Der jüngste Rückgang der US-Goldnachfrage sorgt derzeit für Aufmerksamkeit an den Märkten. Auf den ersten Blick könnte das wie ein Warnsignal wirken — tatsächlich spreche aber vieles dafür, dass sich dahinter eine tiefgreifendere Veränderung des Goldmarktes verbirgt, so Bernhard Schmitt, Leiter Equity und Multi Manager Management bei der Liechtensteinischen Landesbank (LLB).
„Bemerkenswert ist derzeit vor allem, dass der Goldpreis trotz erheblicher ETF-Abflüsse in den USA vergleichsweise stabil bleibt.
Allein im März verzeichneten US-gelistete Gold-ETFs laut World Gold Council Abflüsse von 85 Tonnen. Gleichzeitig fiel die US-Goldnachfrage im ersten Quartal auf nur noch rund ein Drittel ihres langfristigen Durchschnitts. Noch vor einigen Jahren hätten Bewegungen dieser Größenordnung den Goldmarkt vermutlich deutlich stärker belastet.
Heute zeigt sich ein anderes Bild: Während westliche Investoren Gewinne mitnehmen, bleiben die physische Nachfrage in Asien sowie die Käufe vieler Zentralbanken robust. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass Gold selbst in einem Umfeld vergleichsweise hoher US-Realzinsen und deutlicher ETF-Abflüsse nahe historischer Höchststände notiert. Das spricht dafür, dass der Markt zunehmend von geopolitischen und strategischen Käufern getragen wird — und weniger stark als früher von kurzfristigen Kapitalmarktströmen westlicher Investoren.
Was wäre, wenn der Ölpreis wieder deutlich nachgibt? Aus unserer Sicht könnte genau das ein zusätzlicher Trigger für Gold sein. Denn ein fallender Ölpreis würde Inflationssorgen tendenziell dämpfen und den Notenbanken mehr Spielraum für Zinssenkungen geben. Für Gold wäre das ein potenziell günstiges Umfeld: niedrigere Realzinsen, ein möglicherweise schwächerer US-Dollar und zugleich anhaltende Nachfrage nach Absicherung gegen geopolitische und fiskalische Risiken.
Gold entwickelt sich damit zunehmend von einem primär westlich geprägten Finanzinvestment hin zu einem geopolitischen Reserve- und Vertrauensasset. Dazu passt auch, dass Zentralbanken laut World Gold Council bereits das dritte Jahr in Folge jeweils mehr als 1.000 Tonnen Gold gekauft haben. Parallel dazu hat China seine Bestände an US-Staatsanleihen in den vergangenen Jahren deutlich reduziert, während die offiziellen Goldreserven seit Ende 2022 kontinuierlich erhöht wurden.
Die Debatte um Staatsverschuldung, geopolitische Fragmentierung und langfristige Dollar-Abhängigkeiten dürfte damit für den Goldmarkt relevanter bleiben als kurzfristige ETF-Ströme. Die aktuelle Schwäche könnte daher weniger ein Warnsignal sein als vielmehr eine marktübliche Konsolidierung innerhalb eines langfristigen strukturellen Trends.“















