Kaum hatte sich die Lage im Nahen Osten etwas entspannt, fiel auch der Ölpreis wieder deutlich zurück. Viele Kapitalmarktstrategen sehen darin den Beweis, dass das Schlimmste bereits überstanden ist. Die Straße von Hormus dürfte wieder vollständig geöffnet werden, das Ölangebot sich normalisieren und der Inflationsdruck wieder nachlassen. Die Schlussfolgerung erscheint logisch: Wenn der Ölpreis sinkt, gewinnt die US-Notenbank Argumentationsspielraum für Zinssenkungen oder zumindest für „keine Zinserhöhung“ – und die Kapitalmärkte können zur Tagesordnung übergehen.
Dies ist eine schlüssige Geschichte, vielleicht sogar eine zu schlüssige. Denn sie verwechselt Erwartungen mit Realität.
Die Börse handelt Erwartungen. Der Ölmarkt muss dagegen jeden Tag Millionen Barrel physisch liefern. Zwischen einer politischen Entspannung und einer tatsächlichen Normalisierung des Ölmarktes können Wochen oder sogar Monate liegen. Genau darin könnte sich ein Denkfehler vieler Marktteilnehmer verbergen.
Schlagzeilen schaffen kein Angebot
Die Straße von Hormus zählt zu den wichtigsten Nadelöhren der Weltwirtschaft. Rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Erdöls passieren diese Meerenge. Schon kleinere Störungen können deshalb erhebliche Auswirkungen auf den globalen Energiemarkt haben.
Selbst wenn sich die geopolitische Lage weiter entspannt, bedeutet dies noch lange nicht, dass sich die Versorgungslage unmittelbar normalisiert. Tanker müssen Rückstaus abbauen, Lieferketten neu organisiert und Versicherungsrisiken neu kalkuliert werden. Hinzu kommt, dass beschädigte Förderanlagen, Raffinerien und Hafeninfrastruktur nicht innerhalb weniger Wochen wieder ihre volle Leistungsfähigkeit erreichen.
Auch der Krieg in der Ukraine bleibt ein Unsicherheitsfaktor. Russische Raffinerien und Teile der Energieinfrastruktur werden weiterhin angegriffen. Russland gehört zwar unverändert zu den größten Ölproduzenten der Welt, doch solche Angriffe erhöhen die Anfälligkeit der globalen Angebotsseite.
Vielleicht unterschätzt der Markt derzeit also nicht die Wahrscheinlichkeit eines Friedens. Vielleicht unterschätzt er vielmehr, wie lange es dauert, bis aus politischer Entspannung wieder ein funktionierendes Ölangebot wird.
Die Rechnung kommt oft Jahre später
Der Ölmarkt leidet nicht erst seit den jüngsten geopolitischen Spannungen unter strukturellen Angebotsproblemen.
Während der Corona-Pandemie brach der Ölpreis zeitweise dramatisch ein. Gleichzeitig dominierte weltweit das Narrativ einer raschen Elektrifizierung der Wirtschaft und eines baldigen Endes des Ölzeitalters. Viele Ölkonzerne reduzierten deshalb ihre Investitionen erheblich oder verschoben neue Förderprojekte. Genau diese Entscheidungen könnten den Markt heute einholen.
Denn ein neues Ölfeld entsteht nicht innerhalb weniger Quartale. Zwischen Exploration, Genehmigung, Erschließung und nennenswerter Förderung vergehen häufig sieben bis zehn Jahre. Fehlende Investitionen entfalten ihre Wirkung deshalb erst mit erheblicher Verzögerung. Was bis heute nicht entwickelt wurde, könnte morgen am Markt fehlen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob der Ölpreis kurzfristig noch einmal um fünf oder zehn Dollar steigt oder fällt. Entscheidend ist vielmehr, ob wir am Beginn einer Phase strukturell höherer Energiepreise stehen. Genau das würde die Spielregeln an den Kapitalmärkten verändern.
Das eigentliche Dilemma der Federal Reserve
Steigende Energiepreise wirken wie eine zusätzliche Steuer auf die Weltwirtschaft. Transporte, Industrieproduktion, Düngemittel, Chemieprodukte und letztlich zahlreiche Konsumgüter verteuern sich. Genau deshalb waren Ölpreisschocks in der Vergangenheit häufig der Ausgangspunkt hartnäckiger Inflationsphasen.
In den siebziger Jahren reagierte die US-Notenbank darauf mit massiven Zinserhöhungen. Unter Fed-Präsident Paul Volcker stieg der Leitzins Anfang der achtziger Jahre zeitweise auf nahezu 20 Prozent. Die Inflation wurde schließlich gebrochen – allerdings um den Preis einer tiefen Rezession.
Heute unterscheidet sich die Ausgangslage grundlegend. Die Vereinigten Staaten weisen inzwischen eine Staatsverschuldung von rund 39 Billionen US-Dollar auf. Jeder zusätzliche Prozentpunkt Zins erhöht die Finanzierungskosten des amerikanischen Staates erheblich, die bereits heute fast 20% der US-Steuereinnahmen p.a. ausmachen. Gleichzeitig würden Unternehmen, Immobilienmärkte und private Haushalte deutlich stärker belastet als noch vor fünf Jahrzehnten.
Natürlich kann und wird die US-Notenbank die Inflation nicht ignorieren. Doch ihre Handlungsspielräume erscheinen deutlich kleiner als zu Zeiten Paul Volckers. Sollte der Inflationsdruck erneut steigen, dürfte sie deshalb wesentlich vorsichtiger agieren müssen als früher.
Genau hierin liegt aus meiner Sicht der entscheidende Unterschied zu den siebziger Jahren. Damals konnte die Inflation durch extrem hohe Zinsen bekämpft werden. Heute besteht das Risiko, dass die Inflation hartnäckiger bleibt, weil der Welt die Möglichkeit fehlt, die Zinsen noch einmal auf ein angemessenes und wirkungsvolles Niveau anzuheben.
Was bedeutet das für Anleger?
Sollte sich dieses Szenario bewahrheiten, könnten viele Portfolios auf den falschen Annahmen aufbauen. Für Anleger bedeutet das nicht, auf einen steigenden Ölpreis wetten zu müssen. Es bedeutet vielmehr, das eigene Portfolio darauf zu überprüfen, ob es auch dann robust aufgestellt wäre, wenn Inflation und Zinsen länger erhöht bleiben als heute erwartet.
Gerade Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht, Infrastrukturinvestitionen, Edelmetalle und ausgewählte Rohstoffe könnten sich in einem solchen Umfeld als wertvolle Stabilitätsanker erweisen. Denn wenn Inflation dauerhaft oberhalb der Zinsen liegt, verlieren Geldvermögen schleichend an Kaufkraft. Sachwerte dagegen gewinnen häufig an Attraktivität.
Vielleicht ist genau das die Ironie dieses Kapitalmarktzyklus. Sollte sich der derzeitige Optimismus als verfrüht erweisen und der Ölpreis aufgrund struktureller Angebotsengpässe erneut anziehen, könnte ausgerechnet jener Rohstoff, den viele Anleger heute wegen der Hoffnung auf Frieden bereits wieder abgeschrieben haben, zu den größten Profiteuren einer Phase finanzieller Repression gehören.
Frieden beendet Krieg. Er beendet aber nicht automatisch einen Angebotsengpass.
Tim Bröning ist Geschäftsführender Gesellschafter der Bröning Investment & Consulting GmbH www.broening-investment.de, und u.a. Beirat bei Fonds Finanz.
Hinweis: Diese Kolumne beschreibt ein mögliches makroökonomisches Szenario und stellt keine Prognose über die kurzfristige Entwicklung des Ölpreises dar.













