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Eberhard Sautter: „Ab 84.000 Euro gilt man als mündiger Bürger“

Foto: HanseMerkur
Eberhard Sautter: "Ab wann gilt man als mündiger Bürger, der über seine Krankenversicherung selbst entscheiden darf?"

Hanse Merkur-Vorstandsvorsitzender Eberhard Sautter über die geplante Gesundheitsreform, die Rolle der PKV als Innovationsmotor, das Wachstumspotenzial der betrieblichen Krankenversicherung und warum sein Haus jetzt den Beamtenmarkt angreift.

Herr Sautter, die Bundesregierung plant eine außerordentliche Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze. Sie soll die Finanzlage der GKV stabilisieren. Kritiker sprechen von einem politischen Kassensturz zu Lasten der Beitragszahler, während grundlegende Strukturreformen vertagt werden. Ist die Politik beim Thema Gesundheitsreform derzeit zu stark auf kurzfristige Finanzierung statt auf nachhaltige Systemreform fokussiert?

Sauter: Nimmt man das, was Sie gerade beschrieben haben, muss man klar mit Ja antworten. Ich sage es allerdings einschränkend, weil ich noch nicht weiß, was wirklich kommt — das ist das, was wir aktuell für am wahrscheinlichsten halten. Und das Schlimmste daran ist noch nicht einmal die Beitragsbemessung, so schlimm die auch ist: Die Anhebung der Versicherungspflichtgrenze trifft die Branche noch härter. Die Beitragsbemessung ist für den GKV-Kunden schmerzhaft, aber die Versicherungspflicht als Zugangshürde ist das größere Problem für uns. Und das wirft die Frage auf, die ich heute Vormittag im Rahmen des Bilanz-Pressegesprächs schon aufgeworfen habe: Ab wann gilt man als mündiger Bürger, der über seine Krankenversicherung selbst entscheiden darf? Diese Grenze liegt nach derzeitiger Planung der Bundesregierung künftig bei deutlich über 80.000 Euro Jahresgehalt. Das ist ein ordentliches Gehalt — und wer darunter liegt, ist im Gesundheitswesen offenbar unmündig. Das ist schon hart.


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Was wären aus Ihrer Sicht die besten Reformansätze?

Sautter: Die Ergebnisse, die unser Gesundheitssystem produziert — gemessen daran, wie Menschen gesund alt werden —, liegen unter dem EU-Schnitt. Das muss man sich erst einmal vor Augen führen: Der Output ist nicht gut. Dabei hat Deutschland gemessen am Bruttoinlandsprodukt den höchsten Anteil  an Gesundheitsausgaben in Europa. Wir sind Spitze bei den Ausgaben und landen beim Ergebnis, der Lebenserwartung, unter dem EU-Durchschnitt. An dieser Diskrepanz muss man ansetzen. Das bedeutet: mehr Prävention und mehr Aufklärung. Ich bin klar für Fördern, Fordern und Belohnen, so wie wir es in unseren Produkten bereits tun. Das schafft mehr Beitragsstabilität, weniger Schäden und mehr Eigenverantwortung. Es würde das System strukturell in die richtige Richtung schieben. Das halte ich für dringend notwendig — neben den kostensenkenden Maßnahmen, die längst überfällig sind. Dieses System hat kein Einnahmeproblem. Es hat zu hohe Ausgaben. Und die stehen in keinem vernünftigen Verhältnis zu dem, was dabei herauskommt.

Stichwort Zugangsbeschränkungen. Erwarten Sie spürbare Auswirkungen auf den Wettbewerb zwischen GKV und PKV?

Sautter: Wenn die bisher kommunizierten Veränderungen so kämen, würde das im Bereich der Krankenzusatzversicherungen sicherlich zu neuen Produkten und einem gewissen Wachstum führen. In der Krankenvollversicherung werden sich die Vor- und Nachteile der Reformen vermutlich die Waage halten. Insofern: Ja, ich glaube, wir könnten aus der aktuellen Reformdiskussion durchaus mehr Neugeschäft generieren. Aber wie gesagt — die angedachte Erhöhung der Versicherungspflichtgrenze halte ich für falsch.

In Teilen der Politik wird, wenn auch nicht offensiv, so doch zumindest unterschwellig, über eine stärkere Vereinheitlichung von GKV und PKV diskutiert — Stichwort Bürgerversicherung. Gleichzeitig betont die Branche ihre Rolle als Stabilitätsfaktor und Innovationsmotor für das Gesundheitssystem. Welche Bedeutung hat die PKV aus Ihrer Sicht für die medizinische Versorgung in Deutschland?

Sautter: Eine riesige. Erstens tragen wir als PKV-Branche maßgeblich zur Finanzierung des Gesundheitssystems bei, das kommt der ambulanten Versorgung — und natürlich auch Krankenhäusern – zugute. Zweitens: Mit ihrem Umlageverfahren stößt die GKV in unserer alternden Gesellschaft an ihre Grenzen. Privatversicherte sorgen hingegen selbst für ihre Gesundheitskosten im Alter vor. Das heißt, es gibt in der PKV keine Last für jüngere Generationen durch steigende Gesundheitskosten im Alter. Bei einer Fertilitätsrate von 1,36 Kindern kann das Umlageverfahren schlichtweg nicht mehr funktionieren. Insofern stabilisiert die PKV nachhaltig die Finanzierung des Gesundheitswesens. Drittens führen wir medizinische Innovationen deutlich früher ein als die GKV durch ihren Gemeinsamen Bundesausschuss, wovon alle Patienten profitieren.  Es gibt eine Untersuchung, ich glaube von Professor Wasem, die belegt, dass Innovationen, die vom Gemeinsamen Bundesausschuss irgendwann ins gesetzliche System übernommen werden, bei uns  im Durchschnitt rund 14 Jahre früher verfügbar sind. Das zeigt: Innovationen müssen erst in den Markt gebracht werden — sei es über private Versicherung oder als Selbstzahlerleistung —, bevor der GBA überhaupt darüber nachdenken kann, ob etwas für die GKV geeignet ist. Daneben gibt es Leistungen, die  nicht ins GKV-System gelangen — aus vielerlei Gründen. Heilpraktische Leistungen zum Beispiel: Man muss sie nicht zwingend anbieten, aber es gibt Menschen, denen das wichtig ist. Wahlleistungen und Chefarztbehandlung werden nie ins gesetzliche System eingehen —  das ist auch nicht zwingenderweise erforderlich, aber viele schätzen diese Leistungen. Beim Zahnersatz ist ein bestimmtes Versorgungsniveau für viele Menschen schlicht eine Herzensangelegenheit. Wir geben diesen Menschen einen Schutz, den sie gesetzlich nicht erhalten könnten — und helfen damit auch dem System insgesamt, weil wir Leistungserbringer finanzieren, die sonst möglicherweise nicht tragfähig wären.

Die Hanse Merkur zählt zu den wachstumsstärksten — womöglich sogar zum wachstumsstärksten privaten Krankenversicherer am Markt. Welche strategische Bedeutung hat das PKV-Geschäft heute für Ihr Haus, und wo sehen Sie die größten Wachstumschancen?

Sautter: Rund zwei Drittel unserer Gesamtbeitragseinnahmen entfällt auf das PKV-Geschäft. Der Gesundheitsmarkt ist unser wichtigstes Standbein und wird es bleiben, da bin ich mir ziemlich sicher. Zudem ist Gesundheit natürlich auch ein europäisches Thema und auch dort gibt es Möglichkeiten in Zukunft neben Deutschland Wachstum zu generieren. In jedem Land der Welt wird ein erheblicher Teil der Gesundheitsversorgung über Selbstzahler und Zusatzversicherungen finanziert, in vielen Ländern sogar deutlich mehr als bei uns. Nehmen wir die Schweiz als Beispiel: Dort fließen fünfundsiebzig Prozent des Beitrags ins Grundsystem, und fünfundzwanzig Prozent gehen zusätzlich in die private Krankenzusatzversicherung. Übertragen auf das deutsche System mit einem Gesamtumsatz von rund fünfhundert Milliarden Euro würde das über hundert Milliarden Euro Prämienvolumen im privaten Krankenversicherungsmarkt bedeuten — heute sind es vierundfünfzig. Das zeigt, was allein mit Zusatzversicherung möglich wäre, je nach Ausgestaltung des Systems. Die Nachfrage ist letztlich getrieben durch den demographischen Wandel: In einer älter werdenden Gesellschaft wird Gesundheit als Wert immer wichtiger — und je wichtiger dieser wird, desto mehr werden Menschen versuchen, das, was ein Standardsystem nicht leistet, auf einem zusätzlichen Weg zu bekommen.

Stichwort zusätzlicher Weg — damit sind wir beim Thema bKV. Die gewinnt massiv an Bedeutung, die Wachstumszahlen liegen konstant im zweistelligen Prozentbereich. Welche Rolle spielt die betriebliche Krankenversicherung in Ihrer Wachstumsstrategie?

Sautter: Sie ist sehr wichtig. Sie wird aber ihre Bedeutung erst dann ganz entfalten, wenn die Sachbezugsfreigrenze angehoben wird. Derzeit kann ein Arbeitgeber maximal fünfzig Euro monatlich steuerfrei für diverse Leistungen zugunsten des Arbeitnehmers einsetzen. Würde diese Grenze erhöht oder für die bKV ein eigener Freibetrag geschaffen, würde das Segment deutlich attraktiver. Im Moment haben Arbeitgeber das Problem, dass sie beim Überschreiten dieser fünfzig Euro alles versteuern müssen. Und das ist nicht wenig. An dieser Grenze müsste der Gesetzgeber ansetzen, denn viele Arbeitgeber tun heute bereits viel für ihre Mitarbeiter — scheitern aber genau an dieser Deckelung. Was an Restbudget nach anderen Sachbezügen noch übrig bleibt, fließt dann in die bKV. Gäbe es hier mehr Spielraum, würden deutlich mehr Arbeitgeber den Schritt gehen.

Viele Beobachter sehen in der bKV ja mehr als einen Zusatzbaustein — sie betrachten sie als strategisches Instrument der Personalpolitik. Erwarten Sie, dass die bKV eine ähnlich dynamische Entwicklung nehmen wird wie seinerzeit die betriebliche Altersversorgung? Die Marktdurchdringung ist ja noch extrem gering.

Sautter:  Davon gehe ich aus, aber  nur mit einer entsprechenden Reform.. Es ist immer derselbe Dreiklang: gesetzliche Vorsorge, private Vorsorge — und dann, weil das Geld in einer alternden Gesellschaft eben nicht reicht, die Frage: Was kann der Arbeitgeber dazu beitragen? Der Arbeitgeber bringt sich ein, wenn er einen eigenen Nutzen darin sieht — und der Nutzen ist Mitarbeitergewinnung und -bindung. Der ist da. Jetzt muss ihm der Staat schlicht erlauben, das zu tun, ohne dass es zu einer zusätzlichen Steuerbelastung führt.

Vor dem Hintergrund deutlicher Defizite in der staatlichen Zusatzversorgung — könnte die bKV, Stichwort Pflege, dort nicht eine deutlich größere Rolle einnehmen?

Sautter: Ganz klar, ja. Aber wir stoßen immer wieder an die Fünfzig-Euro-Grenze. Wenn der Arbeitgeber den Mehrwert als geldwerten Vorteil versteuern muss,  nimmt man ihm einen Großteil des Anreizes. Und warum will der Staat daran auch noch Steuern verdienen?

Gibt es diesbezüglich Gespräche zwischen der Branche und der Politik?

Sautter: Im Rahmen der aktuellen Reformdiskussion ist das Thema nicht auf der Agenda — es war auch in den sechsundsechzig Vorschlägen der Finanzkommission Gesundheit nicht enthalten. Wenn man ins Ausland schaut –  Frankreich etwa macht beim Thema betriebliche Krankenzusatzversicherung deutlich mehr —, sieht man: Andere Länder stehen vor denselben Herausforderungen. Die eigentliche Frage lautet doch: Was leistet der Staat, was kann der Mensch selbst tun, und was könnte der Arbeitgeber beitragen? Dieser dritte Aspekt ist bei uns bislang nur in der Altersvorsorge ausgebaut. Im Gesundheitsbereich ist das noch nicht ausreichend angekommen. Mein Eindruck ist,  dass dies noch stärker ins  Bewusstsein gerückt werden muss.

Stichwort Beamtensegment. Sie haben einen neuen Tarif entwickelt, mit dem Sie sich in diesem Markt positionieren wollen — wobei die Konkurrenz mit der Debeka eine echte Hausmacht ist.

Sautter:  Es stimmt, dass die Debeka seit Jahrzehnten den Beamtenmarkt dominiert. Trotzdem ist dieses Geschäftsfeld mit etwa 50 Prozent der Krankenvollversicherten groß genug, um auch für die Hanse Merkur attraktiv zu sein.

Welche Bedeutung hat das Geschäftsfeld Beamte für Ihr Haus?

Sautter: Wer für sich in Anspruch nimmt, ein rundum starker Gesundheitsanbieter für den kompletten Markt der Vollversicherten sein zu wollen, für den war es nur eine Frage der Zeit, wann er diesen Schritt in den Beamtenmarkt geht. Bei uns war es schlicht eine Frage der Prioritäten — wir hatten in den letzten Jahren viele gute Ideen gleichzeitig und haben uns in allen Segmenten der Krankenversicherung sehr gut entwickelt. Wir haben aber auch in der Lebensversicherung, im Reisebereich, im Sachkomposit und in der Tierversicherung erfolgreich viel Neues umgesetzt. Der umfassende Einstieg in den Beamtenmarkt braucht einen hohen Fokus und den haben wir seit 2025 klar gesetzt und wir haben ihn aus unserer Sicht wirklich vollständig durchdacht. Es geht nicht nur um das Produkt, nicht nur um die AVB, nicht nur um die Wissensdatenbank, nicht nur um den Vertrieb. Wir haben uns rundherum klargemacht: Welche Zielgruppen sprechen wir mit welcher Kraft an? Deshalb jetzt.

Im Beamtenmarkt spielen neben Vertrauen und langfristiger Beitragsstabilität auch spezialisierte Beratung und Zukunftssicherheit eine wichtige Rolle. Welche Resonanz erleben Sie bislang auf den neuen Tarif im Makler- und Vermittlermarkt?

Sautter: Unsere neuen Beamtentarife kommen sehr gut an. Wenn ich allein die Entwicklungen der vergangenen rund sechs Monate nehme, stimmt mich das sehr positiv. Stand heute, werden wir  unsere Ziele — so wie wir sie uns gesetzt haben — im Horizont von ein bis drei Jahren erfüllen.

Sie haben eine eigene Ausschließlichkeitsorganisation, arbeiten aber traditionell auch eng mit Maklern und freien Vermittlern zusammen. Welche Bedeutung hat der freie Vertrieb heute für Ihr Wachstum, gerade in einem zunehmend regulierten und beratungsintensiven Marktumfeld?

Sautter: Der größte Vertriebspartner in der Krankenvollversicherung sind eindeutig die freien Makler. Unsere Stärke basiert aber auf der Vielzahl unserer Vertriebswege. Das schafft Stabilität in unruhigen Zeiten.

Wenn wir auf das außerordentlich erfolgreiche Geschäftsjahr 2025 zurückblicken und dann einen Ausblick auf 2026 wagen: Welche Themen werden die Hanse Merkur strategisch am stärksten prägen — Gesundheitsreform, Kostenentwicklung im Gesundheitswesen, Digitalisierung und KI oder ein sich verschärfender Wettbewerb mit Plattformen?

Sautter: Strategisch am stärksten werden Digitalisierung und KI prägen — was wir dort tun, wirkt für Jahre, unabhängig davon, was sonst im Markt passiert. Zur Gesundheitsreform: Wenn sie so ähnlich kommt wie derzeit angedacht, folgt wahrscheinlich bereits in zwei Jahren die nächste. Ihre Wirkung ist also begrenzt. Was sie jedoch bewirkt hat, ist mehr öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema Gesundheit beziehungsweise Gesundheitssystem. Davon können wir als Krankenversicherer mittelbar profitieren, bestenfalls stärkt die Debatte den Gedanken, die Eigenverantwortung mit zielgerichtetem Fördern, Fordern und Belohnen weiter zu auszubauen.


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