Gilt Gold weiterhin als sicherer Hafen?
Neumann: Auf jeden Fall. Gerade in Krisen hat Gold bewiesen, dass es gegenüber Aktien und Aktienfonds absichern kann und sich innerhalb einer Vermögensstruktur anders verhält. Bis Anfang oder Mitte Mai stieg der Goldpreis auf ein sehr hohes Niveau. Zu klären ist, warum Edelmetalle zuletzt schwächer waren und welche Faktoren für eine Erholung sprechen. Entscheidend ist dabei nicht, dass Gold in jeder einzelnen Marktphase steigt. Seine Funktion zeigt sich vielmehr im Zusammenspiel mit anderen Anlageklassen. Es kann Schwankungen im Gesamtvermögen abfedern und bietet gerade dann Stabilität, wenn Vertrauen in Aktienmärkte, Währungen oder politische Institutionen nachlässt.
Dros: Ja. Ein Artikel des Wall Street Journal vom 19. September 2022 zeigt im Rückblick, dass sich der Goldpreis seitdem etwa verdoppelt hat. Die Erwartung, dass Gold in jeder Krise sofort steigt, ist allerdings falsch. Langfristig dürften vor allem die Schwellenländer die Nachfrage treiben; den jüngsten Rückgang sehe ich als zyklische Korrektur.
Kittendorf: Es kann nicht dauerhaft nur aufwärtsgehen. Der Goldpreis hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt. Signale politischer Entspannung und ein stärkerer Dollar belasten ihn zeitweise. Die globalen Risiken und die steigende Staatsverschuldung bleiben jedoch bestehen.
Welche Faktoren haben den jüngsten Rückgang ausgelöst?
Neumann: Der starke US-Dollar und Äußerungen der Fed, die höhere Zinsen erwarten lassen, haben das Investorenverhalten verändert. Hinzu kommt die hohe Liquidität von Edelmetallen: Wer in unsicheren Zeiten Geld benötigt, verkauft leicht handelbare Positionen. Das setzt den Markt kurzfristig unter Druck, eröffnet langfristig orientierten Investoren aber günstigere Einstiegsmöglichkeiten. Wer mit hohen zweistelligen oder dreistelligen Millionenbeträgen handelt, realisiert Gewinne, steigt aus und kauft später günstiger zurück. Solche Transaktionen erklären kurzfristige Ausschläge, sagen aber wenig über die strategische Bedeutung von Gold in einem langfristig ausgerichteten Portfolio aus.
Dros: Außerdem war bereits eine erhebliche Krisenprämie eingepreist. Mit der vermeintlichen Entspannung ist sie zurückgegangen, ähnlich wie am Ölmarkt. Wiederaufgenommene Transporte durch die Straße von Hormus und der Waffenstillstand im Iran haben dazu beigetragen.
Kittendorf: Trotz solcher Schwankungen bleibt der Sicherheitscharakter von Gold bestehen.
Neumann: Das hat sich auch während der Corona-Krise im Vergleich zu DAX und Aktien gezeigt. Anleger sollten sich nicht von kurzfristigen Kursbewegungen treiben lassen, sondern die langfristigen Ursachen betrachten. Unser Klientel investiert nicht für einige Monate, sondern mittel- bis langfristig. Am großen Bild hat sich nichts geändert; Rückgänge schaffen vielmehr neue Einstiegschancen.
Dros: Für mich ist Gold ebenfalls ein langfristiger Vermögensschutz und kein Trading-Instrument. Von rund 450 Dollar im Jahr 2005 ist der Preis innerhalb von zwanzig Jahren auf knapp 3.400 Dollar gestiegen. Dieser lange Betrachtungszeitraum ist für unsere Kunden und Berater entscheidend. Wer nur sechs oder zwölf Monate betrachtet, misst Gold an einem Zweck, den es in unserem Beratungskonzept nicht erfüllen soll. Entscheidend ist, Kaufkraft über Marktzyklen hinweg zu sichern und das Vermögen gegenüber schwer planbaren Ereignissen robuster aufzustellen. Dafür braucht es einen Anlagehorizont, der eher in Jahrzehnten als in Quartalen gedacht wird.

Welchen Anlagehorizont und welchen Edelmetallanteil empfehlen Sie generell?
Dros: Das lässt sich nur individuell beantworten. Entscheidend sind der Zweck der Position, das Gesamtportfolio, die Anlageziele und das Alter des Kunden.
Neumann: Auch die Größenordnung hängt von Zielen, Bedürfnissen und Vermögen ab. Geht es um Vermögenssicherung, Rendite oder Diversifikation? Bei einem durchschnittlichen Kunden erzielt eine Quote von weniger als zehn bis fünfzehn Prozent kaum Wirkung. Wer beispielsweise 300.000 Euro einschließlich Altersvorsorge besitzt, könnte 30.000 Euro in Edelmetalle anlegen. Bei kleineren Vermögen würde ich die Quote gegebenenfalls höher ansetzen. Gold verbindet Sachwert, Inflationsschutz und Flexibilität. Eine starre Quote für alle Kunden wäre daher unseriös. Bei zehn Millionen Euro frei verfügbarem Vermögen stellt sich die Situation anders dar als bei 10.000 Euro Liquidität. Auch bestehende Immobilien, Wertpapiere, Rentenansprüche und kurzfristiger Kapitalbedarf müssen einbezogen werden.
Herr Kittendorf, halten Sie auch Quoten von 25 bis 30 Prozent für vertretbar?
Kittendorf: Je nach Kundenprofil ja. Im Ladengeschäft begegnen uns allerdings auch Menschen, die dem Geldsystem überhaupt nicht vertrauen und ihr gesamtes Vermögen in Edelmetalle legen wollen. Davon abgesehen schätzen viele, dass physische Edelmetalle kein Emittentenrisiko haben und keine laufende Kostenstruktur wie manche digitalen Anlagen mitbringen. Eine sehr hohe Quote sollte trotzdem bewusst gewählt werden. Wer sein gesamtes Vermögen in eine einzige Anlageklasse verlagert, verzichtet auf Diversifikation und muss Preisschwankungen sowie mögliche Liquiditätsbedürfnisse aushalten können. Im Gespräch versuchen wir deshalb zu klären, ob die Entscheidung aus einem langfristigen Konzept entsteht oder vor allem von einem aktuellen Krisenszenario getrieben ist.
Neumann: Bei physischem Eigentum entfällt zudem das Kontrahentenrisiko. Gerade in extremen Situationen ist das ein wesentliches Argument: Andere Anlagen können stark an Wert verlieren, während das Metall selbst erhalten bleibt.
Dros: Bei physischen Edelmetallen muss man zwischen der Verwahrung zu Hause, im Zollfreilager und außerhalb Europas unterscheiden. Diese Entscheidung gewinnt angesichts stärkerer Überwachung von Zahlungsströmen und möglicher Vermögensregister an Bedeutung. Jede Variante hat andere Vor- und Nachteile. Die Verwahrung zu Hause ermöglicht unmittelbaren Zugriff, verlangt aber ein tragfähiges Sicherheitskonzept. Ein professionelles Lager bietet Schutz, Dokumentation und Versicherung; bei einem Zollfreilager kommen insbesondere für Weißmetalle steuerliche Aspekte hinzu. Eine Lagerung außerhalb Europas kann für Kunden interessant sein, die auch geografisch diversifizieren möchten.
Wie verteilt sich das Geschäft zwischen persönlicher Mitnahme und professioneller Einlagerung?
Neumann: Bei uns entfallen mehr als 95 Prozent auf die Einlagerung. Das liegt auch an unserem Geschäftsmodell mit Maklern, Investment-, Vermögens- und Finanzberatern. Beim einzelnen Kunden prüfen wir, ob eine sichere häusliche Verwahrung möglich ist und ob er sich damit wohlfühlt. Für Silber, Platin und Palladium ist ein Hochsicherheits- oder Zollfreilager wegen Volumen und steuerlicher Rahmenbedingungen nahezu alternativlos. Professionelle Lagerung erleichtert außerdem regelmäßige Käufe und eine klare Bestandsführung. Kunden müssen nicht jedes einzelne Stück transportieren oder zu Hause geeigneten Raum schaffen. Wichtig bleiben ein eindeutiger Eigentumsnachweis, transparente Lagerbedingungen und die Möglichkeit, über das Metall im vereinbarten Rahmen zu verfügen. Diese Punkte sollten Berater vor Vertragsabschluss verständlich erklären.
Kittendorf: Wir selbst lagern nichts ein; bei uns nimmt der Kunde die Ware mit. Meist werden kleinere Barren oder Münzen gekauft, vereinzelt aber auch sehr große Beträge. Manche Kunden verfügen zu Hause über einen eigenen Safe und halten die Verwahrung dort für sicher. Die Kaufmotive sind sehr unterschiedlich. Einige möchten wenige, leicht handelbare Stückelungen als Reserve besitzen, andere bauen über längere Zeit einen Bestand auf. Auch große Transaktionen kommen vor, wenn die häuslichen Gegebenheiten eine sichere Verwahrung erlauben. Deshalb lässt sich aus der Kaufsumme allein nicht ableiten, ob ein Kunde professionelle Lagerung bevorzugen würde.
Über welche Vertriebswege erreichen Sie Ihre Kunden?
Kittendorf: Neben dem Direkthandel betreiben wir einen europäischen Großhandel. In Wien haben wir mehrere Filialen; außerdem beliefern wir andere Edelmetallhändler, die an ihre Kunden weiterverkaufen. Das Spektrum reicht von Kleinanlegern bis zu Family Offices. Im Endkundengeschäft ist unser Marketing der zentrale Vertriebskanal; im Großhandel kommen viele Partner wegen unserer langen Marktpräsenz und über Empfehlungen auf uns zu.
Neumann: Unser Modell basiert dagegen zu rund 95 Prozent auf Vertriebspartnern, die aktiv Kunden beraten. Rechtlich ist dafür keine besondere Zulassung erforderlich; eine Gewerbeanmeldung genügt. Fast alle angebundenen Berater verfügen dennoch bereits über eine entsprechende Zulassung.
Herr Dros, wie ist Ihr Vertrieb organisiert?
Dros: Ähnlich: Wir arbeiten mit Vertriebsstrukturen und einzelnen Maklern. Zusätzlich entwickelt FIDEXmetals ein tokenisiertes, physisch hinterlegtes Produkt für Banken und Vermögensverwalter. Mein Schwerpunkt bleibt jedoch der Vertriebspartner- und Retail-Bereich. Die physische Hinterlegung ist dabei zentral. Tokenisierung soll das Metall nicht durch ein rein digitales Versprechen ersetzen, sondern Eigentum, Transaktionen und Bestände technisch nachvollziehbarer machen. Für Banken und Vermögensverwalter kann dies Prozesse vereinfachen; für Endkunden bleibt wichtig, dass dem digitalen Abbild ein realer, überprüfbarer Bestand gegenübersteht.
Kittendorf: Auch wir beschäftigen uns mit Tokenisierung.
Dros: Als einziges Unternehmen am deutschen Markt, haben wir mit unseren Gesellschaftern C.Hafner und Zieman Valor ein Produkt gebaut, dass den Sicherheitsstandard für unsere Vertriebspartner vor allem aber auch unsere Kunden neu definiert. Die Herkunft des konfliktfreien Goldes und jeder einzelne Investitionsprozess ist transparent für jeden Kunden manipulatuionssicher festgehalten.Das sollte der Standard für jeden Produktanbieter werden.
Kittendorf: Das ist interessant, weil auch unsere österreichischen Partner eng mit C. Hafner vernetzt sind.
Bisher ging es vor allem um Gold. Welche Rolle spielen Silber, Platin und Palladium für Unternehmen, Vermittler und Anleger?
Neumann: Seit 2011 bieten wir als Markenzeichen einen Mix aus Gold, Silber, Platin und Palladium an – nach dem Grundsatz, dass Streuung Stabilität schafft. Die zwischenzeitlich außergewöhnliche Entwicklung von Palladium war damals nicht vorhersehbar. Aus meiner Sicht sollte ein Edelmetallportfolio neben Gold zumindest Silber und Platin enthalten.

Ist Ihr Vierer-Mix gleich gewichtet?
Neumann: Die Gewichtung ist frei wählbar. Kunden und Berater können je 25 Prozent ansetzen, ein Metall weglassen oder einzelne Metalle höher gewichten. Mehr als 80 Prozent wählen jedoch den klassischen Vierer-Mix. Damit vermeiden sie die kaum verlässlich zu beantwortende Frage, welches Metall sich am besten entwickeln wird. Politische Entscheidungen können Prognosen jederzeit verändern. Zugleich kaufen viele Zentralbanken, besonders in Schwellenländern, wegen wirtschaftlicher und geopolitischer Unsicherheiten mehr Gold und reduzieren ihre Dollarabhängigkeit. Die Metalle erfüllen unterschiedliche Funktionen. Gold wird vor allem als monetärer Sachwert und Reserve wahrgenommen, während Silber, Platin und Palladium stärker von industriellen Anwendungen geprägt sind. Gerade diese Unterschiede begründen die Streuung: Schwächelt ein Anwendungsbereich, können andere Nachfragefaktoren das Portfolio stabilisieren. Der Mix nimmt Kunden und Beratern den Druck, den jeweils besten Einstiegszeitpunkt oder Einzeltitel vorherzusagen.
Kittendorf: Wir bieten alle vier Metalle an, doch die Kunden kaufen überwiegend Gold. Ein wesentlicher Grund ist die Mehrwertsteuer auf die anderen Metalle. Wir empfehlen zwar eine Beimischung, orientieren uns aber am Kundenbedarf. Bei anonymen Käufen bis 2.000 Euro bleibt wenig Spielraum für eine breite Streuung. Kunden mit Anlagebeträgen über 50.000 Euro lassen sich häufiger beraten und akzeptieren eher die steuerlichen Mehrkosten. Insgesamt entfällt nahezu der gesamte Absatz auf Gold; in Österreich spielt Silber im Endkundengeschäft kaum eine Rolle. Viele Filialkunden kommen bereits mit einer klaren Kaufentscheidung. Unser Gespräch ist deshalb nicht mit einer umfassenden, produktübergreifenden Anlageberatung vergleichbar. Bei größeren Beträgen werden Empfehlungen zur Stückelung und Beimischung wichtiger. Dann lässt sich auch erklären, warum die Mehrwertsteuer nicht das einzige Kriterium sein sollte und welche Rolle unterschiedliche Metalle im Gesamtbestand übernehmen können.
Herr Dros, welche Weißmetalle empfehlen Sie?
Dros: Vor allem Silber und Platin. Silber befindet sich im sechsten Defizitjahr; reine Silberminen werden seltener, und das Metall fällt zunehmend als Nebenprodukt an. Gleichzeitig steigt die Nachfrage aus Industrie und Technologie. Auch bei Platin ist das Angebot angespannt: Rund 70 Prozent stammen aus Südafrika, wo die Förderung in großen Tiefen immer schwieriger wird. Für beide Metalle erwarte ich deshalb langfristig deutliche Preissteigerungen. Bei einem Nebenprodukt kann das Angebot nicht allein wegen eines höheren Silberpreises schnell ausgeweitet werden. Es hängt auch von der Förderung des jeweiligen Hauptmetalls ab. Das macht den Markt unelastischer. Bei Platin konzentrieren sich Produktion und politische Risiken stark auf wenige Regionen. Steigende Kosten, Energieprobleme und alternde Infrastruktur können das verfügbare Angebot zusätzlich begrenzen.
Neumann: Bei Platin kommt der Bedarf für grünen Wasserstoff hinzu. Bis 2030 wird eine Elektrolysekapazität von 205 Gigawatt erwartet; dafür könnten jährlich rund 74 Tonnen Platin benötigt werden. Zusammen mit den Infrastruktur- und Minenproblemen in Südafrika spricht das für ein Angebotsdefizit. Auch Silber profitiert von neuen Technologien und struktureller Knappheit. Die zeitweise erreichte Marke von 100 Euro zeigt, welche Dynamik möglich ist. Solche Zielmarken sind keine Garantie, verdeutlichen aber die Größenordnung möglicher Bewegungen. Bei Industriemetallen können schon kleine Abweichungen zwischen Angebot und Nachfrage große Preiswirkungen entfalten, weil Lagerbestände begrenzt und neue Förderkapazitäten langsam verfügbar sind. Anleger sollten dieses Potenzial deshalb immer zusammen mit der höheren Volatilität betrachten.
Dros: Zudem hat die große Kapitalrotation der institutionellen Investoren in Rohstoffe noch nicht stattgefunden. Viele große Häuser sind weiterhin niedrig positioniert.
Unterscheidet sich die Preisbildung der Weißmetalle damit deutlich von der des Goldes?
Neumann: Ja. Silber, Platin und Palladium werden stärker durch industrielle Nachfrage, technologische Entwicklungen und Angebotsengpässe getrieben. Wenn Gold teuer ist, suchen Anleger außerdem nach alternativen Absicherungsinstrumenten. Dadurch können die Weißmetalle zugleich Anlage- und Industriemetalle sein. Konjunktursorgen können sie kurzfristig belasten, während strukturelle Trends wie Elektrifizierung, Photovoltaik, Wasserstofftechnik und neue Elektronik ihre Nachfrage langfristig erhöhen. Gold reagiert dagegen stärker auf Realzinsen, Währungen, Zentralbankkäufe und das allgemeine Sicherheitsbedürfnis der Anleger.
Dros: China bindet einen erheblichen Teil des Silberangebots im eigenen Markt.
Neumann: Der globale Wettbewerb um Rohstoffe läuft seit Jahrzehnten, etwa durch Chinas Engagement in Afrika. Bei Silber kommt hinzu, dass China die Ausfuhren stark begrenzt hat.
Dros: Die Spannungen zwischen China und Taiwan könnten die Rohstoffversorgung zusätzlich beeinträchtigen – in einem Ausmaß, das heute schwer abzuschätzen ist.
Können sich die Edelmetallpreise wegen dieser unterschiedlichen Treiber auch gegenläufig entwickeln?
Kittendorf: Ja. Die jeweiligen Angebots-, Nachfrage- und Krisenfaktoren wirken unterschiedlich, weshalb sich die Preise nicht zwangsläufig parallel bewegen.
Lässt sich eigentlich nachvollziehen, woher Gold und andere Edelmetalle stammen?
Neumann: Grundsätzlich ja, doch in unserem Kundensegment spielt die Herkunft bislang kaum eine Rolle. Bei Material, das lange im Umlauf ist, lässt sie sich ohnehin nur schwer bestimmen. Unsere Berater und deren Kunden fragen selten danach und zeigen kaum Bereitschaft, für einen Herkunftsnachweis mehr zu bezahlen. Das kann sich mit neuen Kundengenerationen ändern. Gegenwärtig sehen wir aber noch eine deutliche Lücke zwischen allgemeinem Interesse an Nachhaltigkeit und tatsächlicher Zahlungsbereitschaft beim Kauf. Zudem muss unterschieden werden zwischen neu gefördertem Metall, recyceltem Material und Beständen, die seit Jahrzehnten gehandelt werden. Für letztere ist eine lückenlose Rückverfolgung praktisch kaum möglich.
Herr Dros, beobachten Sie eine andere Nachfrage?
Dros: Teilweise. Vor allem jüngere und sehr vermögende Kunden fragen häufiger nach sozialen und ökologischen Bedingungen der Förderung. In der Branche wird deshalb über getrennte Preise für nachhaltig gewonnenes und konventionelles Gold diskutiert. Gemeinsam mit C. Hafner verwenden wir ausschließlich recycelte Edelmetalle und bilden die Wertschöpfungskette auf der Blockchain ab. Vollständige Transparenz ist zwar nicht erreichbar, aber wir wollen sie so weit wie möglich erhöhen. Für diese Kundengruppen reicht es immer seltener, nur Gewicht und Feingehalt zu dokumentieren. Sie möchten wissen, ob Menschenrechte, Umweltstandards und verantwortungsvolle Beschaffung berücksichtigt wurden. Recyceltes Metall reduziert zwar nicht jede offene Frage, vermeidet aber neue Förderung. Die Blockchain kann Nachweise entlang der Verarbeitungskette unveränderbar dokumentieren und genau das tun wir.
Welche Standards gelten für verantwortungsvoll gewonnenes oder recyceltes Gold?
Dros: Maßgeblich sind unter anderem die Richtlinien der London Bullion Market Association und der OECD. Sie definieren Anforderungen an verantwortungsvolle Lieferketten.
Kittendorf: Im europäischen Handel sind vor allem die LBMA-Zertifizierungen etabliert. Ein gesondertes, allgemein anerkanntes ESG-Gold mit eigener Preisstruktur gibt es darüber hinaus bislang kaum.

Wie beurteilen Sie die weitere Entwicklung des Goldpreises?
Kittendorf: Wegen der anhaltenden und zunehmenden Unsicherheiten dürfte Gold seinen Wert langfristig erhalten und steigern. Frühere Prognosen, die Preise über 3.000 Dollar ausschlossen, wurden rasch widerlegt. Kurzfristige Ziele bleiben Spekulation; langfristig wird Gold aus meiner Sicht weiter steigen und seine Funktion als Absicherungsanlage behalten.
Neumann: Ein zentraler Treiber ist die Nachfrage der Notenbanken, die ihre Goldbestände ausbauen und ihre Abhängigkeit vom US-Dollar verringern. Einzelne Institute haben mittelfristig sogar Preise von 8.000 Dollar genannt. Solche Marken sind unsicher, doch die politische und wirtschaftliche Lage spricht dafür, dass Zentralbanken weiter kaufen. Trotz zwischenzeitlicher Rückgänge halte ich eine Verdopplung innerhalb von fünf bis zehn Jahren für möglich. Dabei ist weniger eine einzelne Krise ausschlaggebend als eine dauerhafte Unsicherheit, die aus geopolitischen Konflikten, hoher Verschuldung und Veränderungen der Weltwirtschaft entsteht. Notenbanken reagieren darauf strategisch und nicht nur für wenige Monate. Ihre Käufe können deshalb einen langfristigen Nachfrageboden bilden. Gleichwohl wird die Entwicklung nicht geradlinig verlaufen; deutliche Korrekturen gehören auch in einem steigenden Markt dazu.
Der Goldpreis bleibt also von politischen Entscheidungen und besonders von Zentralbanken abhängig?
Dros: Kurzfristig dürfte die Zinspolitik den größten Einfluss haben und für hohe Volatilität sorgen. In früheren Zyklen, etwa zwischen 2001 und 2011, stieg Gold um rund 650 Prozent und Silber um etwa 1.000 Prozent. Im aktuellen Zyklus sehe ich deshalb noch Potenzial.
Neumann: Das gilt nicht nur für Gold. Silber ist zuletzt aus dessen Schatten getreten und hat zeitweise außergewöhnliche Zuwächse gezeigt. Entscheidend sind die industrielle Nachfrage und das knappe Angebot: Mehr als 70 Prozent der Förderung entstehen als Nebenprodukt. Selbst neu geplante Minen würden vor 2030 kaum nennenswerte Mengen liefern. Deshalb erwarte ich in den kommenden Jahren eine spannende Entwicklung am gesamten Edelmetallmarkt. Neue Minen benötigen lange Genehmigungs-, Finanzierungs- und Bauphasen. Eine steigende Nachfrage lässt sich deshalb nicht kurzfristig durch zusätzliches Angebot beantworten. Gleichzeitig konkurrieren klassische Anleger, Industrieunternehmen und strategische Käufer um dasselbe Material. Diese Kombination kann starke Preisbewegungen auslösen, macht den Markt aber ebenso anfällig für zwischenzeitliche Übertreibungen.
Dros: Gold hat bei den weltweiten Währungsreserven bereits Anleihen überholt. Dieser Mix aus Verschuldung, Unsicherheit und geopolitischen Risiken dürfte die Flucht in sichere Anlagen fördern – bei weiterhin starken Schwankungen.
Neumann: Hinzu kommt die geringe Goldquote im deutschen Gesamtvermögen. Sie liegt statistisch nur bei etwa drei bis dreieinhalb Prozent. Selbst eine Verdopplung wäre noch keine Übergewichtung, würde aber in Deutschland, Europa und weltweit ein enormes Nachfragevolumen erzeugen. Im Beratermarkt hat sich die Wahrnehmung bereits deutlich verändert. Als wir Anfang 2010 mit Edelmetallen begannen, verwiesen viele Vermittler vor allem auf die fehlenden Zinsen und hielten Gold für ein Randthema. Heute wird seine Rolle als eigenständiger Portfoliobaustein breiter anerkannt. Schon eine moderate Verschiebung der durchschnittlichen Vermögensquote könnte daher erheblichen zusätzlichen Bedarf auslösen.
Wie lassen sich Edelmetalle für die nächste Anlegergeneration positionieren? Betrifft der Generationswechsel eher die Berater oder auch die Kunden?
Neumann: Beides. Viele freie Versicherungs- und Finanzvermittler stehen vor der Nachfolgefrage; zugleich kommen nur wenige junge, unabhängige Berater nach. Der Markt verschiebt sich eher zu gebundenen Strukturen großer Unternehmen. Deshalb müssen Produkte und Vertriebswege die Erwartungen der nächsten Generation erfüllen. Tokenisierung kann darauf ebenso eine Antwort sein wie ein einfach zugängliches physisches Produkt. Der Generationswechsel verändert damit nicht nur die Ansprache, sondern auch die Infrastruktur des Vertriebs. Wenn etablierte Berater ausscheiden und keine Nachfolger finden, gehen gewachsene Kundenbeziehungen verloren. Digitale Prozesse müssen diesen Übergang erleichtern, dürfen die persönliche Beratung aber nicht vollständig ersetzen. Gerade bei langfristiger Vermögenssicherung bleiben Vertrauen, verständliche Kosten und klare Eigentumsverhältnisse wesentlich.
Kittendorf: Auch unsere Kundschaft wird älter. Wir richten das Marketing deshalb stärker auf junge Menschen aus, damit Edelmetalle im allgemeinen Bewusstsein bleiben. Digitale Zugänge über das Smartphone können Interesse wecken; zugleich wollen wir vermitteln, welchen Wert der physische Besitz hat. Dabei müssen Sprache und Darstellung zeitgemäßer werden. Junge Menschen informieren sich anders, vergleichen Angebote schneller und erwarten einfache digitale Kontaktpunkte. Trotzdem sollte nicht der Eindruck entstehen, Edelmetalle seien ein kurzfristiger Trendartikel. Unsere Aufgabe ist es, den langfristigen Nutzen verständlich zu erklären und den Übergang vom digitalen Interesse zum bewussten physischen Kauf zu erleichtern.
Herr Dros, welche Strategie verfolgen Sie für jüngere Kunden?
Dros: Für sie muss der Zugang einfach und transparent sein. Nach mehreren Skandalen am Goldmarkt kann eine nachvollziehbare Dokumentation auf der Blockchain Vertrauen schaffen. Moderne Technologie und die Verbindung zu Zukunftsthemen, etwa KI und neue Industrien, können ebenfalls zeigen, warum Edelmetalle relevant bleiben. Die Technik darf allerdings kein Selbstzweck sein. Junge Kunden erwarten eine intuitive Bedienung, niedrige Einstiegshürden und jederzeit verständliche Informationen über Bestand, Verwahrung und Verkauf. Wenn ein digitales Angebot diese Anforderungen erfüllt und zugleich physisch besichert ist, verbindet es die Vertrautheit einer App/Plattform mit den Eigenschaften eines realen Sachwerts.
Neumann: Junge Menschen legen großen Wert auf Unabhängigkeit, Freiheit und Flexibilität. Das erklärt auch die Attraktivität von Kryptowährungen.
Wie grenzen Sie Edelmetalle von Bitcoin ab?
Neumann: Bitcoin kann für bestimmte Anleger interessant sein, ist aber sehr volatil, technisch abhängig und besitzt keinen intrinsischen Wert. Zudem können Aussagen einzelner prominenter Personen oder regulatorische Entscheidungen den Preis stark bewegen.
Dros: Bitcoin wird zunehmend reguliert, etwa durch die MiCA-Verordnung. Auch die Verwahrung und die nur vermeintliche Dezentralität werfen Fragen auf. Als Bestandteil eines diversifizierten Portfolios hat Bitcoin seine Berechtigung, ich würde Gold jedoch höher gewichten, weil es physisch verfügbar und fungibel ist. Anleger sollten deshalb nicht nur auf die Kursentwicklung schauen, sondern auch verstehen, wo und wie ihre digitalen Vermögenswerte gespeichert werden, welche Gegenparteien beteiligt sind und welche regulatorischen Änderungen möglich sind. Bei Gold sind Verwahrung und Handel ebenfalls nicht risikofrei, doch der zugrunde liegende Vermögenswert existiert unabhängig von einer bestimmten Software oder Plattform.
Neumann: Die Anlageformen schließen einander nicht aus. Für viele junge Anleger dürfte ein einfacher Sparplan oder ein Edelmetalldepot mit digitaler Antragsstrecke attraktiver sein als der einzelne Krügerrand oder die Silbermünze.
Kittendorf: Edelmetalle haben bislang keinen vergleichbaren Hype wie Kryptowährungen erlebt. Gerade ihre Unabhängigkeit könnte sie für eine jüngere Generation wieder zum Trend machen. Da junge Menschen immer früher investieren, kann der Anteil der Edelmetallbesitzer in dieser Gruppe schnell wachsen. Entscheidend ist, rechtzeitig verständliche und zeitgemäße Zugänge anzubieten.
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