Das PKV-Scoring 2026 des Hamburger Analysehauses Ascore zeichnet ein zweigeteiltes Bild der privaten Krankenversicherung: Beitragseinnahmen, Versichertenzahlen und Kapitalerträge legen zu, während die Sicherheitspolster der Branche spürbar schrumpfen.
Verantwortlich dafür ist der Zinsanstieg am Rentenmarkt, der in den Anleihebeständen der Versicherer Kursverluste erzeugt. Für Berater und Vermittler, die Kunden bei der PKV-Wahl begleiten, liefert das Scoring damit eine wichtige Einordnung – wirft aber auch Fragen auf, die über die reine Bestnote hinausgehen.
Vier Versicherer mit Bestnote im PKV-Scoring 2026
Ascore veröffentlichte die Ergebnisse seines jährlichen PKV-Unternehmensscorings am 27. August 2026. Bewertet wurden 32 private Krankenversicherer anhand von 17 direkt einfließenden sowie 20 ergänzenden Kennzahlen aus den vier Bereichen „Erfahrung“, „Sicherheit“, „Erfolg“ und „Bestand“. Um kurzfristige Schwankungen auszugleichen, mittelt Ascore die meisten Werte über drei Geschäftsjahre.
Die Höchstbewertung „herausragend“ erreichten im aktuellen Jahrgang Signal Iduna, R+V, Universa und die Württembergische. 16 Versicherer schnitten mit „ausgezeichnet“ ab, acht mit „sehr gut“, vier weitere mit „gut“. Unter die drittbeste Kategorie fiel damit kein Anbieter.
Auffällig ist der Vergleich zu den Vorjahren: In den Scoring-Jahrgängen 2023 bis 2025 gehörten durchgehend Hallesche, LVM, Signal Iduna und Universa zum Spitzenquartett. Im PKV-Scoring 2026 sind Hallesche und LVM herausgefallen, R+V und die Württembergische neu hinzugekommen.
Ascore begründet diesen Wechsel in der Pressemitteilung nicht im Detail – welche einzelnen Kennzahlen bei Hallesche und LVM den Ausschlag gaben, lässt sich aus der veröffentlichten Zusammenfassung nicht ablesen. Vermittler, die bislang mit der Bestnote dieser beiden Gesellschaften argumentiert haben, sollten deshalb die Detailbewertung im Ascore Navigator einsehen, bevor sie aus dem Notenwechsel weitreichende Schlüsse ziehen.
Warum die Sicherheitswerte unter Druck stehen
Der auffälligste Befund des PKV-Scorings 2026 betrifft nicht die Bestenliste, sondern die Entwicklung der Sicherheitskennzahlen. Die sogenannten Bewertungsreserven der Branche – die Differenz zwischen Markt- und Buchwert der Kapitalanlagen – rutschten von minus 8,6 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf minus 15,5 Milliarden Euro im Jahr 2025. Das entspricht einem Rückgang um rund 80 Prozent.
Die stillen Lasten, also die nicht realisierten Kursverluste im Anlagebestand, kletterten im selben Zeitraum um 21,1 Prozent auf 29,7 Milliarden Euro. Die Sicherheitsmittelquote, die diese Polster ins Verhältnis zu den Kapitalanlagen setzt, sank von rund 2,5 Prozent auf einen Wert nahe null.
Der Mechanismus dahinter beschäftigt aktuell die gesamte deutsche Versicherungswirtschaft: Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen ist 2026 erstmals seit 2011 über die Marke von drei Prozent gestiegen, angetrieben unter anderem von der hohen Emissionstätigkeit des Bundes zur Finanzierung von Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben.
Steigende Marktzinsen drücken den Kurswert älterer, niedriger verzinster Anleihen im Bestand der Versicherer – genau jener Wertpapiere, in denen PKV-Unternehmen traditionell einen Großteil ihrer Alterungsrückstellungen anlegen. Kurzfristig entstehen dadurch buchhalterische Bewertungsverluste, auch wenn die Anleihen bei Fälligkeit regulär zum Nennwert zurückgezahlt werden.
Zugleich sanken die Eigenkapitalquote von 15,05 auf 14,03 Prozent sowie die RfB-Quote – der Anteil der Rückstellung für erfolgsabhängige Beitragsrückerstattung an den verdienten Bruttobeiträgen – von 30,7 auf 27,72 Prozent. Bei Letzterer nennt Ascore vor allem die gestiegenen Bruttobeiträge als Ursache, während die absolute RfB-Zuführung nahezu konstant blieb. Rechnerisch sinkt die Quote also auch ohne eine tatsächliche Verschlechterung der Substanz.
Solvabilität bleibt komfortabel – aber die Richtung zählt
Trotz der negativen Entwicklung bei Bewertungsreserven und stillen Lasten bewegt sich die Kapitalausstattung der PKV-Branche weiterhin auf hohem Niveau. Die Netto-SCR-Quote – bereinigt um Volatilitätsanpassungen und Übergangsmaßnahmen und damit eine besonders konservative Messgröße nach Solvency II – lag 2025 bei 374,42 Prozent, nach 382,98 Prozent im Vorjahr.
Die aufsichtsrechtlich geforderte Mindestquote liegt bei 100 Prozent. Die Branche verfügt also weiterhin über ein Vielfaches der vorgeschriebenen Eigenmittel. Neun der 32 Versicherer nutzten 2025 Volatilitätsanpassungen zur Glättung ihrer Solvenzquote, ein Unternehmen griff wie in den Vorjahren zusätzlich auf Übergangsmaßnahmen zurück.
Zur Einordnung lohnt der Vergleich mit der Lebensversicherung: Der GDV meldete für Lebensversicherer, die ähnlich langfristig in Anleihen investiert sind, für 2025 einen deutlichen Anstieg der durchschnittlichen SCR-Quote auf 374 Prozent nach 295 Prozent im Vorjahr.
Als Treiber nannte der Verband die gestiegenen langfristigen Zinsen. Die PKV-Branche zeigt bei nahezu identischem Quotenniveau also eine leicht gegenläufige Bewegung. Eine belastbare Erklärung liefern die verfügbaren Quellen dafür nicht, naheliegend sind methodische Unterschiede zwischen der Ascore- und der GDV-Erhebung sowie abweichende Stichtage.
Erfolg und Bestand entwickeln sich robust
Während die Sicherheitskennzahlen belasten, zeigen sich Erfolg und Bestand der Branche 2025 in guter Verfassung. Die Bruttobeiträge stiegen um 8,3 Prozent auf 54,26 Milliarden Euro, die Zahl der versicherten Personen wuchs um 2,21 Prozent auf rund 39,58 Millionen. Die Zahl der Vollversicherten legte dagegen nur moderat um 0,4 Prozent auf 8,77 Millionen zu – ein Hinweis darauf, dass das Wachstum überwiegend im Zusatzversicherungsgeschäft stattfindet.
Auch die Ertragskennzahlen der Kapitalanlagen entwickelten sich positiv: Die Kapitalerträge stiegen von 11,7 auf 13,2 Milliarden Euro, die laufende Durchschnittsverzinsung von 2,79 auf 3,04 Prozent. Damit zeigt sich die Kehrseite des Zinsanstiegs: Was kurzfristig als stille Last auf den Bewertungsreserven lastet, verbessert mittelfristig die laufende Verzinsung des Neu- und Wiederanlagegeschäfts. Es handelt sich um einen klassischen Zielkonflikt zwischen Buchwert- und Ertragsperspektive.
Kennzahlen im Überblick: PKV-Branche 2024 versus 2025
| Kennzahl | 2024 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Bewertungsreserven (saldiert) | −8,6 Milliarden Euro | −15,5 Milliarden Euro | −80,2 Prozent |
| Stille Lasten | 24,5 Milliarden Euro | 29,7 Milliarden Euro | +21,1 Prozent |
| Sicherheitsmittelquote | rund 2,5 Prozent | nahe 0 Prozent | rückläufig |
| Eigenkapitalquote | 15,05 Prozent | 14,03 Prozent | −1,02 Prozentpunkte |
| RfB-Quote | 30,7 Prozent | 27,72 Prozent | −2,98 Prozentpunkte |
| Netto-SCR-Quote | 382,98 Prozent | 374,42 Prozent | −8,56 Prozentpunkte |
| Bruttobeiträge | 50,06 Milliarden Euro | 54,26 Milliarden Euro | +8,3 Prozent |
| Versicherte Personen | 38,72 Millionen | 39,58 Millionen | +2,21 Prozent |
| Vollversicherte | 8,73 Millionen | 8,77 Millionen | +0,4 Prozent |
| Laufende Durchschnittsverzinsung | 2,79 Prozent | 3,04 Prozent | +0,25 Prozentpunkte |
Was das PKV-Scoring 2026 für die Beratungspraxis bedeutet
Für PKV-Vermittler wechselt die Bestnote teilweise die Adressaten. Wer bislang mit der Spitzenbewertung von Hallesche oder LVM argumentiert hat, sollte die aktuelle Einstufung im Beratungsgespräch aktualisieren, ohne daraus vorschnell eine grundsätzliche Bonitätsverschlechterung abzuleiten. Die breite Notenverteilung – kein Versicherer unter „gut“ – zeigt zugleich, dass sich das Marktumfeld insgesamt auf hohem Niveau bewegt.
Für Finanzberater und Vermögensverwalter ist der Rückgang der Bewertungsreserven kein akutes Alarmsignal, sondern Ausdruck eines branchenweiten Zinseffekts, der ebenso die Lebensversicherer betrifft. Relevanter für die Beratungspraxis bleibt die Netto-SCR-Quote von weiterhin knapp 375 Prozent, die deutlich über der aufsichtsrechtlichen Mindestanforderung von 100 Prozent liegt.
Für institutionelle Marktteilnehmer ist die Entwicklung ein weiterer Datenpunkt dafür, wie stark die Zinswende am deutschen Rentenmarkt – getrieben auch von der Neuverschuldung des Bundes für Verteidigung und Infrastruktur – auf die Bilanzen langfristig anlegender Versicherer durchschlägt. Die Kombination aus sinkenden Bewertungsreserven und steigender laufender Verzinsung dürfte anhalten, solange das Zinsniveau nicht wieder deutlich fällt. Wer Mandanten zur privaten Krankenversicherung berät, sollte deshalb neben der Gesamtnote gezielt auf die Sicherheitskennzahlen der jeweiligen Gesellschaft schauen und den Notenwechsel bei Hallesche und LVM zum Anlass nehmen, die Detailbewertungen im Ascore Navigator zu konsultieren.














