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Gold & Silber: Langfristig im Aufwärtstrend

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Schulden, Realzinsen und Zentralbankkäufe stützen Gold, während Silber zusätzlich von industrieller Nachfrage profitiert.

Nach einer historischen Rally sind Gold und Silber kräftig eingebrochen. Zinsängste und ein stärkerer Dollar belasten die Preise. Doch Schulden, Zentralbankkäufe und die industrielle Silbernachfrage sprechen gegen ein Ende des langfristigen Aufwärtstrends.


Gold und Silber stehen wieder einmal vor Gericht: zu stark gestiegen, zu weit gelaufen, zu anfällig für Zinsängste. Gold legte seit Anfang 2024 von rund 2.000 US-Dollar je Unze auf zeitweise über 5.500 US-Dollar zu, bevor der Preis vorübergehend wieder unter 4.000 US-Dollar fiel. Silber traf die Korrektur noch stärker – nach spektakulärer Rally halbierte sich der Preis zeitweise. Wer allein auf den Chart blickt, könnte den Edelmetallboom bereits für beendet halten. Doch dieser Schluss greift zu kurz.

Nach einer Rally von weit mehr als 100 Prozent ist eine scharfe Korrektur kein Beweis für ein Ende des Trends. Sie ist zunächst einmal das, was Märkte nach starken Übertreibungen regelmäßig tun: Sie atmen aus. Manchmal sogar so heftig, dass Anleger kurz prüfen, ob der Markt noch lebt. Das ist unschön, aber nicht ungewöhnlich. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob oder wie weit Gold gefallen ist. Die entscheidende Frage lautet, ob sich die fundamentalen Bedingungen verändert haben, die den Goldpreis überhaupt erst in diesen säkularen Aufwärtstrend geführt haben.

Erst Liquidität, dann Logik

Viele Anleger erwarten von Gold ein sehr einfaches Verhalten: Krise kommt, Gold steigt. Die Realität ist komplizierter. In akuten Stressphasen fällt Gold häufig zunächst mit, weil Liquidität wichtiger ist als Theorie.
Das war 2008 so. Während der Finanzkrise fiel Gold zunächst von rund 1.000 auf etwa 700 US-Dollar. Erst danach begann der eigentliche Anstieg, der den Preis bis 2011 auf über 1.900 US-Dollar führte. Das war 2020 erneut zu beobachten. Im Corona-Liquiditätsschock sank Gold im März kurzfristig von etwa 1.700 auf rund 1.450 US-Dollar, bevor es wenige Monate später noch im gleichen Jahr neue Rekordstände oberhalb von 2.000 US-Dollar erreichte.
Der Mechanismus ist immer ähnlich. In der ersten Phase einer Krise wird nicht verkauft, was schlecht ist. Verkauft wird, was liquide ist und im Gewinn liegt. Margin Calls, Risikoabbau und institutionelle Liquiditätsvorgaben unterscheiden nicht zwischen guten und schlechten Assets. In dieser Phase fällt fast alles – auch Gold.
Genau deshalb ist es gefährlich, Gold an den ersten Tagen oder Wochen einer Krise zu beurteilen. Gold reagiert kurzfristig auf Liquidität. Langfristig reagiert es auf die monetären Folgen dieser Krise.

Das Zinsargument ist richtig – aber unvollständig

Aktuell kommt ein zweiter Belastungsfaktor hinzu. Der Markt preist wieder höhere Zinsen ein. Der neue Fed-Chef Kevin Warsh gilt als glaubwürdiger Inflationsbekämpfer. Gleichzeitig sorgen robuste Arbeitsmarktdaten, hartnäckige Inflation und geopolitische Risiken rund um Energiepreise dafür, dass Zinssenkungen verschoben oder sogar neue Zinserhöhungen diskutiert werden.
Für Gold ist das kurzfristig belastend. Schließlich zahlt Gold keine Zinsen. Eine Anleihe mit höherem Kupon wirkt auf den ersten Blick attraktiver als ein Metall, das im Tresor liegt und keine Zinsen oder Dividenden überweist.
Doch der entscheidende Punkt ist nicht der Nominalzins. Entscheidend ist der Realzins, also der Zins nach Abzug der Inflation. Und genau hier beginnt das Missverständnis.

Wenn geopolitische Spannungen den Ölpreis treiben, steigt zunächst die Inflation. Notenbanken können darauf reagieren, aber sie reagieren verzögert und begrenzt. Sie müssten die Zinsen theoretisch deutlich stärker erhöhen, als es politisch, fiskalisch und wirtschaftlich verkraftbar wäre. Praktisch stehen sie vor einem Dilemma: Straffen sie zu stark, würgen sie die Konjunktur ab. Straffen sie zu wenig, bleibt die Inflation über dem Zins. Dann fällt der Realzins und die Attraktivität eines knappen, nicht beliebig vermehrbaren Vermögenswertes steigt.

Die Schulden setzen die Grenze

Der wichtigste Unterschied zu früheren Inflationsphasen liegt in den Schuldenständen. Die USA, Europa und Japan können sich dauerhaft deutlich höhere Zinsen kaum leisten. Höhere Zinsen bedeuten höhere Zinslasten, größere Haushaltsdefizite und zusätzlichen Refinanzierungsdruck. Gleichzeitig führen schwächere Konjunktur und fallende Steuereinnahmen zu neuen Haushaltslöchern. Das Problem löst sich also nicht durch höhere Zinsen. Es wird dadurch oft nur sichtbarer.

Damit entsteht ein anderer struktureller Zwang: Die Zinsen dürfen nicht dauerhaft so stark steigen, wie es zur vollständigen Inflationsbekämpfung notwendig wäre. Notenbanken werden daher immer wieder gezwungen sein, Liquidität bereitzustellen, Anleihemärkte zu stabilisieren oder im Extremfall die Zinskurve direkt zu beeinflussen. Der Begriff „Yield Curve Control“ klingt technisch. Inhaltlich bedeutet er: Der Staat kann sich zu marktgerechten Zinsen nicht mehr problemlos finanzieren, also muss die Notenbank helfen.

Wenn eine Notenbank Staatsanleihen kauft, schafft sie dafür Zentralbankgeld. Kauft hingegen eine ausländische Notenbank US-Anleihen aus bestehenden Dollarreserven, ist das kein neuer Geldschöpfungsakt in den USA. Genau deshalb ist die Entdollarisierung für Gold so wichtig. Wenn weniger ausländische Käufer US-Schulden finanzieren wollen, steigt der Druck auf die eigene Notenbank. Und hier liegt einer der stärksten strukturellen Treiber für Gold.

Gold steigt nicht wegen Krisen – sondern wegen ihrer Folgen

Der Goldpreis wird kurzfristig an Börsen gehandelt. Sein langfristiger Wert wird jedoch vom Geldsystem bestimmt.
Solange Staaten hohe Schulden tragen, Notenbanken ihre Bilanzen nicht glaubwürdig verkleinern können, Realzinsen strukturell unter Druck bleiben und Zentralbanken ihre Reserven weg vom Dollar diversifizieren, bleibt der säkulare Rückenwind für Gold intakt.

Die Zentralbanken selbst liefern dafür den vielleicht besten Hinweis. Nach Daten des World Gold Council kauften sie 2024 erneut mehr als 1.000 Tonnen Gold netto. 2025 lagen die Käufe mit 863 Tonnen zwar unter den extremen Rekordjahren, aber weiterhin deutlich über dem langjährigen Durchschnitt von 473 Tonnen. Auch für 2026 geht man wieder von Nettokäufen der Zentralbanken aus. Gold wird also nicht von Romantikern gekauft, die gern alte Münzen anschauen. Es wird von Institutionen gekauft, die Währungsreserven verwalten.

Der Grund ist schlicht: Gold ist keine Verbindlichkeit eines Staates. Es kann nicht eingefroren, abgewertet oder durch einen Haushaltsstreit beliebig vermehrt werden. Es ist nicht politisch neutral, weil die Welt neutral wäre, sondern weil Gold keinen Emittenten hat.

Der Goldbullenmarkt endet daher nicht, weil Gold einmal 25 oder 30 Prozent korrigiert. Er endet erst, wenn die Bedingungen verschwinden, die ihn tragen: fallende Schulden, glaubwürdige Haushaltskonsolidierung, dauerhaft positive Realzinsen, eine stabile Dollarordnung und nachlassende Zentralbanknachfrage. Wer diese Liste liest, erkennt das Problem. Sie wirkt derzeit eher wie ein Wunschzettel und nicht wie eine Prognose.

Silber mit demselben monetären Rückenwind – plus Industrienachfrage

Silber teilt viele monetäre Eigenschaften mit Gold, ist aber ökonomisch ein anderes Metall. Gold ist vor allem Bestandswert. Silber wird verbraucht. Genau daraus entsteht seine besondere Spannung.
Die industrielle Nachfrage nach Silber erreichte 2024 nach Zahlen des Silver Institute ein Rekordniveau von rund 680 Millionen Unzen, das auch 2025 wieder erreicht wurde. Photovoltaik, Elektronik, E-Mobilität, Medizintechnik, Digitalisierung und auch die Rüstungsindustrie benötigen Silber wegen seiner physikalischen Eigenschaften. Gleichzeitig stammen rund 70 Prozent der Silberförderung als Beiprodukt aus anderen Rohstoffminen. Das Angebot reagiert daher kaum auf steigende Silberpreise.
Seit 2021 produziert der Silbermarkt Jahr für Jahr weniger, als verbraucht wird. Die kumulierten Defizite bis Ende 2025 summierten sich auf fast 700 Millionen Unzen. Lagerbestände konnten diese Lücke bisher abfedern, aber genau das ist der Punkt: Ein Lagerbestand ist kein Geschäftsmodell. Er ist ein Puffer. Und Puffer werden kleiner, wenn man sie nutzt.
Silber ist deshalb volatiler als Gold, spekulativer und in Korrekturen brutaler. Aber der langfristige Case ist nicht schwächer. Er ist nur anders. Gold profitiert vom Vertrauensverlust in Geld. Silber profitiert zusätzlich von realer industrieller Knappheit.

Der Markt urteilt zu früh

Kurzfristig können Gold und Silber weiter unter Druck stehen. Wenn Zinsängste dominieren, der Dollar stärker wird oder Anleger Liquidität benötigen, können Edelmetalle fallen. Das ist kein Widerspruch zum langfristigen Investment Case. Es ist Teil des Weges.

Entscheidend ist, die Korrektur nicht mit einer Trendwende zu verwechseln. Die fundamentale Lage hat sich nicht verschlechtert. Schulden sind nicht verschwunden. Realzinsen sind nicht dauerhaft positiv. Die Entdollarisierung ist nicht beendet. Zentralbanken kaufen weiter Gold. Und Silber bleibt strukturell knapp.

Gold und Silber steigen nicht linear. Das haben sie nie getan. Aber sie steigen langfristig, wenn das Vertrauen in Geld sinkt, wenn Schulden monetarisiert werden und wenn Realzinsen unter Druck geraten. Genau das ist heute weiterhin der Fall und der langfristige Ausblick für Gold und Silber bleibt intakt.

Autor Tim Bröning ist Geschäftsführender Gesellschafter Bröning Investment & Consulting.


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