Das große Börsen-Theater findet aktuell weniger als bisher üblich im strahlenden Silicon Valley, sondern in den staubigen Hallen der Rohstoffmärkte statt. Während Edelmetalle sich bockig wie pubertierende Jugendliche verhalten, sind Öl und Kupfer zu Rockstars geworden. Wie entwickeln sich die einzelnen Rohstoffe weiter? Wie steht es um den Rohstoff-Superzyklus?
Öl: Wenn der geopolitische Rührlöffel rotiert
Am Ölmarkt schwingt nach wie vor die Geopolitik das Zepter. Das Säbelrasseln und Bibbern um die logistischen Nadelöhre in der Straße von Hormus und im Roten Meer wirken auf Öl-Händler wie ein permanenter Koffeinschock. Öl ist aktuell das Fieberthermometer einer hysterischen Weltwirtschaft. Alle Entspannungshoffnungen – auch die inflationären Behauptungen Trumps, der Iran wolle dringend einen Deal machen – sind bislang untergegangen wie die Titanic. Warum sollte der Iran dem US-Präsidenten vor den Zwischenwahlen als Wahlhelfer dienen?
Öl bleibt zunächst nichts für schwache Nerven. Wer hier investiert, kauft kein klassisches Asset, sondern wettet auf den Puls der Geopolitik. Sein Preis steht und fällt mit der Frage, wie oft die Verantwortlichen im Nahen Osten und in den USA noch mit dem falschen Fuß aufstehen. Anleger sollten Gewinne laufen lassen, aber Stop-Loss-Kurse so eng nachziehen, dass sie kein geopolitischer Hoffnungs-Tweet unvorbereitet trifft. Denn der Iran braucht die Öleinnahmen wie der Kuchen die Backhefe und Amerikaner wollen weder Krieg noch hohe Spritpreise.
Kupfer: Das Nervensystem der Digitalisierung
Getrieben vom unersättlichen Datenhunger der Künstlicher Intelligenz, mutieren Industriemetalle zu den neuen Rockstars der Börse. Allen voran ist Kupfer das dominierende Arbeitstier der modernen Industriewelt. Wenn die Welt auf E-Mobilität umstellt und riesige KI-Rechenzentren baut, braucht man das rote Metall für zig Tonnen Kabel.
Da viele Minenwerte in den letzten Jahren lieber Dividenden ausgeschüttet haben, statt neue Löcher zu buddeln, gibt es eine monumentale Angebotslücke. Nackte Torschlusspanik ist zu beobachten. Die Händler horten Kupfer wie Toilettenpapier in der Pandemie, zumal das schwere Unglück in der indonesischen Grasberg-Mine und das Exportverbot für Kupfer aus dem Kongo weiter für massive Knappheit sorgen.
Der Kupferpreis ist deutlich stärker angestiegen als es die kühnsten Prognosen der Rohstoffanalysten erwartet haben. Das bietet grundsätzlich Raum für Konsolidierung. Dafür sprechen auch Aussagen von High-Tech-CEOs in den USA, sich mit KI-Investitionen zukünftig etwas zurückzuhalten und auch die ethischen Probleme von KI stärker zu berücksichtigen. Das würde auch weniger Bedarf an Stromleitungen bedeuteten. Diese Einlassungen müssen aber gegenüber der Tatsache abgeklopft werden, dass technologische Führerschaft auch geopolitische Führerschaft bedeutet. China wird jede Zurückhaltung der Amerikaner gnadenlos ausnutzen. Schon aus diesem Grund gibt es kein Ende des KI-Wettrüstens.
Unter Schwankungen wird Kupfer längerfristig weiter steigen. Der real existierende KI- und Stromnetz-Wahnsinn ist alles, aber nicht vorbei.
Gold und Silber sind nicht nur edle Metalle, sie tragen auch den Blaumann der Industrie
Ausgerechnet Gold, die klassische Absicherung gegen alles, scheint sich eine handfeste Sinnkrise zu leisten. Nach einer epischen Rekordjagd Anfang des Jahres bis ca. 5.400 hat die Feinunze den Rückwärtsgang eingelegt und schleicht aktuell unter 4.200 US-Dollar herum.
Und Silber? Silber verhält sich traditionell wie Gold, allerdings mit deutlich erhöhten Temperaturschwankungen. Wenn Gold eine leichte Erkältung bekommt, fängt sich Silber sofort eine Grippe ein.
Warum verlieren die sicheren Häfen an Boden, wenn es in der Weltpolitik brennt? Die Schuldigen für dieses Drama sitzen bei der US-Notenbank. Scheinbar hat sie den Liquiditäts-Stecker gezogen und die energiepreisgetriebene Inflation prügelt die Renditen für US-Staatsanleihen regelrecht hoch.
Warum also noch barfuß im Edelmetallbunker sitzen, wenn Onkel Sam wieder saftige Zins-Kupons garantiert? Gepaart mit einem zuletzt starken US-Dollar, der Gold und Silber für Käufer außerhalb der USA zusätzlich verteuert, haben die großen Hedgefonds schlichtweg Kasse gemacht.
Doch sind Edelmetalle nicht nur dazu da, um in dunklen Tresoren zu liegen oder als Bling-Bling am Handgelenk oder am Hals zu glänzen. Gold und Silber haben beide einen harten, oft übersehenen Nebenjob in der Industrie und im Silicon Valley. Klammheimlich haben sie sich zum unverzichtbaren Industriemetall hochgearbeitet. Weil Gold nicht korrodiert und Strom perfekt leitet, steckt es in fast jedem High-End-Chip, jedem Smartphone und insbesondere in den wie Pilze aus dem Boden schießenden, riesigen KI-Rechenzentren. Anwender fressen goldhaltige Mikrochips wie Popcorn.
Wegen der immer noch sehr hohen Goldpreise versuchen die Chiphersteller, die Goldschichten so hauchdünn wie möglich aufzutragen. Tatsächlich halten sich die Gewichte „Mehr KI-Chips“ versus weniger „Gold pro Chip“ ziemlich die Waage. Es ist aber unzweifelhaft, dass die Waage immer mehr Richtung „Mehr KI-Chips“ ausschlagen wird.
Bei Silber ist die „Industriearbeiterschaft“ noch intensiver. Das Metall hat die höchste elektrische Leitfähigkeit aller Metalle. Ohne Silber gibt es keine Energiewende, die dramatisch wächst. Es ist der Superstar in jeder Solarzelle und in jedem E-Auto. Dass der Silberpreis zu Jahresbeginn dynamisch nach oben explodiert ist, hat auch Solar-Hersteller in Schockstarre versetzt. Sie haben daraufhin beim Silber dermaßen radikal eingespart, dass ihre Nachfrage in diesem Jahr deutlich um historische 19 Prozent eingebrochen ist.
Die Industrie mag sich zu Tode sparen, aber es reicht hinten und vorne nicht. Denn der globale Silbermarkt ist 2026 das sechste Jahr in Folge in ein massives Angebotsdefizit gefallen. Es fehlen 46 Mio. Unzen. Die Minen können die Nachfrage nicht decken.
Ein entscheidender Plusfaktor bleiben die globalen Notenbanken insbesondere in Asien. Sie kaufen weiterhin wie am Schnürchen gezogen physisches Gold, um sich von US-Staatsbonds unabhängig zu machen. Bei allen Schwankungen zieht das ein massives Sicherheitsnetz unter den Preis bei 4.000 US-Dollar. Und sobald sich in der Nahost-Krise nachhaltig inflationsberuhigende Entspannung mit zinsberuhigenden Folgen zeigt, wird die Stunde der Edelmetalle erneut schlagen. Vor allem Silber könnte dann, angetrieben vom Solar-Boom, wie ein Gummiband nach oben schnellen. Übrigens, die Chinesen kaufen nicht nur wie verrückt Gold, sondern auch Silber auf. Sie lieben es, ihre Geschäftspartner abhängig zu machen, s. Seltene Erden.
Fazit: Der Rohstoff-Superzyklus ist intakt
Die aktuelle Schwäche bei Gold und Silber ist kein fundamentaler Trendbruch, sondern ein völlig normaler, gesunder Schluckauf nach einer monatelangen sozusagen besoffenen Rallye. Der Markt nüchtert schlicht und ergreifend aus. Allerdings, wenn der Markt Gold unter 4.200-Dollar und Silber um 60 Dollar mit Rabatt anbietet, sollten die Anleger schrittweise wieder zugreifen.
Ergänzt mit einer Portion Kupfer baut man sich ein Rohstoff-Vermögen auf, das längerfristig sowohl vor der zwingend erforderlichen, aber kaufkraftschädigenden Stütze der Notenbanken schützt als auch vom realen Tech-Boom profitiert.
Der Rohstoff-Superzyklus hat gerade erst die Startblöcke verlassen. Zwischenzeitliche Rücksetzer sind nicht sein Ende, sondern nur die jeweiligen Werbepausen einer langfristig erfolgreichen TV-Serie.
Bleiben Sie eingeschaltet.Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/Newsletter-Disclaimer-725













