Rentenalter: Studie stellt Kopplung an Lebenserwartung infrage

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Reaktionen: Von Zustimmung bis scharfer Kritik

Die Empfehlungen der Alterssicherungskommission stoßen auf ein geteiltes Echo. Wirtschaftsverbände wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag begrüßen das Paket überwiegend als überfällige Reform. Ökonominnen wie die Wirtschaftsweise Veronika Grimm halten die Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung sowie die Abschaffung der Rente ab 63 für richtig.

Gewerkschaften und Opposition äußern sich deutlich kritischer. Linken-Fraktionschef Sören Pellmann nannte es „fatal“, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln, weil diese bei Armen und Reichen unterschiedlich stark steigt. Der AfD-Arbeitsmarktpolitiker René Springer kritisierte, die Vorschläge liefen darauf hinaus, dass Menschen länger arbeiten und mehr zahlen müssten. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer forderte im Kontext der MHH-Studie ausdrücklich Nachbesserungen: Wer jahrzehntelang gearbeitet habe, dürfe im Alter nicht dafür bestraft werden, dass er in den 1990er-Jahren für niedrigere Löhne gearbeitet oder Arbeitslosigkeit durchgestanden habe.

Auch in der Bevölkerung ist der Vorschlag unpopulär. Laut einer Infratest-dimap-Umfrage im Auftrag der ARD von April 2026 sprechen sich fast zwei Drittel der Befragten gegen eine Kopplung des Rentenzugangsalters an die Lebenserwartung aus. Die Deutsche Rentenversicherung Bund äußerte sich über ihre Präsidentin Gundula Roßbach dagegen zurückhaltend positiv: Die Empfehlungen seien ein „klares Bekenntnis zu einer starken ersten Säule“ der Alterssicherung.

Direkte politische Reaktionen speziell auf die MHH-Studie sind bislang vereinzelt und beziehen sich vor allem auf die allgemeine Reformkritik. Eine gezielte Stellungnahme der Alterssicherungskommission oder des Bundesarbeitsministeriums zu den gesundheitsbezogenen Befunden liegt nach aktuellem Rechercheergebnis nicht vor.

Konsequenzen für Berater, Vermittler und Anleger

Für Finanzberater und Versicherungsmakler liefert die Studie ein zusätzliches, wissenschaftlich untermauertes Argument in Beratungsgesprächen zur Erwerbsminderungsabsicherung. Tragen jüngere Jahrgänge tatsächlich ein höheres Risiko, mit gesundheitlichen Einschränkungen in die zweite Hälfte des Erwerbslebens zu gehen, steigt die Relevanz privater Berufsunfähigkeits- und Erwerbsminderungsversicherungen für genau diese Zielgruppe. Gleichzeitig zeigt die Studie ein deutliches Bildungs- und Berufsgefälle: Kundinnen und Kunden in körperlich oder psychisch belastenden Berufen benötigen tendenziell eine intensivere Absicherung als Angestellte in geringer belasteten Tätigkeiten.

Für institutionelle Marktteilnehmer und Fondsvermittler unterstreicht die Debatte die politische Unsicherheit rund um die geplante Kapitalrente nach schwedischem Vorbild, die die Alterssicherungskommission als zweite Säule zur gesetzlichen Rente vorschlägt. Je stärker der Vertrauensverlust in die erste Säule wächst, begünstigt durch Zweifel an der gesundheitlichen Tragfähigkeit eines späteren Renteneintritts, desto größer könnte der Bedarf an ergänzender privater und betrieblicher Vorsorge werden. Das ist tendenziell ein Rückenwind-Argument für Produkte der zweiten und dritten Säule, sollte aber nicht als gesicherte Prognose kommuniziert werden, solange die Gesetzgebung nicht abgeschlossen ist.

Für private Sparerinnen und Sparer, insbesondere jüngere Beitragszahler, liefert die Studie ein Argument für eine frühzeitigere Vorsorgeplanung, die nicht erst im höheren Alter einsetzt, sowohl finanziell als auch gesundheitlich. Wer heute zwischen 18 und 44 Jahre alt ist, sollte laut den Studienergebnissen nicht automatisch davon ausgehen, gesundheitlich in besserer Verfassung zu sein als die Elterngeneration im gleichen Alter.

Was noch unklar ist

Mehrere Fragen lassen sich auf Basis der aktuell verfügbaren Quellen nicht abschließend beantworten. Ob sich der beobachtete negative Gesundheitstrend bei Jüngeren im weiteren Lebensverlauf wieder verbessert, ist nach Angaben der Studienautorinnen selbst noch offen. Eine offizielle Reaktion der Alterssicherungskommission oder des Bundesarbeitsministeriums auf die MHH-Studie liegt bislang nicht vor. Der genaue Gesetzestext zur Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung ist zudem noch nicht verabschiedet, alle genannten Zahlen zu 67,5 Jahren basieren auf Modellrechnungen mit den aktuellen mittleren Annahmen des Statistischen Bundesamtes. Belastbare Zahlen dazu, wie viele zusätzliche Erwerbsminderungsrenten oder vorzeitige Berentungen ein höheres Rentenalter unter den beschriebenen Gesundheitstrends auslösen könnte, liegen ebenfalls nicht vor.

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