431 Millionen Euro – das ist der Preis eines einzigen Hitzetags mit Temperaturen über 30 Grad für die deutsche Volkswirtschaft. Die Zahl stammt von Prognos, errechnet im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums. Allein 2023 gingen schätzungsweise 37 Millionen Arbeitsstunden durch Hitze verloren. Und die Zahl der heißen Tage hat sich in Deutschland seit den 1950er-Jahren etwa verdreifacht.
Für Stephan Fasshauer, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), ist das kein überraschendes Ergebnis – wohl aber ein handlungsleitendes. „Hitze senkt Produktivität, Konzentration und Reaktionsfähigkeit, das Unfallrisiko steigt. Die Folgen des Klimawandels sind längst auch eine wirtschaftliche Frage“, sagt er. Die eigenen Daten der DGUV bestätigen das: Ab 30 Grad steigt die Zahl der Arbeitsunfälle um etwa acht Prozent gegenüber moderaten Temperaturen. Bei Wegeunfällen im Straßenverkehr beträgt der Anstieg sogar rund 17 Prozent.
Wer hinter dem Steuer einschläft, am Gerüst ins Schwanken gerät oder an der Maschine einen Moment lang unkonzentriert ist, zahlt unter Umständen einen höheren Preis als die Statistik erfasst. Fasshauer verweist auf Dachdecker bei weit über 39 Grad, Erzieher in aufgeheizten Kitas, Pflegekräfte im Sommer – Berufsgruppen, deren Risikoprofil sich mit dem Klima verschiebt.
Kein neues Recht, aber neue Routinen
Die DGUV versteht sich in diesem Kontext nicht als klimapolitischer Akteur. „Wir machen keine Klimapolitik. Wir sehen uns an, wo sich durch den Klimawandel Risiken für Sicherheit und Gesundheit verändern – und was wir präventiv dagegen tun können. Das ist unser gesetzlicher Auftrag“, stellt Fasshauer klar. Mehr Regulierung sei nicht automatisch die richtige Antwort: „30 Grad im Büro sind etwas anderes als 30 Grad bei schwerer körperlicher Arbeit auf einem Dach.“ Das Credo lautet: „So viel Regulierung wie nötig, aber so wenig wie möglich.“
Praktisch bedeutet das: Verschattung statt Klimaanlage, Nachtauskühlung, die Verlagerung körperlich schwerer Tätigkeiten in kühlere Tageszeiten. Lösungen, die zur Tätigkeit passen – und handhabbar bleiben. Branchenspezifisch denken ist dabei keine Floskel, sondern Voraussetzung: Ein Industriekonzern hat andere Spielräume als ein Handwerksbetrieb mit zwölf Beschäftigten. Die Berufsgenossenschaften und Unfallkassen kennen ihre Betriebe, und in der Selbstverwaltung gestalten Arbeitgeber und Versicherte gemeinsam – ein Praxistest für Präventionsmaßnahmen, bevor sie ausgerollt werden.
Dass das Thema in vielen Betrieben bereits angekommen ist, zeigt eine DGUV-Beschäftigtenbefragung aus dem Jahr 2022: 62 Prozent der Befragten sahen Handlungsbedarf bei Hitze in Innenräumen, knapp die Hälfte bei Arbeit im Freien, mehr als 40 Prozent bei psychischen Belastungen und Extremwetter. „Das Thema ist angekommen. Jetzt müssen aus Erkenntnissen Routinen werden“, sagt Fasshauer.
Feuerwehr, Starkregen, Zecken – das unterschätzte Spektrum
Besonders exponiert sind Einsatzkräfte. 2025 brannten in Deutschland 2.626 Hektar Wald – mehr als dreimal so viel wie im langjährigen Durchschnitt. Bei Waldbrandeinsätzen kommen schwere körperliche Belastung, extreme Hitze und Schutzkleidung zusammen. Dazu kommt die Exposition gegenüber Brandrauch und krebserzeugenden Stoffen. Das Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV untersucht, welchen Gefahrstoffen Einsatzkräfte dabei ausgesetzt sind und wie hoch ihre körperliche Belastung tatsächlich ist.
Neben Hitze und Feuer geraten andere Risiken leicht aus dem Blick. Längere Vegetationsperioden verändern den Pollenflug und begünstigen die Ausbreitung von Zecken und Mücken. Starkregen und Hochwasser bringen Gefahren durch kontaminierten Schlamm, biologische Arbeitsstoffe und Gefahrstoffe mit sich. Und Hitze wirkt auch psychisch – sie beeinträchtigt Schlaf und Konzentration und erhöht die Reizbarkeit. „Klimawandelfolgen sind eben nicht ein einzelnes neues Risiko, sondern verändern ein ganzes Spektrum von Belastungen“, sagt Fasshauer.
International sieht die DGUV Lernpotenzial. Sie arbeitet seit Jahrzehnten mit Arbeitsschutz- und Sozialversicherungsinstitutionen in Asien und Afrika zusammen – Regionen, die mit extremeren klimatischen Bedingungen bereits länger umgehen. Welche technischen oder organisatorischen Lösungen sich dort bewähren, sei keine Einbahnstraße, sondern verwertbares Wissen.















