„Made in China 2.0“ verändert die globalen Gewinnpools

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Made in China 2.0
Bild: KI-generiert mit ChatGPT / DALL·E
Steigende Anleiherenditen und Chinas Aufstieg bei KI verändern die Chancen und Risiken für Anleger.

Steigende Renditen setzen die Anleihemärkte unter Druck, während Aktien bislang robust bleiben. Zugleich verschiebt Chinas Aufstieg bei KI und Industrie die globalen Wettbewerbsverhältnisse. Welche Marktsegmente jetzt Chancen bieten.

Das Nebeneinander von steigenden Anleiherenditen einerseits und robusten Aktienmärkten andererseits setzt sich fort. Der Ausverkauf an den Anleihemärkten nahm in der vergangenen Woche Fahrt auf. In Amerika kletterten die Renditen langfristiger Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten. Fallende Anleihekurse gehen mit steigenden Renditen einher. Die Rendite 30-jähriger US-Staatspapiere stieg auf 5,53 % und erreichte damit ein Niveau, das zuletzt im Jahr 2004 verzeichnet wurde. Die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen kletterte auf 5,22 % und damit auf den höchsten Stand seit 19 Jahren. Die Rendite 10-jähriger deutscher Bundesanleihen markierte mit rund 3,6 % den höchsten Stand seit 2009 (Quelle: LSEG, 25.09.2026). Mehrere Faktoren sorgen für Aufwärtsdruck bei den Renditen: ein hartnäckiger Inflationsdruck, zusätzliche Inflationsrisiken infolge des Energieangebotsschocks im Nahen Osten sowie angespannte Staatshaushalte und hohe Schuldenstände. Hinzu kommt ein zunehmender Wettbewerb um Kapital. 


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Die weltweiten Aktienmärkte schlossen die Handelswoche dagegen überwiegend im grünen Bereich ab (Quelle: LSEG, 25.09.2026). Für Entlastung sorgte der zum Wochenschluss nachgebende Brent-Rohölpreis, nachdem Hoffnungen auf eine Wiederöffnung der Straße von Hormus aufgekommen waren. Gleichzeitig bleibt die tatsächliche Versorgungslage an den Energiemärkten angespannt. Derweil honorieren die Börsen weiterhin die durch künstliche Intelligenz (KI) getriebene Gewinn- und Investitionsdynamik.

„Made in China 2.0“: Aufstieg entlang der Wertschöpfungskette

Apropos KI: Beim Treffen von US-Präsident Donald Trump und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping in der vergangenen Woche gehörte KI zu den zentralen Themen. Allein diese Tatsache unterstreicht Chinas fortschreitenden Aufstieg entlang der industriellen Wertschöpfungskette hin zu fortgeschrittenen Technologien. Günstigere chinesische Technologien können die Kosten für Anwender senken – gleichzeitig allerdings die Margen und Marktanteile konkurrierender Unternehmen unter Druck setzen. Handels- und Technologiekonflikte können die Gewinnaussichten und den Marktzugang beeinträchtigen. Deshalb bleiben wir für chinesische Aktien taktisch neutral positioniert. Das heißt: Für die kommenden sechs bis zwölf Monate gilt weder eine Über- noch eine Untergewichtung. Attraktive Chancen sehen wir jedoch im Bereich der physischen KI-Infrastruktur.

Chinas Aufstieg in der industriellen Wertschöpfungskette verändert Branchenstrukturen und globale Gewinnpools. Der Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001 löste den sogenannten „China Shock“ aus: Exporte günstiger, arbeitsintensiver Güter stiegen stark an, während China zugleich tief in weltweite Lieferketten integriert wurde. Die heutige Version „Made in China 2.0“ unterscheidet sich jedoch grundlegend. Staatliche Unterstützung hat China geholfen, in Zukunftsbranchen wie Elektrofahrzeugen, fortschrittlichen Maschinen und KI-Technologien rasch Marktanteile zu gewinnen. Dabei stützt sich das Land zunehmend auf eigene Lieferketten.

Während Chinas Anteil am Welthandel insgesamt relativ stabil geblieben ist, hat sich die Zusammensetzung der Exporte deutlich in Richtung höherwertiger Produkte verschoben. Gleichzeitig ist der Anteil der Importe seit seinem Höchststand im Jahr 2021 zurückgegangen, da die schwache Binnennachfrage hinter der Produktionsentwicklung zurückbleibt. Dadurch verschärft sich der Wettbewerb für Hersteller weltweit. Endverbraucher können dagegen von günstigeren Technologien profitieren.

Außerhalb Chinas stellt sich für Unternehmen die entscheidende Frage, ob sie chinesische Technologien nutzen oder mit ihnen konkurrieren. Günstigere chinesische Industrieroboter und Maschinen können die Produktivität erhöhen und den demografisch bedingten Arbeitskräftemangel abfedern. Für konkurrierende Hersteller ist die Situation jedoch deutlich herausfordernder. Europäische Maschinenbauer veranschaulichen diesen Druck exemplarisch: China hat sich vom bedeutenden Abnehmer hochwertiger Maschinen zu einem ernstzunehmenden Wettbewerber auf dem Heimatmarkt und international entwickelt. Im Jahr 2025 überholte China erstmals Deutschland als größten Exporteur von Werkzeugmaschinen weltweit.

Ein ähnliches Spannungsfeld zeigt sich bei KI. Kostengünstigere chinesische Modelle könnten die KI-Anwendung beschleunigen, während KI-Modelle selbst zunehmend zu einer standardisierten Ware werden. Dadurch könnte sich die Wertschöpfung hin zur physischen Infrastruktur verlagern, die eine stärkere KI-Nutzung ermöglicht: Rechenleistung, Rechenzentren und Stromversorgung. Dies stärkt unsere Investmentthese der „KI-Engpässe“ aus dem Halbjahresausblick. Physische KI – darunter KI-gestützte Automatisierung in der Fertigung und Robotik – dürfte die Nachfrage nach Leistungselektronik und Batterien erhöhen sowie den Bedarf an Komponenten wie Motoren und Aktuatoren ausweiten, Bereichen, in denen China bereits heute über erhebliche Produktions- und Lieferkettenvorteile verfügt. 

Gleichzeitig bleibt technologische Souveränität ein zentrales geopolitisches Thema. Exportbeschränkungen und der Wunsch, die Abhängigkeit von chinesischer Technologie zu verringern, könnten Chinas Marktzugang begrenzen. Damit beeinflussen geopolitische Abwägungen entscheidend, welche Unternehmen und Regionen von diesen Entwicklungen profitieren. So hat in Europa beispielsweise ein schrittweiser, aber bedeutender Stimmungswandel gegenüber China stattgefunden – nicht nur hin zu einer geringeren strategischen Abhängigkeit von China, sondern auch zu einem verstärkten Einsatz handelspolitischer Schutzinstrumente. Mit dem „Industrial Accelerator Act“ und neuen Vergaberegeln werden Subventionen und öffentliche Aufträge zunehmend genutzt, um die europäische Produktion und Beschäftigung sowie den Technologietransfer nach Europa zu fördern.

Chinas Industriepolitik hat die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen gestärkt und Skalenvorteile geschaffen. Höheres Wirtschaftswachstum schlägt sich jedoch nicht automatisch in höheren Renditen für Aktionäre nieder. Zudem bestehen strukturelle Herausforderungen wie ein schwacher privater Konsum, angeschlagener Immobiliensektor und die alternde Bevölkerung fort. Gleichzeitig belastet intensiver Wettbewerb selbst Branchen, in denen China globale Marktanteile hinzugewonnen hat. Wie unterschiedlich sich einzelne Branchen entwickeln, zeigen die Unternehmensgewinne: Nach Angaben des National Bureau of Statistics of China stiegen die Gewinne chinesischer Elektronikhersteller in den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 um 110 % gegenüber dem Vorjahr, gestützt durch die weltweite KI-Nachfrage. Demgegenüber gingen die Gewinne der Automobilhersteller um 20,4 % zurück. Auch innerhalb der KI-Wertschöpfungskette ist das Bild uneinheitlich: Anbieter von KI-Hardware konnten ihre Margen steigern, während die Margen vieler Solarmodulhersteller eingebrochen sind. Die Aktienmärkte spiegeln diese Entwicklung wider. Der breite MSCI-China-Index verlor bis zum 21. September in US-Dollar gerechnet 11 %. Der Technologieindex MSCI China Information Technology legte dagegen um 7 % zu (Quelle: LSEG, 22.09.2026).

Zusammengefasst bestätigt diese zunehmende Differenzierung unseren selektiven Anlageansatz. Wir bleiben für chinesische Aktien insgesamt neutral. Innerhalb des Marktes bevorzugen wir jedoch Bereiche, in denen sich Wachstum tatsächlich in höheren Margen und Renditen niederschlägt. Dazu zählen insbesondere KI-Hardware und ausgewählte Segmente des fortschrittlichen verarbeitenden Gewerbes.

Geldpolitik: Märkte bei Fed-Zinserwartungen ihrer Zeit voraus

In der kommenden Woche richtet sich das Augenmerk auf die US-Arbeitsmarktdaten und Inflationszahlen dies- und jenseits des Atlantiks. Ein schwächerer Stellenaufbau muss nicht zwangsläufig auf eine auf eine Abschwächung der Wirtschaftsaktivität hindeuten. Denn auch das Angebot an Arbeitskräften wächst in den USA langsamer. Wir erwarten Einstellungen auf einem Niveau, das weiterhin mit Vollbeschäftigung vereinbar ist. Der damit verbundene Lohndruck dürfte die Inflationsrisiken aufrechterhalten. Die Veröffentlichung des Preisindex für private Konsumausgaben (PCE) für September wird zeigen, ob sich dieser Druck weiterhin in der US-Kerninflation niederschlägt, die nach wie vor oberhalb von 3 % liegt. 

Die Markterwartungen weiterer Zinserhöhungen durch die US-Notenbank erscheinen inzwischen recht weitreichend. Ungeachtet dessen gilt aus unserer Sicht: Eine Zinserhöhung, die die Glaubwürdigkeit der Fed stärkt und zugleich von robustem Wirtschaftswachstum begleitet wird, dürfte unter dem Strich eher günstig für Risikoanlagen sein. Sie könnte Unsicherheit über die Inflationsbekämpfung verringern, ohne die Konjunktur unmittelbar abzuwürgen. 

Im Euroraum wiederum dürfte die Gesamtinflation im September vor allem aufgrund höherer Energiepreise deutlich steigen, während die Kerninflation nur leicht zulegen sollte. Entscheidend ist, ob der Energieschock auf breitere und anhaltende Preissteigerungen übergreift. Entsprechend stehen die neuen Inflationsdaten und die Reden von Vertretern der Europäischen Zentralbank im Fokus.

Autorin Ann-Katrin Petersen ist Leiterin der Kapitalmarktstrategie bei BlackRock für Deutschland, Österreich, die Schweiz und Osteuropa.


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