diesem Umfeld die Frage nach der tatsächlichen Zahlungsbereitschaft der Versicherer berechtigt ist, liegt auf der Hand. Die Ratingagentur Franke und Bornberg liefert mit ihrer BU-Leistungspraxisstudie 2026 darauf eine datenbasierte Antwort – und die fällt differenziert aus.
Grundlage sind 36.128 Leistungsfälle aus dem Jahr 2024, mehr als 60 Prozent aller BU-Leistungsfälle am deutschen Markt. Die 16 teilnehmenden Versicherer repräsentieren einen Gesamtbestand von 9,31 Millionen BU-Versicherten. Die Daten wurden per Stichprobe überprüft.
„Der anhaltende Preiswettbewerb im BU-Markt wirft eine entscheidende Frage auf: Halten die Versicherer im Leistungsfall, was sie versprechen? Unsere Studie gibt darauf eine klare Antwort – und zeigt zugleich, wo die Branche noch Handlungsbedarf hat. Steigende Regulierungsdauern sind kein Kavaliersdelikt, wenn Menschen in einer existenziellen Situation auf ihre Leistungen warten müssen“, sagt Michael Franke, Geschäftsführer von Franke und Bornberg.
Verweisungen spielen kaum eine Rolle
Die Anerkennungsquote liegt stabil bei knapp 80 Prozent – unabhängig von der Rentenhöhe. Wer seinen Anspruch hat, bekommt ihn in der Regel auch. Fast 60 Prozent der Ablehnungen begründen die Versicherer medizinisch: So wurde der versicherte BU-Grad schlicht nicht erreicht. Auf konkrete und abstrakte Verweisungen sowie Umorganisationen entfallen zusammen gerade einmal 0,87 Prozent der Entscheidungen. Das Bild vom Versicherer, der Betroffene systematisch auf andere Berufe verweist, um Leistungen zu umgehen, lasse sich mit diesen Zahlen nicht aufrechterhalten, so das Analysehaus.
Schwachstelle Regulierung
Wo die Studie allerdings eine klare Schwachstelle benennt, ist die Regulierungsdauer. Sie ist 2024 erneut gestiegen, und zwar von 189 auf 201 Tage im Schnitt. Bei Anerkennungen dauert der Prozess durchschnittlich 192 Tage, bei Ablehnungen 208 Tage. Am längsten warten müssen Betroffene mit psychischen Erkrankungen: bis zu einer Anerkennung vergehen im Schnitt 286 Tage, bis zu einer Ablehnung 278 Tage. Der Grund liegt in der diagnostischen Komplexität und der Schwierigkeit, bei psychischen Leiden einen exakten BU-Grad zu bestimmen. Verletzungen und Unfälle folgen auf dem zweiten Platz mit 237 Tagen bei Ablehnungen und 216 Tagen bei Anerkennungen.
Psychische Erkrankungen sind 2024 mit einem Anteil von 28,35 Prozent der häufigste Auslöser einer Berufsunfähigkeit – vor Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems mit 18,77 Prozent und Krebserkrankungen mit 15,18 Prozent. Bei Frauen liegt dieser Anteil mit 29,52 Prozent noch höher als bei Männern mit 21,87 Prozent. Auch gesamtgesellschaftlich ist die Tendenz eindeutig: Laut Deutscher Rentenversicherung gehen mittlerweile über 40 Prozent aller neuen Bewilligungen bei der Erwerbsminderungsrente auf psychische Erkrankungen zurück.
Post-COVID: Versicherer zeigen Pragmatismus
Erstmals hat Franke und Bornberg in dieser Ausgabe systematisch Leistungsanträge aufgrund von Post/Long-COVID sowie impfbedingten Folgeerkrankungen ausgewertet. Von über 300 untersuchten Anträgen wurden 86 Prozent anerkannt. Das ist bemerkenswert, weil Post/Long-COVID diagnostisch kein einheitliches Krankheitsbild darstellt. Die Symptome sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts vielfältig und schwer abzugrenzen. Gleichwohl scheinen die Versicherer mit dem Thema konstruktiv umzugehen.
Neu beleuchtet die Studie auch die Mitwirkungspflicht, die Versicherte im Leistungsfall zur aktiven Mitarbeit verpflichtet – durch vollständige Einreichung ärztlicher Unterlagen etwa oder die Bereitschaft zu Untersuchungen durch vom Versicherer beauftragte Ärzte. Hartnäckig hält sich das Vorurteil, dass gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen dieser Pflicht besonders häufig nicht nachkommen. Die Zahlen sprechen dagegen: Mitwirkungspflichtverletzungen treten bei psychischen Erkrankungen nur in 17 Prozent der Fälle auf.
„Die BU-Leistungspraxisstudie liefert Fakten, wo bislang oft Vorurteile das Bild bestimmt haben. Die hohe Anerkennungsquote bei Post/Long-COVID/VAC trotz diagnostischer Unsicherheit zeigt, dass die Versicherer verantwortungsvoll mit neuen Krankheitsbildern umgehen. Gleichzeitig müssen wir klar benennen: Steigende Regulierungsdauern sind ein strukturelles Problem, das die Branche aktiv angehen muss“, erläutert Philipp Wedekind, Leiter Ratings Vorsorge und Nachhaltigkeit bei Franke und Bornberg.
Qualifizierte Leistungsprüfer als Schlüssel
Den Anstieg der Regulierungsdauer wertet Franke und Bornberg als Warnsignal. Gegensteuern lässt sich nach Einschätzung der Ratingagentur vor allem durch den gezielten Aufbau qualifizierter Leistungsprüfer und eine stärkere Einbindung von Künstlicher Intelligenz in die Regulierungsprozesse.
An der Studie teilgenommen haben Allianz, Alte Leipziger, Axa, Die Continentale, DBV, Deutsche Ärzteversicherung, Dialog, Ergo, Generali, Gothaer, HDI, Münchener Verein, Nürnberger, Signal Iduna, Die Stuttgarter und Zurich.
















